Der französische Dichter Gustave Flaubert bemerkte einmal, er würde wie ein Magnet Tiere und Verrückte anziehen. Darüber kann ich, abgesehen von gelegentlichen Gelsen, nicht klagen. Mein Problem waren die vielen ausländischen Professoren, die ohne Deutschkenntnisse (und oft auch ohne passables Englisch) auf ihrer Europareise in Wien Station machten, unter dem Vorwand, etwas über das österreichische Bildungswesen erfahren zu wollen.

Wann immer so jemand im Bildungsministerium oder im Rektorat der Universität Wien auftauchte, wurde er an mich verwiesen, nach der simplen Annahme: Professor Gruber beschäftigt sich als Vergleichender Erziehungswissenschafter mit fremden Schulsystemen und wird daher mit diesen Ausländern schon irgendetwas anfangen können. Viele mühsame Stunden habe ich im sprachlichen Niemandsland zwischen schlechtem Englisch, noch schlechterem Französisch und diffuser Körpersprache damit verbracht, eine rudimentäre Konversation aufrechtzuerhalten.

Aber das Schicksal kann auch fair sein. Im Jahr 1986 schickte mir das Unterrichtsministerium einen japanischen Pädagogik-Professor. Der Kollege von der Universität Chiba nahe Tokio gehörte zu jener älteren Generation von japanischen Professoren der Geistes- und Sozialwissenschaften, die aus Respekt vor der Humboldt’schen Universitätstradition in Deutschland, in seinem Falle in Bonn und Heidelberg, studiert hatten. (Die jüngere japanische Professorenschaft ist viel stärker USA-orientiert.) Wir wurden gute Freunde, und nach seiner Rückkehr nach Japan erwirkte er für mich beim japanischen Wissenschaftsfonds und seiner Universität eine Gastprofessur, der zahlreiche Forschungsaufenthalte an den Universitäten Hiroshima und Kioto folgten.

Die Loyalität der Gruppe

Im Unterschied zu vielen meiner Kollegen, die sich mit der Analyse von Texten und Dokumenten begnügen, halte ich es für unabdingbar, die Recherche am Schreibtisch durch ethnografische Feldforschung "vor Ort", d. h. in Schulen, zu ergänzen und abzusichern. Der Umstand, dass ich Ausländer war und bloß ein bisschen "Über lebensjapanisch" konnte, wäre für meine Schulforschung ein unüberwindbares Handicap gewesen, wäre mir nicht ein für viele Bereiche der japanischen Gesellschaft geltendes Prinzip zugutegekommen: die Loyalität der Gruppe. Mein Gastgeber verfügte als Mitglied eines Absolventenjahrgangs seiner Universität über ein Netzwerk von Kollegen, die sich lebenslang zur gegenseitigen Unterstützung verpflichtet fühlten. Einige von ihnen waren Pädagogikprofessoren an Universitäten in verschiedenen Landesteilen Japans geworden; dieses Netzwerk aktivierte mein Kollege, um mir Schulbesuche in ihren Präfekturen zu organisieren. Ohne eine solche vertrauensstiftende "Bürgschaft" bleibt Ausländern das "wahre" Innenleben japanischer Schulen verschlossen.

Japan hat für die ersten neun Schuljahre ein nichtselektives Gesamtschulsystem, bei dem ausländischen Beobachtern zuallererst die Größe der Klassen, nämlich häufig 35 und mehr Kinder, auffällt. Dass darüber weder Eltern noch Lehrer klagen und japanische Schülerinnen und Schüler beim internationalen Schulleistungsvergleich Pisa der OECD dennoch immer wieder im Spitzenfeld landen, ist das Produkt mehrerer Umstände:

Japanische Kinder erlernen in der Schule mindestens ein Musikinstrument.
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In der vom Konfuzianismus geprägten japanischen Kultur genießen Lernen und die Institution Schule eine überaus hohe Wertschätzung. "Sensei" ist nicht bloß die Berufsbezeichnung für Lehrer, sondern dar über hinaus eine Art Ehrentitel, in dem der gesamtgesellschaftliche Respekt vor Gelehrsamkeit, Erfahrung und (Alters-)Weisheit zum Ausdruck kommt. Lehrerinnen und Lehrer sind in Japan eine selektierte, hochangesehene und gut bezahlte Berufsgruppe, der man Fleiß und Gehorsam schuldet, die aber umgekehrt außerordentliche Anstrengungen unternimmt, kein Kind ihrer großen, heterogenen Grundschulklassen durch Klassenwiederholung zu verlieren.

Dazu gehört eine einfallsreiche, die Schüler zu kreativen Problemlösungen anregende Mathematik-Didaktik; dazu gehört die Gliederung der Klassen in Gruppen ("han") von 5 bis 6 Kindern, die für ihren Lernfortschritt als Kollektiv solidarisch verantwortlich sind, und dazu gehören Hausbesuche der Lehrer in den Familien der Kinder, um sie ausführlich über den individuellen Lernfortschritt zu informieren und nachdrücklich in den Lernprozess einzubinden.

Wer eine japanische Schule betritt, muss im Eingangsbereich die Straßenschuhe aus- und mit dem Schullogo versehene Gästeschlapfen anziehen. Heimelig sind japanische Schulen dennoch nicht, ganz im Gegenteil: Sie scheinen der einzige Gebäudetyp zu sein, vor dem die weltberühmte japanische Architektur haltgemacht hat. Ihre spartanische Grundstruktur ist im ganzen Lande gleich: schlichte, mehrstöckige Gebäude mit langen Korridoren, an denen viereckige Klassenzimmer aneinandergereiht sind. Drei Fachbereiche kontrastieren allerdings eindrucksvoll mit der Kargheit der normalen Klassenräume – die durchwegs hervorragend ausgestatteten Räume für Naturwissenschaft, Sport und Musik.

Lernarbeit

Im japanischen Ganztagsschulbetrieb schließen Klubs für Sport, Kunst und Musik an den Nachmittagsunterricht an; offiziell sind sie freiwillig, de facto wird die Teilnahme von der Schule als selbstverständlich vorausgesetzt. Damit ist die "Lernarbeit" japanischer Kinder aber noch lange nicht zu Ende, denn abgesehen von den Hausaufgaben besucht ab dem sechsten Schuljahr ein immer größerer Anteil der Schülerschaft mehrmals pro Woche eine "juku", ein Nachhilfeinstitut. Das Ungewöhnliche an diesen (auch in Südkorea und Singapur extensiv genutzten) Einrichtungen ist, dass sie nicht wie in Österreich vorwiegend von lernschwachen Schülern besucht werden, etwa um drohendes Sitzenbleiben zu vermeiden, sondern dass Jukus häufig von sehr guten Schülern genutzt werden, die "noch besser" werden wollen, um ihre Universitätsaufnahmechancen zu erhöhen.

In japanischen Ganztagsschulen wird die Teilnahme vorausgesetzt.
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Das Spektrum der Erscheinungsformen von Jukus reicht von traditionellen Nachhilfestunden in der Wohnung eines pensionierten Lehrers bis hin zu nationalen Ketten von Einrichtungen, die dem öffentlichen Schulsystem hervorragende Lehrer abwerben, um deren Modellunterrichtsstunden an regionalen Zentren, über Satellitenfernsehen oder nunmehr über das Internet gegen gutes Geld zur Verfügung zu stellen. Vielen Eltern reicht aber selbst der Paukbetrieb der Jukus noch nicht; sie wollen ganz sichergehen und erflehen mit ihren Sprösslingen himmlischen Beistand.

In Kioto gibt es den Kitano-Tenmangu-Schrein, der dem Gott des Lernens geweiht ist. Einzelne Schülerinnen und Schüler mit ihren festlich gekleideten Eltern, aber auch ganze Klassen in Schuluniform besuchen mit ihren Lehrern diesen Schrein, wo sie in einem Akt der Devotion ihre Bitten um göttliche Beihilfe zu gutem Schulerfolg auf hölzerne Täfelchen schreiben und diese den Tausenden von Täfelchen hinzufügen, die dort bereits aufgehängt sind. Von einem ähnlichen Schrein in Tokio habe ich meinem damals 16-jährigen Sohn eine kleine Tempel-Nachbildung nach Wien mitgebracht.

(Wer weiß, vielleicht ...) Anstatt das zu tun, was in dem englischsprachigen "Beipackzettel" nahegelegt wurde, nämlich das Tempelchen auf seinen Schreibtisch zu stellen und jede Hausaufgabe mit einer kurzen religiösen Besinnung zu beginnen, versah mein Sohn die kleine Devotionalie in frevlerischer Gedankenlosigkeit über und über mit bunten Filzstiftpunkten; die Götter haben sich prompt bei seiner nächsten Lateinschularbeit gerächt.

Musikunterricht

Die Fokussierung des Unterrichts auf die Aufnahme in eine "gute" Oberstufe nach dem neunten Schuljahr und erst recht auf die Universitätsaufnahmeprüfungen erfordert zwar jede Menge Wissenserwerb durch Auswendiglernen, aber die japanischen Lehrpläne sind wohlausbalanciert, und alle japanischen Kinder erlernen in der Schule mindestens ein Musikinstrument (meistens Blockflöte oder Blasharmonika), mehr als die Hälfte dazu privat noch ein zweites Instrument. Alle Highschools und selbst viele Junior-Highschools (für Kinder ab zwölf Jahren) haben sowohl eine Blechblas-Marching-Band als auch ein großes Schulorchester. Bei einem regionalen Schulmusikfestival in Kioto verblüffte mich das unglaubliche Niveau, auf dem die Pflicht- und Wahlstücke (Gershwin, Wagner, Johann Strauss, Bernstein, Debussy, Dvořák ...) gespielt wurden.

Als ich während meiner Gastprofessur in Chiba immer wieder in der Mittagszeit über die Lautsprecher der benachbarten Grundschule Mozarts Sinfonia Concertante und Vivaldis Vier Jahreszeiten hörte, ging ich einmal in die Schule hinüber, um dem Direktor zu sagen, dass ich diese Art der musikalischen Sozialisation bemerkenswert fand. Die Antwort des von meiner Interpretation der mittäglichen Musik überraschten Direktors war ernüchternd: Oh nein, es handle sich keineswegs um informelle Musikerziehung. Solange die Musik dauerte, hatten die für diese Woche zuständigen Gruppen von Kindern die Schule zu reinigen. Japanische Schulen haben nämlich so gut wie kein Putzpersonal; die Reinigung der Schule durch die Schüler gilt als Teil der "moralischen Erziehung".

Alle Highschools und selbst viele Junior-Highschools haben ein großes Schulorchester.
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Vergleichende Bildungsforschung in Japan ist bei aller kollegialen Fürsorge und Gastfreundschaft nicht ohne ein gewisses "Restrisiko". Während meiner Gastprofessur an der Universität Hiroshima brachte mich die Sangeslust des Rektors in arge Verlegenheit. Als dieser mächtige akademische Manager, der in seiner Jugend in Italien Gesangsunterricht genommen hatte, von meiner Anwesenheit an seiner Universität erfuhr, lud er mich – als Ausdruck seiner Verehrung für die Musikstadt Wien – mit einigen seiner Dekane zu einem Dinner in einem exquisiten Restaurant. Mitternacht war bereits vorbei und die Stimmung sehr heiter, als er sich ein Telefon reichen ließ und mit größter Selbstverständlichkeit einen Korrepetitor in seine Privatwohnung bestellte; sodann wurde die ganze Runde dorthin chauffiert.

Der vermutlich aus dem Bett geholte Pianist, der in Deutschland studiert hatte, schien wegen dieser Zumutung keineswegs überrascht; er klärte mich freundlich auf, dass jetzt nicht nur der Rektor seine Lieblingsarien aus Figaros Hochzeit und Don Giovanni singen würde, sondern dass alle, auch ich, zu singen hätten. Er gab mir zu verstehen, dass eine Ablehnung völlig ausgeschlossen war, und wollte erkunden, "was ich draufhabe". In Panik bot ich ihm die oberösterreichische Landeshymne an, die er höflich, aber bestimmt ablehnte.

Nach ein bisschen Herumprobieren meinte er, wir müssten eigentlich Schuberts Du holde Kunst hinkriegen, was dann auch – ich weiß nicht mehr wie, ich war in Trance – der Fall war. Als ich mich zum Abschied ins Gästebuch eintrug, stellte ich fest, dass in diesem musikbesessenen Haushalt vor mir auch schon der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt und der Pianist Jörg Demus zu Gast waren; aber diese beiden mussten vermutlich nicht singen, sondern durften Klavier spielen. (Karl Heinz Gruber, Album, 28.1.2019)