Die hochgewachsene Engländerin, die auf den Pressefotos vom September 1931 neben Mahatma Gandhi bei seiner Ankunft auf den Britischen Inseln zu sehen ist, verbrachte das letzte Drittel ihres Lebens in den sanften Hügeln des Wienerwaldes. 2018 wurde der österreichische Nachlass von Madeleine Slade, die von Gandhi den Namen Mirabehn erhielt, dem Wiener Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde übergeben. Das bietet die Gelegenheit, die Lebensgeschichte einer ungewöhnlichen Frau wieder ins Licht zu rücken.

Richtet man einen feministischen Scheinwerfer auf ihre Biografie, offenbart sich eine Diskrepanz zwischen Emanzipation und Affirmation. Mirabehn hatte sich gegen die Bestimmung zur Mutterschaft aufgelehnt, sie hatte sich gegen die Ideologie und Interessen ihres Vaters und ihres Vaterlandes aufgelehnt, aber sie hatte sich in "Bapu", "Vater", wie Gandhi von seinen Anhängern genannt wurde, einer symbolischen Vaterfigur unterworfen. "Du sollst meine Tochter sein." Gandhis Begrüßung verwies ohne Umschweife auf das Inzesttabu, und Mirabehn war berauscht von der Verheißung einer intimen hierarchischen Verbindung ohne die Fesseln gemeinsamer Kinder oder körperlicher Begierden.

Mirabehn mit Diener Datt, er musste immer hinter ihr gehen.
Foto: Picturedesk

Slade war die Tochter des Oberbefehlshabers der Ost-Indien-Schwadron, des Konteradmirals Sir Edmond Slade, und hatte in den Jahren 1917 und 1918 mit ihrer Familie in Bombay gelebt. Obwohl Gandhi damals bereits aus Südafrika nach Indien zurückgekehrt war, bekam Madeleine im engen Rahmen der kolonialen Gesellschaft keine Kenntnis von seiner Existenz. Das änderte sich 1924, als sie wegen ihrer besonderen Verehrung für Ludwig van Beethoven dessen Biografen Romain Rolland aufsuchte. Der Literaturnobelpreisträger führte mehrere Gespräche mit der jungen Frau und wies sie auf das Erscheinen seiner neuesten literarischen Biografie über den Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit, Mohandas Karamchand Gandhi, hin.

Sie schrieb an Gandhi

Das Pathos, mit welchem er diesen rühmt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts allgegenwärtig und schon in seiner Beethoven-Biografie zu finden: "Ein Strom reiner Kraft und allmächtiger Güte fließt aus den Seelen dieser Geweihten. Der Anführer dieser Legion der Helden sei Beethoven, der Starke, Reine." Einundzwanzig Jahre später stellte er seiner Gandhi-Biografie die Widmung voran: "Dem Land der Herrlichkeit und der Knechtschaft, der vergänglichen Reiche und der ewigen Gedanken, dem Volk, das den Zeiten Trotz bietet, dem wiedererstandenen Indien. Zum Jahrestag der Verurteilung seines Messias 18. März 1922." An diesem Tag hatte Gandhi in Britisch-Indien wegen Aufwiegelung eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren angetreten. Rollands Biografie erschien rund ein Jahr später, und Madeleine Slade fand darin ihren "Messias". Sie schrieb an Gandhi, der bereits am 5. Februar 1924 vorzeitig aus der Haft entlassen worden war, und trat nach einem Jahr geistiger und physischer Vorbereitung am 7. November 1925 in den Sarbamati-Ashram ein. Damals war sie 33 Jahre alt.

"Zuerst bemerkte ich eine schmale braune Gestalt, die sich bei meinem Eintritt erhob und vor mich hinstellte. Ich hatte jedes Bewusstsein meiner Umgebung bis auf ein starkes Lichtempfinden eingebüßt, und ich fiel auf die Knie. Sanfte Hände richteten mich wieder auf, und eine Stimme ließ sich vernehmen: 'Du wirst meine Tochter sein.' Ich begann mir der Körperwelt wieder bewusst zu werden und sah ein Gesicht, das mich mit Augen voll Liebe anlächelte, in denen auch ein Schimmer von Heiterkeit glänzte. Das war Mahatma Gandhi, und ich hatte ihn gefunden."

Gandhi und Mirabehn: "Bapu schnitt einfach meine Haare eigenhändig ab."
Foto: Picturedesk

Diese Erinnerung findet sich in ihrer Autobiografie The Spirit's Pilgrimage, die 1960 in Großbritannien erschien. Als hätte sie mit dieser Niederschrift mit einem Lebensabschnitt abgeschlossen, fuhr Mirabehn im selben Jahr nach Österreich, um in Beethovens Wahlheimat nach einem Alterswohnsitz zu suchen. In ihrer Autobiografie heißt es weiter: "Was die nächsten Wünsche, die sich in mir regten, betraf, so wollte ich meine Haare abgeschnitten sehen und den Zölibatseid ablegen. (...) Zu guter Letzt entschied Bapu, mich gewähren zu lassen, befahl mir aber eine schriftliche Begründung des von mir gewählten Entschlusses, damit er sehen könne, ob ich die Tiefe und Weite seiner eigenen Konzeption des Brahmacharya wirklich voll erfasst hatte. (...) Ich folgte seinem Gebot, und er gab seine Einwilligung. Alles geschah ohne Zeremonie oder feierlichen Eid.

Bapu schnitt einfach meine Haare eigenhändig ab und schlug mich freundschaftlich auf den Rücken, als ich mich zu seinen Füßen neigte, um seinen Segen zu erlangen." Die hinduistische Tradition des Brahmacharya schreibt den Verzicht auf sexuelle Aktivitäten, Fleischgenuss, berauschende Substanzen und Glücksspiel vor. Aber wie alle ideellen Konstruktionen, sei es Patriarchat, Feminismus, Religion oder Tierschutz, verfügt auch Brahmacharya über einen Auslegungsspielraum. Mirabehn schrieb explizit von Gandhis eigener Konzeption und initiierte mit diesem personalisierten Gefolgschaftscredo eine widersprüchliche Rezeption in der Nachwelt.

Wer liebte wen?

Ein Jahr nach der englischen Originalausgabe erschien 2005 die deutsche Fassung von Sudhir Kakars Roman: Die Frau, die Gandhi liebte. Den Titel hat der indische Psychoanalytiker und Schriftsteller mit Bedacht doppeldeutig gewählt: Wer liebte wen? Und wie war diese Liebe beschaffen? Die indischstämmige US-Wissenschafterin Bidisha Mallik, die zurzeit an einem Buchprojekt über Mirabehn arbeitet, kritisiert diese Fragestellung. Sie hat sich im Zuge ihrer Forschungsarbeit über Gandhi'sche Philosophie intensiv mit dem Denken Mirabehns befasst und reiste zu diesem Zweck 2016 sogar nach Wien. Ihrer Meinung nach haben Schubladendenken und Klischees dazu geführt, Mirabehns Nähe zu Gandhi als eine Art Obsession von erotischer Dimension zu deuten. Gandhi selbst hatte 1906 ein Keuschheitsgelübde abgelegt – und seine Frau Kasturba erst nachträglich darüber informiert. Mallik betont, dass die traditionellen indischen Askesebräuche männlich dominiert sind, Gandhis Gelübde aber in seiner Intention des Dienstes an der Menschheit über diese hinausweise. Vergleichbar sei Mirabehns Ablegung des Eides als symbolische Emanzipation und Befreiung von bedrückenden sozialen Regeln zu verstehen. Das ist nicht von der Hand zu weisen, zumal Mirabehn im Gegensatz zu Gandhis Ehefrau Kasturba in keiner Weise institutionell an den Mahatma gebunden war. Der Disput führt aber nicht zuletzt in die Zwickmühle der Leib-Seele-Dualität: Die Hingabe an eine Idee wird über die des Leibes gestellt, an den jeder Mensch durch seine Sterblichkeit gefesselt ist. Ein Dilemma, dem auch der Kampf um Gendergerechtigkeit nicht entkommt.

Man muss dem Gandhiismus, dem sich Mirabehn verschrieben hat, zugutehalten, dass er beides im Auge behielt: Gandhi engagierte sich mit dem Marsch gegen die Salzsteuer der Briten, mit dem Boykott importierter Textilien und mit seinen unermüdlichen Ernährungsexperimenten gegen die Verelendung der Landbevölkerung. Auch Mirabehn baute nach der Ermordung Mahatma Gandhis am 30. Jänner 1948 in Indien noch einige Ashrams auf und engagierte sich gegen die Abholzung der Himalaja-Eichenwälder. Die Spur ihres Einsatzes fand sich zwei Jahre nach ihrem Tod am 20. Juli 1982 auch in Österreich, als ihr enger Vertrauter, der heute 91-jährige Umweltaktivist Sunderlal Bahuguna, anreiste, um die Protestbewegung in der Hainburger Au zu unterstützen.

Schließlich kehrte Madeleine Slade das prekäre Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern in Österreich auch noch einmal um: Ihr indischer Diener Rameshwar Datt, den sie 1961 nachgeholt hatte, war ein halbes Leben jünger als sie. Er ging bei Spaziergängen stets hinter ihr, und wenn er ihr zu nahe kam, soll ihn Mira mit einer Geste ihres Gehstocks angewiesen haben, größeren Abstand zu halten. Gegenüber indischen Landsleuten wie dem Schriftsteller Sudhir Kakar, der die beiden 1967 besuchte, klagte Datt über die Beschwernisse des Lebens in diesem fremden Land. Er hielt ihr aber bis zum Tod die Treue. (Christa Nebenführ, Album, 26.1.2019)