Der Soldat von morgen wird seine Schlachten immer seltener in Panzern, Fighterjets oder gar als Fallschirmjäger ausüben. Viel eher wird er oder sie in einem mit Bildschirmen, Kommunikationstechnologie und Servern vollgepackten Raum kriegerische Handlungen durchführen. 2050 wird der muskelbepackte Navy-Seal von den Computer-Nerds und Gamer-Kids, die im nächsten Jahrzehnt geboren werden, als effektivster Kämpfer abgelöst werden. Schon heute rekrutiert das Militär bei der technikaffinen Generation und macht sich deren Fähigkeiten wie Fingerfertigkeit, dreidimensionales Denken oder Reaktionsgeschwindigkeit zunutze.

Der Drohnen-Race-Weltcup auf einer seiner Stationen in Indonesien im vergangenen Jahr. Schnell wird ersichtlich, warum die Militärs dieser Welt bei solchen Veranstaltungen rekrutieren.
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Zwar werden die Gesellschaften vollindustrialisierter, demokratischer Staaten noch postheroischer werden, als sie es heute schon in vielen westeuropäischen Staaten wie Österreich, Deutschland, den Niederlanden, Spanien oder Italien sind. Weniger als ein Viertel der Bevölkerung dieser Staaten ist laut Umfragen heute noch bereit, für "ihr Land" in den Krieg zu ziehen. Ein Trend, der auch andere Staaten in ähnlicher Form früher oder später ereilen wird.

Zugleich werden aber jene Soldaten, die es dennoch wagen und auf die Schlachtfelder dieser Welt ziehen müssen, durch neue Materialen und 3D-Drucker-Rüstungen besser denn je geschützt sein. Die Fähigkeit, "boots on the ground" zu bringen, also Soldaten in ein Kampfgebiet zu entsenden, wird trotz aller technischen Fortschritte mitentscheidend bleiben, ist Brigadier Walter Feichtinger vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktforschung (IFK) an der Landesverteidigungsakademie Wien überzeugt. Dass die Kriege in Zukunft also ohne jegliches Blutvergießen auskommen werden, bleibt eine Illusion.

Grundsätzlich ist insofern eine äußerst interessante Entwicklung in der Kriegsindustrie festzustellen, als dass im vergangenen Jahrhundert noch vor allem die Forschungen der Militärs sowie der (bemannten) Raumfahrt Technologien abwarfen, die das Leben der Zivilbevölkerung erleichterten. Heute ist es eher umgekehrt: Das Militär prüft, welche Fortschritte bei selbstfahrenden Autos, Augmented-Reality-Brillen in der Computerspielbranche oder bei neuen Kameraobjektiven gemacht werden, und überlegt dann deren militärische Nutzungsmöglichkeiten.

Autonome Waffensysteme

Die fortschreitende Automatisierung, die an der Supermarktkassa oder im Flugverkehr längst Einzug gehalten hat, wird auch im militärischen Sektor noch weiter voranschreiten, der Faktor Mensch fast gänzlich in den Hintergrund rücken und Maschinen sich oft nur mehr gegenseitig bekämpfen. Der flächendeckende Einsatz vollautonomer Waffen wird bis 2050 technisch definitiv möglich sein. Maschinen könnten Menschen das Töten völlig abnehmen, was natürlich zahlreiche moralische und ethische Fragen aufwirft, ob man diesen Schritt gehen möchte.

Noch ist stets ein Mensch in diesen Prozess involviert, der sogenannte "human in the loop". "Und vor seinem Verschwinden kann ich nur eindringlich warnen, es muss immer einen Menschen am sprichwörtlichen roten Knopf geben, der das noch beeinflussen kann", sagt Feichtinger. Auch Tim O'Brien, Verantwortlicher für ethische Fragen beim Einsatz von künstlicher Intelligenz beim Technikgiganten Microsoft, plädiert im STANDARD-Gespräch dafür, stets einen Menschen involviert zu halten. "Silicon Valley soll nicht darüber entscheiden, was künstliche Intelligenz darf und was nicht. Ungewählte Technikbosse sollten nicht die Macht haben, über die Zukunft der Menschheit entscheiden zu können."

Kriegsführung ist letzten Endes aber immer auch eine Frage von Machbarkeit. Feichtinger: "Es geht stets darum, potenzielle Gegner zu dominieren, sie einzuschüchtern, sie eine Auseinandersetzung gar nicht erst eingehen zu lassen". Vollautonome Waffen sind dafür quasi prädestiniert. Sie befeuern das Konzept einer Rüstungsspirale nach oben, die sich nicht nur in der Luft anbahnt. Unterwasserdrohnen werden vorerst auf Spionagetätigkeiten beschränkt sein, sollen aber schon bald als vollautonome U-Boote auch bewaffnet sein.

Die USA und Israel waren Vorreiter. Doch in den vergangenen Jahren zogen vor allem industrialisierte Staaten extrem nach. Der Besitz bewaffneter Drohnen weitet sich klar aus. Mit dem "Islamischen Staat", den Huthi-Rebellen, Hisbollah, Hamas, libyschen Rebellen, kurdischen Peschmerga-Kämpfern, prorussischen Separatisten in Donezk und einigen anderen verfügen auch zahlreiche nichtstaatliche Akteure bereits über rudimentäre Drohnen, welche mit konventionellen Waffen bestückt werden könnten. Oft erhalten solche Organisationen auch von alliierten Staaten oder Unterstützern vollwertig kampffähige Drohnen.

Auch teilautonome Präzisionswaffen, wie sie heute beispielsweise bei US-Drohnenangriffen im Jemen, in Pakistan oder in Somalia beinahe täglich zum Einsatz kommen, entwickeln sich bis 2050 weiter. Sie sollen immer weniger Kollateralschäden anrichten und wirklich nur jene Ziele treffen, für die sie bestimmt sind. Dennoch ist zu befürchten, dass Hemmungen betreffend "legitimer Ziele" eines Staates fallen. Angreifender Staat und Betroffene haben davon klarerweise meist recht unterschiedliche Auffassungen.

Außergerichtliche Tötungen haben seit dem Einsatz von Drohnen auch tatsächlich signifikant zugenommen. Drohnenpiloten berichten heute schon davon, dass sie sich teils nur mehr als Mörder am Joystick und nicht als Krieger auf dem Felde sehen. Man kann nur hoffen, dass solche Einsätze künftig auch einer intensiveren internationalen Überprüfung nach Menschenrechtskriterien standhalten müssen.

Laut dem "Bureau of Investigative Journalism" haben die USA seit 2004 mehr als 6.300 Drohnenangriffe lanciert.
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Die internationalen Regulationsmechanismen, die schon jetzt technischen Errungenschaften quasi permanent hinterherhinken, werden mit diesem Tempo kaum mithalten können. Selbstregulierung – wie etwa von Microsoft praktiziert – läuft auch permanent Gefahr, von Mitbewerbern oder dem eigenen Unternehmen unterlaufen zu werden. Schließlich besteht die Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Der französische Luftwaffenexperte Emmanuel Go warnte jüngst davor, dass ein vollautonomer Roboter schlecht vor ein Kriegsgericht gestellt werden kann. Aber wer dann? Der Entwickler, der Oberbefehlshaber des Heeres, der Soldat, der ihn einschaltete?

Wettrüsten

Die Angst vor einem erneuten Wettrüsten, wie es etwa während des Kalten Krieges stattfand und diesmal am ehesten zwischen China und den USA auszubrechen droht, besorgt viele Militärstrategen. Die Volksrepublik aus Fernost holt derzeit in fast allen militärischen Bereichen auf, wird bis 2050 zwar nicht zu den Vereinigten Staaten von Amerika aufschließen, diese aber in Teilen herausfordern und in anderen Gebieten zu mehr Eigeninitiative antreiben. Das US-Pentagon glaubt, dass die russischen Militärfähigkeiten 2028 und jene Chinas 2030 ihren Höchststand erreichen werden.

Besonderes Augenmerk legen Militärverantwortliche dabei neben Chinas Fortschritten bei extrem schnellen Raketen und autonomen Systemen auf deren Forschung im Bereich der Quantencomputertechnik. Noch ist jeder herkömmliche PC leistungsfähiger.

Die Fortschritte im Bereich der Quantencomputertechnik könnten die Kriegsführung revolutionieren.
Seeker

Sollten die erwarteten Fortschritte aber tatsächlich eintreten, so werden Quantencomputer schon bald imstande sein, nichthackbare Kommunikation zu garantieren oder mittels Quantenradars sämtliche Tarnkappenbomber und Spionagedrohnen aufzuspüren.

Möglich macht dies die sogenannte Quantenverschränkung. Jenes Prinzip der Quantenmechanik besagt, dass beispielsweise zwei verschränkte Lichtpartikel erzeugt werden können, die stets dieselbe Polarisation behalten, egal wie weit entfernt sie voneinander sind. Wenn beispielsweise eines der verschränkten Lichtpartikel gen Himmel geschossen wird, dort auf einen Tarnkappenbomber (der nur Radiowellen abwehrt) trifft und deshalb seine Polarisation ändert, so verändert sich diese auch beim zweiten Partikel, und der scheinbar unentdeckbare Flieger kann aufgespürt werden. Weder die USA noch China werden es sich leisten können und wollen, nicht aufzuschließen.

Die russischen Khinsal-Raketen sollen angeblich bis zu zehnfache Überschallgeschwindigkeit (rund 12.000 km/h) erreichen können. Die ganze Welt wäre damit binnen weniger als zwei Stunden erreichbar.
Möbius nf

Auch andere "etablierte" Waffensysteme entwickeln sich weiter. Raketen, die schneller als mit zehnfacher Schallgeschwindigkeit unterwegs sind, durchbrechen die gängigen Raketenabwehrsysteme. Besonders Russland will auf diesem Gebiet weiter aufrüsten. Sobald Defensivsysteme keine Erfolgsaussichten mehr haben, sind der Rüstungsspirale offensiver Systeme keine Grenzen mehr nach oben gesetzt.

Cyberkrieg

Ähnlich sieht es beim Cyberwar aus. Es ist der Bereich, der Durchschnittseuropäer am ehesten betreffen wird, zugleich aber jener, der am unterschwelligsten daherkommt. Wenige bis gar keine Regeln existieren derzeit für die Kriegsführung in der Cyberdomäne. Das Stehlen von privaten Informationen, die Internetkriminalität allgemein, ist sozusagen ein kleiner Auswuchs dessen, was uns auf großer Bühne bevorstehen könnte. Ein Cyberkrieg ist bislang noch nicht ausgebrochen. Viel eher kommt es derzeit zu "permanenten Nadelstichen" seitens mehrerer Staaten, um auszuloten, wie weit man gehen kann, sagt Feichtinger.

Ein Trend, der sich auch in den kommenden Jahrzehnten so manifestieren wird. Das macht Russland ebenso wie China, Nordkorea oder die USA. Es geht dabei wiederum um Dominanz und darum, potenzielle Fähigkeiten aufzuzeigen. Muskelspiele auf Cybermilitärisch sozusagen. Besonders gefährlich dabei: Jeder Staat definiere für sich selbst, wann die strategische Schwelle erreicht ist, bei der es zu handeln gilt, sagt Brigadier Feichtinger zum STANDARD.

Kein industrialisierter Staat ist derzeit auch nur annähernd für eine groß angelegte Cyberattacke – wie sie schon bald möglich sein wird – gerüstet, auch psychisch nicht. Dreht man für zwei Tage das Stromnetz und die zentralen Netzwerkstellen wie Verwaltung, Hauptverkehrsrouten oder Bankenwesen eines Staates ab, so würde es zu Unruhen und Plünderungen, vielleicht sogar anarchischen Zuständen kommen, glaubt Feichtinger. Diese potenzielle Gefahr drohe, viel wahrscheinlicher seien aber auch in Zukunft Versuche, demokratische Prozesse zu unterminieren und Unsicherheit zu schüren. Nicht erkennbare Videomanipulationen von Politikerreden oder Kundgebungen werden die Gesellschaft vor Herausforderungen stellen und die Skepsis fördern.

Atomwaffen

Seit deren letztem Einsatz am Ende des Zweiten Weltkriegs wurden keine Atomwaffen mehr in Kriegen eingesetzt. Zu sehr sind die immer stärker gewordenen Massenvernichtungswaffen von der Zivilbevölkerung und zahlreichen Politikern geächtet. Die Gefahr, die Nuklearwaffen durch menschliche und technische Fehleranfälligkeit sowie etwaige Fehlalarme und ihre ständige Einsatzbereitschaft trotzdem ausstrahlen, wird dennoch in Kauf genommen. Zwar gab es in den vergangenen Jahren Bestrebungen, Atomwaffen nicht nur zu ächten, sondern sie gänzlich zu verbieten (Ähnliches geschah bereits mit biologischen und chemischen Waffen. Deren Einsatz in Korea, in Vietnam oder aktuell in Syrien sind traurige Ausnahmen). Die Erfolgsaussichten für eine nuklearwaffenfreie Welt sind ob des Widerwillens der Atomwaffenstaaten sowie des Prinzips der nuklearen Abschreckung, welchem viele Realpolitiker nach wie vor folgen, aber gering.

Die Evolution der Sprengkraft von Atomwaffen. Bizarrerweise werden wieder schwächere Atomwaffen produziert, um die Hemmschwelle für ihren Einsatz sinken zu lassen.
Tech Insider

Auch deshalb geht der Trend in der Rüstungsindustrie in Richtung einer Modernisierung und Verkleinerung von Atomwaffen. Damit soll die Hemmschwelle für deren Einsatz sinken. Der Vernichtungsradius sogenannter Mini-Nukes bis 20.000 Tonnen TNT Sprengkraft soll deutlich kleiner sein, als er technisch möglich wäre. Die Sowjets etwa testeten bereits zu Beginn der 1960er-Jahre erfolgreich die Zar-Bombe mit rund 50.000.000 Tonnen TNT Sprengkraft. Dennoch haben die Miniaturbomben immer noch zerstörerische Potenziale, die den über Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Bomben gleichen.

Bislang blieb ein Atomkrieg aus. Zu hoch scheinen der menschliche und der wirtschaftliche Zoll, den solch eine Auseinandersetzung fordern würde. Das glaubte man allerdings vor den beiden Weltkriegen auch. Planen würde Weltkriege ohnehin niemand, "die passieren", sagt Feichtinger.

Statt Weltraumkrieg die Kalaschnikow

Der Krieg der (nahen) Zukunft wird nicht im Weltall entschieden werden. Raketenstarts und das Positionieren von Satelliten werden zwar weit kostengünstiger werden. Mit einem großen Wettrüsten im All rechnen die wenigsten Militärstrategen, wenngleich die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, eine Space Force einzurichten, für Aufsehen sorgt. Ein von fast allen Staaten geschätzter und respektierter Vertrag verbietet eine Stationierung von Massenvernichtungswaffen im Weltraum. Viel wichtiger als dieses Regulativ ist jedoch die Tatsache, dass sich auch bis 2050 wohl aus keiner sinnvollen Kosten-Nutzen-Rechnung herauslesen lässt, dass etwa eine Militärstation auf dem Mond rentabel ist.

Ein Kämpfer der Al-Qassam-Brigaden, der militärischen Unterorganisation der palästinensischen, militanten Hamas, zeigt seine Kalaschnikow.
Foto: APA/AFP/MOHAMMED ABED

Der Abschuss von Satelliten bleibt aber durchaus denkbar, um beispielsweise Gegner "blind zu machen", deren Navigation zu stören, sagt Militärstratege Feichtinger. Die Fähigkeiten dazu besitzen nur wenige Staaten. Dass Terroristen über solche Fähigkeiten verfügen werden, ist äußerst unwahrscheinlich.

Terrorismus wird uns auf unabsehbare Zeit dennoch begleiten; die Methoden werden sich verändern, Attackentypen und auch Zielorte werden variieren. Bis zu einem gewissen Grad werden wir damit aber leben müssen. Vor allem auch in Bürgerkriegsszenarien und innerhalb nichtdemokratischer Staaten wird mit kostengünstigen Waffensystemen Gewalt ausgeübt werden. Industrialisierte Staaten werden in nicht allzu ferner Zukunft mit autonomen Drohnen Kriege führen. Die Stichwaffe, der Molotowcocktail, das Sturmgewehr, die Maschinenpistole oder die händisch gesteuerte Drohne werden aber wohl noch für lange Zeit die allermeisten Opfer in Konflikten fordern. (Fabian Sommavilla, 27.2.2019)