Kamal Harris will US-Präsidentin werden.

Foto: REUTERS/Joshua Roberts

Man könne Menschen nicht in Schubladen sortieren, sagte Kamala Harris, als sie skizzierte, mit welchem Leitfaden sie in den Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2020 zu ziehen gedenkt. Niemand lebe ein Leben, in dem sich alles nur um ein Thema drehe, "das man allein durch die Linse eines einzigen Themas betrachten kann". Was die Leute wollten, seien Politiker, die der Komplexität jedes einzelnen Lebens gerecht würden.

Es sind Sätze, mit denen die Senatorin aus Kalifornien ihren Platz zu finden versucht in einem Kandidatenfeld, das von Woche zu Woche größer wird, bis es womöglich Rekordwerte bricht. Die Demokraten brennen darauf, Donald Trump schon nach vier und nicht erst nach acht Jahren im Amt abzulösen. Die Musik in ihren Reihen spielt im Augenblick links, weil eine im Protest gegen Trump nach links gerückte Parteibasis – besonders an den Küsten – die größtmögliche Abgrenzung vom Programm des Nationalisten im Oval Office verlangt. Harris dagegen steuert die Mitte an, sie betont das Facettenreiche, auch in der Politik. Was freilich nichts daran ändert, dass sie ansonsten in jeder Beziehung das Kontrastprogramm zum Präsidenten der USA ist. Eine Frau mit dunkler Haut, die Tochter von Migranten, deren Biografie ein wenig an den Weltbürger Barack Obama erinnert.

Lotusblüte

Ihr Vater Donald Harris, Ökonomieprofessor an der Stanford University, stammt aus Jamaika. Ihre Mutter Shyamala Gopalan, eine auf Brustkrebs spezialisierte Ärztin, wurde in Indien geboren. Der Name Kamala stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Lotusblüte. Als Kind besuchte Kamala Harris Gottesdienste sowohl in einem Hindutempel als auch in einer schwarzen Baptistenkirche. Auf die Highschool ging sie im kanadischen Montreal, wo ihre Mutter eine Zeit lang lehrte. Und Oakland, die Stadt an der Bucht von San Francisco, in der sie aufwuchs, war so etwas wie ein Synonym für die aufgewühlte Stimmung der Sechzigerjahre, eine Hochburg rebellischer Studenten wie auch der Black-Panther-Bewegung. Die Zeit der Studentenproteste, sagt Harris, habe sie aus der Perspektive des Kinderwagens erlebt. Ihre Eltern hätten sie oft mitgenommen zu Kundgebungen auf dem Campus der Universität Berkeley.

Bei den Demokraten hat sie sich gleichwohl des Rufs zu erwehren, wie eine stramme Konservative für "law and order" zu stehen. Von 2004 bis 2010 war sie Bezirksstaatsanwältin von San Francisco, danach wurde sie zur Justizministerin Kaliforniens gewählt, die erste Frau überhaupt auf diesem Posten. Im Umgang mit Kriminalität setzte Harris auf Härte, beispielsweise kämpfte sie für ein Gesetz, nach dessen Paragrafen die Eltern chronischer Schulschwänzer mit bis zu zwölf Monaten Gefängnis bestraft werden konnten. Die Todesstrafe verteidigte sie auch dann noch, als ein kalifornischer Richter sie 2014 für verfassungswidrig erklärte. Die Liberalisierung von Marihuana, heute bis weit hinein in die politische Mitte praktisch Konsens, lehnte sie ab. In dem Maße, wie eine Mehrheit der Amerikaner erkennt, dass drakonische Härte nur zu überfüllten Gefängnissen führt, wenn etwa jemand wegen Drogenbesitzes auf Jahre hinter Gitter wandert, wirkt ziemlich anachronistisch, was sie noch unlängst vertrat.

"Ich sehe mich als stolze Amerikanerin"

Wolle Harris Wähler, denen die Abkehr von massenhafter Inhaftierung wie auch die Korrektur von Justizirrtümern am Herzen liege, auf ihre Seite ziehen, "muss sie radikal mit ihrer Vergangenheit brechen", schrieb Lara Bazelon, eine Rechtsprofessorin aus San Francisco, dieser Tage in einem Gastkommentar für die "New York Times". Indem die Graswurzelbewegung Black Lives Matter tödliche Polizistenschüsse auf junge Afroamerikaner thematisiert, zwingt sie gerade auch die Demokraten zur intensiven Beschäftigung mit diesem Thema, auch in den anstehenden Kandidatendebatten. Harris wiederum warnt davor, den Bogen zu überspannen. Es stimme nicht, dass man in bestimmten Wohnvierteln etwas gegen die Polizei an sich habe. "Was die Leute allerdings nicht wollen, sind exzessive Gewalt und Racial Profiling." Letzteres steht für ein Rasterdenken, das in jüngeren Schwarzen oder Latinos automatisch Verdächtige sieht. Kamala Harris, die Stimme des Pragmatismus: So zumindest versucht sie es zu inszenieren.

Nicht nur das lässt an Barack Obama denken, den Senkrechtstarter der Wahl 2008. Wie er hat auch sie sich nach nur zwei Jahren im Senat fürs Weiße Haus beworben. Und doch liegt der Fall völlig anders. Als Obama antrat, rügten manche Parteigranden, er hätte abwarten müssen, statt Hillary Clinton, der Gesetzten, die Kandidatenkrone streitig zu machen. Er war damals 45. Harris, 54, macht niemand zum Vorwurf, zu früh nach den Sternen zu greifen. Dann wäre da noch, ähnlich wie einst bei Obama, die Frage nach ihrer Identität. Wie sie die als Tochter von Einwanderern beschreiben würde, wurde sie neulich gefragt. Die Antwort: "Ich sehe mich als stolze Amerikanerin." (Frank Herrmann, 22.1.2019)