Erst in der vergangenen Woche haben Wissenschafter um Eric Rignot von der University of California mit schlechten Nachrichten aus der Antarktis aufhorchen lassen: Laut ihrer Studie hat die Eisschmelze am Südpol von 40 Gigatonnen pro Jahr in den 1980er-Jahren auf über 250 Gigatonnen in den 2010er-Jahren zugenommen. Zu ähnlich dramatischen Resultaten kamen nun US-Wissenschafter, als sie aktuelle Daten zum grönländischen Eispanzer analysierten: In nur zehn Jahren habe sich demnach der Eisverlust auf der arktischen Insel vervierfacht – und damit auch erheblich beschleunigt.

Das Eis in Grönland schwindet offenbar noch schneller als gedacht. Klimaforscher befürchten einen beschleunigten Anstieg der Ozeane.
Foto: REUTERS/Lucas Jackson

Forscher hatten bei ihren Untersuchungen in den vergangenen Jahren vor allem den Südosten und Nordwesten Grönlands im Visier. Dort treffen riesige Gletscher auf den Atlantik, was dazu führt, dass regelmäßig Eisberge abbrechen, davon treiben und schließlich schmelzen. Die von einem Team um Michael Bevis von der Ohio State University im Fachjournal "Pnas" vorgelegte Studie kommt dagegen zu dem Schluss, dass der größte anhaltende Eisverlust zwischen 2003 und 2013 im Südwesten Grönlands stattfand, einer Region, in der praktisch keine großen Gletscher existieren.

Tauendes Eis im Landesinneren

"Was immer dort vorging, es hatte nichts mit Gletschern zu tun, denn dort gibt es schlicht kaum welche", sagt Bevis. "Das Eis war offenbar abseits der Küstenlinie geschmolzen". Grundlage ihrer Untersuchung waren einerseits Messungen von vor Ort und zum anderen Daten des Gravity Recovery and Climate Experiment (GRACE), einem Nasa-Satellit, der unter anderem die Eismassen der Erde mithilfe von Schwerefeldmessungen überwacht.

Die Wissenschafter vermuten, dass das im Inland stattfindende oberflächliche Tauen zunächst Seen und in weiterer Folge größere Wasserströme entstehen lässt, die schließlich ihren Weg ins Meer finden. Bevis und sein Team schließt daraus, dass der grönländische Südwesten in Zukunft mehr zum globalen Anstieg der Ozeane beisteuern wird als man bisher gedacht hatte.

Video: Der Eisverlust auf Grönland zwischen 2002 und 2016.
NASA Climate Change

Zyklische Schwankungen

Ein großer Teil der Eisverluste dürfte mittlerweile nicht mehr umkehrbar sein, befürchten die Wissenschafter "Wir sehen hier ein Eisschild, der nahe dran ist zu kippen", erklärt Bevis. "Da lässt sich nicht mehr viel machen, außer, sich anzupassen und eine weitere Zunahme der globalen Erwärmung zu verhindern" Einen kleinen Lichtblick mag es allerdings geben: Die Studie zeigt auch, dass der Eisverlust nicht linear verläuft sondern mitunter auch kurze Pausen einlegt. Eine derartige Unterbrechung beobachteten die Wissenschafter zwischen 2013 und Anfang 2015. In dieser Phase hielt sich die Eisschmelze vorübergehend in Grenzen.

Verursacht werden diese Schwankungen im Südwesten Grönlands vom Einfluss der sogenannten Nordatlantischen Oszillation (NAO). Die zyklischen Variationen von Druck- und Windverhältnissen sorgen in ihrer negativen Phase dafür, dass vermehrt wärmere Luft nach Westgrönland gelangt, was lokal die sommerliche Schmelze vor 2013 verstärkt haben dürfte. (red, 23.1.2019)