Optimistisch in die neue Zeit: Arbeiter der Hermann-Göring-Werke in Linz begrüßen den Luftwaffenchef.

Sogar mehr als 70 Jahre nach Ende der NS-Herrschaft quälen sich Unternehmen mit ihrer Vergangenheit. Ende Dezember berichtete der STANDARD darüber, dass Swarovski im Jahr 2011 eine historische Aufarbeitung seiner Vergangenheit in der NS-Zeit bei dem Wiener Historiker Dieter Stiefel in Auftrag gegeben hat. Stiefel hat zwei Bücher dazu verfasst, beide durften nicht erscheinen, sondern nur eine Zusammenfassung der Erkenntnisse in einem Fachjournal. Aber welche Rolle spielten eigentlich heimische Unternehmen in der NS-Zeit – und gibt es für Unternehmer eine Pflicht, autoritäre Tendenzen zu bekämpfen?

STANDARD: Inwieweit haben österreichische Unternehmen ihre Rolle in der NS-Zeit aufgearbeitet? Einige Historiker sagen, dass Deutschland viel weiter ist.

Stiefel: Das ist sicher richtig. Es gibt einen großen Unterschied: In der Bundesrepublik wurde die NS-Zeit immer schon als Teil der eigenen Geschichte betrachtet. In Österreich war es aus einer langen Tradition heraus üblich, unsere Nazi-Geschichte als die Geschichte Deutschlands zu sehen. Das heißt, wir waren Opfer, und Österreich selbst hätte die schlimmen Dinge nie getan. Bei den Unternehmen gab es solche, die die NS-Zeit irgendwie überstanden haben, und solche, die stark vom Regime profitiert haben. Das war etwa in der Eisen- und Stahlindustrie der Fall. Diese Unternehmen waren nach 1945 an allem anderen mehr interessiert als daran, ihre Geschichte aufzuarbeiten.

STANDARD: Da ist lange gar nichts geschehen?

Stiefel: Wenn österreichische Unternehmungen 100 Jahre alt geworden sind und eine Chronologie ihrer eigenen Gesichte herausgaben, ist es lange typisch gewesen, dass da die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg und zur Weltwirtschaftskrise behandelt wurde. Aber irgendwie fehlten immer die Nazizeit und die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Geschichte begann dann beim Wiederaufbau wieder. Nach dem Motto: Vom Zweiten Weltkrieg wissen wir nichts, und wenn, sind wir nicht schuld.

STANDARD: Sie haben die NS-Zeit für mehrere österreichische Unternehmen aufgearbeitet. Wann hat ein Umdenken eingesetzt?

Stiefel: Noch bis in die 1990er-Jahre hinein war das ein schwieriges Thema. Ich habe damals die Geschichte der Spedition Schenker aufgearbeitet und jene der Allgemeinen Baugesellschaft Porr. Diese Unternehmen waren stolz auf ihr hohes Alter und wollten ihre Geschichte seriös von einem Historiker dargestellt wissen. Im Zuge des Projekts habe ich mich immer stärker an die NS-Zeit herangearbeitet, und mit einem Male gab es Bedenken, dass man zu viel finden könnte, was dem Unternehmen unangenehm ist. Ich habe in beiden Fällen lange mit dem Vorstand diskutiert und gesagt: Es ist besser, alles auf den Tisch zu legen. Schließlich stimmten beide Unternehmen mit mir darin überein. Kurze Zeit später hat die Jüdische Weltkongress begonnen, Druck auf die Schweizer Banken aufzubauen. Das brachte die Dinge ins Rollen.

Die Credit Suisse und die UBS zahlten Opfern des Holocaust und deren Nachfahren 1,9 Milliarden Dollar aus.
Foto: Reuters

STANDARD: Was löste der Druck auf die Schweizer Banken aus?

Stiefel: Es gab in der Schweiz viele vergessene Konten, die seit 1945 nicht mehr bewegt worden waren. Die Banken haben sich ruhig verhalten und die Kontoinhaber nicht gesucht. Da waren sehr viele Juden dabei, die ermordet worden waren. In den 90er-Jahren baute der Weltkongress Druck auf die Schweizer Institute auf, dann auf die deutschen und schließlich österreichischen: Die Banken waren durch die Forderungen der jüdischen Weltorganisation gezwungen, ihre Geschichte aufzuarbeiten. In Österreich war vor allem die Creditanstalt betroffen: Dort hieß es, dass drei Milliarden Schilling an jüdischem Vermögen noch gebunkert sein sollen.

STANDARD: Als Reaktion haben die Banken Licht ins Dunkel gebracht?

Stiefel: Die Wahrscheinlichkeit, dass das bei einem Prozess die Kreditinstitute verloren hätten, war gering, aber die Entschädigungssummen, die da gefordert wurden, waren sehr hoch. Die Banken sind vorsichtig geworden. Sie haben Nachforschungen beauftragt. Allein über die Rolle der Creditanstalt sind zwei dicke Bände veröffentlicht worden. In Österreich ist dann die Historikerkommission eingerichtet worden, um die Arisierung in sämtlichen Branchen aufzuarbeiten.

STANDARD: Ist es Ihnen schon einmal so wie im Fall Swarovski passiert, dass Sie von einem Unternehmen beauftragt wurden, die NS-Zeit aufzuarbeiten, das Ergebnis aber nicht publizieren durften?

Stiefel: Noch nie, Kollegen allerdings schon. Die sind auf Dinge gestoßen, mit denen die Auftraggeber nicht gerechnet hatten und wo diese deshalb keine Veröffentlichung wollten. Bei Swarovski ist der Grund dafür, dass die Veröffentlichung bisher verhindert wird, ein anderer – nämlich eine kollektive Unternehmensführung durch die vielen Eigentümer. Obwohl die Erkenntnisse insgesamt nicht sonderlich belastend waren, haben einzelne Unternehmenseigentümer gesagt: Wozu brauchen wir das überhaupt?

Begeisterter Empfang für Adolf Hitler in Österreich.
Foto: AFP

STANDARD: Kann man eine Kategorisierung treffen: Wie viele Unternehmer in Österreich waren vom NS-System begeistert, wie viele reine Opportunisten?

Stiefel: Die Unternehmer waren unterschiedlich in ihren Ansichten. Einige waren Sozialisten oder Befürworter der Monarchie. Sehr viele haben nach dem starken Mann gerufen, weil aus ihrer Sicht erst dadurch etwas vorwärts gehen konnte. Die Begeisterung war 1938 für Österreich ohnehin nicht mehr sehr groß. Dafür hatte der Ständestaat schon gesorgt, der ein deprimierendes politisches Gebilde war. Viele Unternehmer hatten 1938 zudem für sich eine Chance gesehen durch den Rüstungsboom, der in Deutschland bereits voll im Gange war. Die meisten österreichischen Unternehmer haben mitgespielt oder waren echte Profiteure des NS-Regimes.

STANDARD: Die Swarovski-Eigentümer sind geschlossen der NSDAP beigetreten, einige von ihnen lange vor dem "Anschluss". Einen solchen Zwang gab es nicht?

Stiefel: Ein Unternehmer konnte, ohne dass er bei der Partei war, selbstverständlich weiter aktiv sein. Einen wirklichen Grund, der NSDAP beizutreten, gab es nicht. Was man nicht vergessen darf, ist, dass die Begeisterung für das NS-Regime in Österreich alle Gesellschaftsschichten durchzogen hat. Die NSDAP wollte eigentlich eine Elitepartei sein, mit nicht mehr als 15 Prozent Mitgliedern. In Österreich gibt es aber ab 1938 einen solchen Andrang, dass eine eigene Institution eingeführt wird: die Parteianwärterschaft. Hunderttausend Österreicher wurden Parteianwärter in der Hoffnung, dass sie durch eine verdienstvolle Tätigkeit irgendwann in die Partei aufgenommen werden. Die höchsten Heiratsziffern in Österreich im 20. Jahrhundert hat es 1938 gegeben, die höchsten Geburtenziffern 1939. Die Menschen waren schlagartig optimistisch.

STANDARD: Welcher Wirtschaftssektor hat in Österreich am stärksten profitiert in der NS-Zeit?

Stiefel: Alles, was mit Rüstung zu tun hat – neben der Eisen- und Stahlindustrie auch der Flugzeug- und Motorenbau. Auch der Faserhersteller Lenzing und die chemische Industrie haben enorm profitiert. Schließlich ist der Bausektor ein Gewinner. Während des Zweiten Weltkriegs haben Bauunternehmen große Aufträge für Bunker, Verteidigungsanlagen, Flugplätze bekommen. In der Bauwirtschaft war, ich weiß nicht, weshalb, die Begeisterung für das NS-Regime generell groß.

Der Historiker Dieter Stiefel hat die NS-Geschichte vieler österreichischer Unternehmen aufgearbeitet.

STANDARD: Welche Rolle haben Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge gespielt?

Stiefel: Das kommt auf die Branche an. Insgesamt gab es etwa eine Million Zwangsarbeiter im Land. Am meisten eingesetzt wurden sie in der Landwirtschaft, weil die Männer im Krieg waren. Aber auch in der Industrie war ihr Einsatz verbreitet. Die Zwangsarbeiter wurden vor allem aus Russland und der Ukraine hergebracht. Ein Bauernbetrieb funktionierte im Regelfall so, dass jeder an einem Tisch saß, der Bauer nimmt sich als Erster was, aber jeder wird versorgt. Schlimm war es, wenn KZ-Häftlinge für Zwangsarbeit in der chemischen Industrie oder der Stahlindustrie eingesetzt wurden. Dort ist man unter Bewachung der SS gewesen, was schrecklich war, unter fürchterlichen Arbeitsbedingungen. Für die Unternehmer war man dort Arbeitsmaterial, und es hat eine Gefühlskälte gegenüber diesen Menschen gegeben, die beachtlich ist.

STANDARD: Bei den Swarovskis war die Rechtfertigung nach 1945, dass man sich ans Regime anpassen musste. Wurde das geglaubt?

Stiefel: Die österreichische Politik wollte die NS-Zeit vergessen. Das gilt nicht für Teile der Sozialdemokraten und der Kommunisten. Die ÖVP hat aber umgehend versucht, ehemalige Nazis, sofern sie nicht Kriegsverbrecher waren, zu integrieren. Das Ministerium für Wiederaufbau hat belastete Leute aufgenommen. In Unternehmen war es ähnlich. Die Entnazifizierung bei Porr sah so aus: Einen führenden Ingenieur, der Nazi war, hat man zum Arbeiter degradiert, wobei er dieselbe Arbeit gemacht hat wie vorher. In Österreich kamen dann schnelle Amnestien hinzu. Danach durfte ein Großteil der Nationalsozialisten wieder wählen. Ab da beginnen SPÖ und ÖVP um diese Stimmen zu buhlen. Damit geht das Thema endgültig unter. Eine Amnestie ist an sich eine normale Sache. Was in Österreich übertrieben wurde, war, dass die früheren Nazis hervorgehoben wurden: Sie erhielten Bücherpreise, wurden geehrt. Das hätte man nicht tun müssen.

STANDARD: Wie sollte sich ein Unternehmer verhalten, wenn autoritäre Tendenzen auftreten? Das ist ja auch aktuell eine relevante Frage angesichts von Politikern wie Trump und Orbán.

Stiefel: Im Grunde antworten Unternehmer auf diese Frage, dass sie nicht dazu da sind, Politik zu machen. Das stimmt natürlich nicht, natürlich machen sie Politik, etwa indem die Wirtschaftskammer sagt, die Steuern gehören runter. Aber wer politisch agiert, ist den meisten egal, solange das Unternehmen arbeiten kann in einem System. Was die NS-Zeit betrifft, sollte man mitbedenken, dass Widerstand so gut wie unmöglich war: Das NS-Regime war radikal. Aber was es damals nicht gegeben hat und wohl auch heute bei problematischen Tendenzen nicht gibt, ist eine Verpflichtung, bei allem mitzuspielen. Es gibt durchaus Beispiele dafür, dass Unternehmen in Österreich ihre jüdischen Mitarbeiter schnell ins Ausland entsendet haben, um sie zu schützen. Man musste niemanden verraten, niemanden schlecht behandeln. Es gab Möglichkeiten, einigermaßen anständig zu bleiben.

STANDARD: Wozu kann Aufarbeitung der Geschichte, etwa in einem Unternehmen, heute noch dienen?

Stiefel: Es ist sicher so, dass der Nationalsozialismus nicht mehr kommen wird. Wir können auch nicht sagen, dass die FPÖ eine Nazipartei ist. Die NSDAP wollte Europa erobern, diesen Verdacht habe ich bei der FPÖ nicht. Aber sämtliche Elemente des Nationalsozialismus gab es schon vorher. Die Nationalsozialisten haben sie gebündelt und radikalisiert. Den Nationalismus, den Fremdenhass, den Antisemitismus, die Ablehnung gegen romanische Einflüsse, gegen alles Russische und Slawische. All diese Strömungen sind heute auch noch da. Es gibt nach wie vor einen Antisemitismus in Österreich, auch wenn nicht so stark wie in anderen Ländern. Wir haben einen starken Nationalismus, der in ganz Europa stärker wird. Die Forderung nach dem starken Mann kommt hinzu. Was die Demokratie machen muss, ist, sehr achtzugeben, denn die Geschichte lehrt, dass sich solche Strömungen sehr rasch radikalisieren und gefährlich werden können. (András Szigetvari, 21.1.2019)