Natascha Mair, Solotänzerin im Wiener Staatsballett, tritt ab Sonntag als Protagonistin in "Coppélia" an der Volksoper auf.

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Lange, spitz zugefeilte Fingernägel tippen in Abständen auf die schwarze Glasplatte ihres großen Schreibtischs. Jedes Mal klingt es, als hätte jemand ein paar kleine Perlen darauf fallenlassen. Es ist heiß in Havanna an diesem Märztag des Jahres 1998, und die Primaballerina assoluta Alicia Alonso hat sich fürs Interview auf das Feinste schminken lassen. Eine große Inszenierung im abgedunkelten Büro des damals 76-jährigen Superstars der alten Ballettwelt.

Natascha Mair ist eine Ballerina von heute. Sie war anno 1998 drei Jahre jung und in Wien-Kaisermühlen zu Hause. Seit Ende Dezember zählt die erst 23-Jährige zum erlesenen Kreis der Ersten Solotänzerinnen am Wiener Staatsballett. Zum Gespräch an einem zugigen Wiener Jänner-Tag hat sie sich in eine der eher nüchternen Künstlergarderoben der Volksoper gesetzt. Als Inszenierung das perfekte Understatement. Mair trägt weder spitze Fingernägel noch Schminke und strahlt zurückhaltende Freundlichkeit aus. Alicia Alonso, heute 97, könnte ihre Uroma sein.

Die große alte Dame ist übrigens bis zu ihrem 75. Lebensjahr aufgetreten. So viel zu dem Klischee, dass Ballerinen mit Mitte dreißig unbedingt ihre Spitzenschuhe einpacken müssen. Die auch in Wien gefeierte Margot Fonteyn wurde überhaupt erst mit 42 zur Tanzpartnerin von Rudolf Nurejew, und die bis dato letzte wirkliche Starballerina Sylvie Guillem hat ihre Karriere erst Ende 2015, knapp vor ihrem 51. Geburtstag, beendet.

Harte Arbeiterin

Guillem, sagt Mair, gehöre definitiv zu ihren Vorbildern, wegen ihrer Fähigkeiten im klassischen, modernen und postmodernen Ballett, ihrer Intelligenz und weil sie "auch eine harte Arbeiterin" war. Arbeit ist ein Thema im Ballett, vor allem im klassischen, das keine Fehler verzeiht. Deswegen der frühe Ausbildungsbeginn. Mair hat mit fünf angefangen. Deswegen das harte Training, die vielen Proben, die ganze Selbstdisziplin. Mair ist die einzige Tänzerin in der Familie. Ihre Eltern, betont sie, haben ihr nie Druck gemacht. Es hieß: "Wann immer du magst, kannst du aufhören."

Die Tochter einer Kärntnerin und eines Wieners mochte nicht: "Es hat mich nur noch mehr motiviert. Ich hab mir gedacht, das ist nicht zu viel für mich, ich kann da noch mehr, und, ja, dann wollte ich es auch als Beruf." Wegen ihres Talents übersprang sie ein Schul- und ein Ausbildungsjahr. Matura, Ballett-Diplomprüfung und Staatsopernvertrag mit siebzehn – Natascha Mair hat keine durchschnittliche Teenagerbiografie vorzuweisen. Guillem strahlte schon als junge Tänzerin in den Eighties enormes Selbstbewusstsein aus, wurde von Nurejew gefördert und von dem einsamen Genie des postmodernen Balletts William Forsythe bewundert. So widerborstig wie Guillem sei sie aber nicht, meint Mair: "Ich will Konflikte eher vermeiden."

Ständige Kontroversen

Gelegentlich tanzt sie auch in einem Forsythe-Stück, The Second Detail, und das gerne: "Forsythe ist sehr genießbar, man geht an seine körperlichen Grenzen und findet heraus, wie der eigene Körper sich bewegen kann." Die Herausforderungen, aber auch die Möglichkeiten für Balletttänzer haben heute andere Dimensionen als noch zu Uromas Zeiten. Den Spagat zwischen klassisch und zeitgenössisch zu schaffen ist keine Selbstverständlichkeit, aber, so Mair: "Der Mix und die Balance sind sehr wichtig."

Auch deswegen, weil um das Ballett ständig Kontroversen kochen. Die einen nervt, wenn es zu "modern" wird, die anderen haben keinen Zugang zum klassischen Ballett. Es wird wohl noch dauern, bis da die richtigen Verbindungen geknüpft sind, zumal sich die Voraussetzungen für den alten Konflikt geändert haben. Mittlerweile löst sich der typisch westliche Gegensatz zwischen Tradition und Gegenwart auf, weil es jetzt in einer globalisierten Welt zunehmend um das Selbstverständnis verschiedener Kulturen in ihren Begegnungen geht. Und "klassischen" Tanz gibt es bekanntlich nicht nur in Europa.

Traum vom perfekten Roboter

Um Werke der klassischen Ballettliteratur adäquat umsetzen zu können, braucht es geeignete Compagnien (die immer seltener werden), brillante Tänzerinnen und Tänzer sowie Choreografen, die wissen, wie diese Stücke funktionieren. Geht das verloren, verliert der europäische Tanz seine historischen Referenzen. Es wäre ein Verzicht wie etwa in der Musik auf die Wiener Philharmoniker und die Aufführungen von Mozart oder Beethoven.

Natascha Mair jedenfalls wird ab Sonntag die Hauptrolle in einem Stück tanzen, das den heute global gewordenen Traum vom perfekten Roboter zum Thema hat: Coppélia, uraufgeführt 1870 in Paris als Tanzinterpretation von E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann von 1816. Dieses Ballett verleiht der gegenwärtigen Begeisterung für menschlich wirkende Automaten eine vertiefte historische Dimension. In Coppélia tanzt ein Mensch einen Roboter, der einen Menschen spielt. Für die tanztechnisch perfekte, wandlungsfähige und schauspielbegeisterte Natascha Mair ist das eine Rolle, die ihr auf den Leib choreografiert sein könnte.

Es wird nicht fad

In den sechs Jahren ihres steilen Aufstiegs beim Wiener Staatsballett unter Manuel Legris hat sie eine enorme Liste an Rollen internalisiert, war zuletzt als Clara in Nurejews Nussknacker die optimale Besetzung. Auf ihr Avancement zur Ersten Solotänzerin angesprochen, sagt sie: "Der Status ist nicht das Ziel. Man kann nie perfekt sein, es gibt immer mehr zu lernen. Deswegen wird's auch nicht fad, weil es einfach kein Ende gibt." Primaballerina Alonso hat das mit 76 so formuliert: "Ich tanze immer noch – innerlich tanze ich, im Geist, in meinem Körper, in meinem Leben, in allem." Das bisschen Pathos kann sich diese Größe von einst locker leisten. (Helmut Ploebst, 24.1.2019)