Nach seinem folgenschweren Sturz auf der Streif 2011 lag Hans Grugger tagelang im künstlichen Koma. Der Versuch eines Comebacks scheiterte. Der Salzburger musste sich neue Ziele stecken.

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Mit über 30 Jahren wieder etwas Neues lernen zu wollen bereitete Grugger anfangs Probleme.

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Hans Grugger sprang aus dem Starthaus, beschleunigte, nahm die erste Richtungsänderung, eine 90-Grad-Kurve, einwandfrei und steuerte in Richtung erstes Kriterium. Die Mausefalle der Streif. Der Salzburger verlor beim Absprung die Kontrolle, hob weit ab, prallte mit dem Kopf auf die Piste und blieb regungslos liegen. Es geschah am Donnerstag, dem 20. Jänner 2011, im Training für die 71. Hahnenkammabfahrt in Kitzbühel. Grugger wurde mit einem Schädel-Hirn-Trauma und einer Lungenverletzung in die Universitätsklinik nach Innsbruck geflogen und lag nach einer mehrstündigen Notoperation zehn Tage in künstlichem Koma.

"Ich weiß weder, dass ich in Kitzbühel war, noch, dass ich so verrückt war, da runterzufahren", erzählt Hans Grugger acht Jahre später. "Ich weiß es, weil ich die Bilder gesehen habe, aber ich habe absolut keine Erinnerung daran, mir fehlen davor fast zwei Monate." Auch danach dauerte es, bis das Bewusstsein langsam zurückkehrte. "Es sind rund drei Monate um den Sturz herum komplett weg. Aber ich vermisse die Erinnerungen nicht. Das war keine so spannende Zeit."

Erledigt

Das Thema Skirennsport hat sich für den 37-Jährigen längst erledigt. Er studiert in Salzburg Sport und Geografie, steht kurz vor dem Abschluss und will schon bald als Lehrer arbeiten. Rund acht Monate nach seinem Unfall stand er zwar wieder auf Skiern und arbeitete an einem Comeback, doch im April 2012 verkündete er in Innsbruck an der Seite des damaligen ÖSV-Herrencheftrainers und nunmehrigen Cheftrainers des DSV, Mathias Berthold, seinen Rücktritt. Die Folgen des Sturzes ließen eine Fortsetzung der Karriere nicht zu. "Weil durch die Verletzung des Gehirns die Ansteuerung der Nerven im rechten Bein nicht mehr richtig funktioniert hat. Es fehlte an Reaktionsschnelligkeit. Das Bein hat nicht mehr so gut angesprochen, wenn ich das Signal gegeben habe."

Grugger hat nach der Rehabilitation beschlossen, die Studiumsberechtigungsprüfung zu machen. "Einfach um nach dem Unfall etwas für den Kopf zu tun und etwas Neues zu lernen." Auch Wochen nach dem Sturz sei das nicht möglich gewesen. "Weil ich von der Konzentration her stark beeinträchtigt war." In der Folge kam er zu dem Schluss, dass ihm der Lehrerberuf und die Arbeit mit Kindern Spaß machen würde. Die für eine erfolgreiche Skikarriere erforderliche Disziplin habe ihm vor allem zu Beginn der Ausbildung geholfen, "weil es am Anfang ziemlich hart war, nachdem ich davor über zehn Jahre gar nichts gelernt habe außer Skifahren." Er habe gewusst, dass er "reinbeißen, durchhalten und kämpfen muss", wenn er etwas erreichen will.

Das Problem

Den Sturz hat er später analysiert. "Ich hatte auf den Sprung hin noch etwas Druck auf der Kante. Das war das Problem. Dadurch kriegst du einen Impuls mit, der dich in der Luft verdreht." Der Fehler sei ihm leider passiert, weil er noch etwas Richtung machen wollte, um auf der Ideallinie zu bleiben. "Zum Glück ist es gut ausgegangen." Mittlerweile ist er sowohl physisch als auch psychisch wieder in guter Verfassung. "Ich kann wieder alles machen, es ist sehr zufriedenstellend."

Grugger hat in seiner Karriere vier Weltcuprennen gewonnen, die Abfahrten in Bormio 2004 und Chamonix 2005 sowie die Super-Gs in Gröden 2005 und Kvitfjell 2007. Der gelernte Koch und Hotelkaufmann wurde aber gleich mehrmals von gravierenden Verletzungen zurückgeworfen. Schwere Beckenverletzung 2005, drei Kreuzbandrisse zwischen 2007 und 2009, Meniskus- und Knorpelschäden inklusive.

Zuschauerrolle

Insofern verwundert es nicht, dass Grugger nicht wehmütig zurückblickt. "Nein, absolut nicht." Steht Kitzbühel an, lässt ihn das relativ kalt. "Ich schaue mir immer gern das Rennen an, wenn es sich zeitlich ausgeht, weil es ein lässiges Rennen ist. Aber ich blicke ganz neutral auf die ganze Geschichte hin." Ihm habe es irrsinnig getaugt, die Streif hinunterzufahren. "Weil es einfach lässig war. Kitzbühel ist etwas Besonderes, für mich ist es das schönste Rennen, wenn niemandem etwas passiert." Dann sei ihm egal, wer gewinnt. "Es ist cool, zuzuschauen, wie sie Gas geben."

Der gebürtige Bad Hofgasteiner, der seit 15 Jahren mit der früheren Skirennfahrerin Ingrid Rumpfhuber liiert ist, ist dankbar und froh, dass er mit seiner dreijährigen Tochter Mia Schlitten fahren und mit ihr im Schnee spielen kann, dass er keine bleibenden Schäden davongetragen hat und dass es ihm gut geht. "Es ist ein richtiger Spaß mit ihr. Ihr Cousin, der ein Jahr älter ist, hat sie gefragt, ob sie mit ihm Skifahren will, aber sie hat gesagt ,Nein, ich bin noch zu klein'. Wir haben gesagt, wir gehen dann mit ihr, wenn sie es will. Wenn sie nicht will, ist das auch überhaupt kein Problem. Es gibt genug Sachen, die man draußen machen kann." (Thomas Hirner, 23.1.2019)