Ein Klick, und die Falten sind geglättet, die Pickel verschwunden. Ein Wisch, und die Lippen sind voller, die Nase kleiner, die Augen strahlender.

Nie war es so einfach, sein Gesicht vermeintlich zu verschönern oder kleine Makel verschwinden zu lassen. In die Kameras der neuen Smartphone-Generation sind Selfie-Filter bereits fix einprogrammiert, dazu boomen kostenpflichtige Retusche-Apps. Die erfolgreichste ist Facetune, die mit über 50 Millionen Downloads 2017 sogar die beliebteste Bezahl-App im Apple-Store war. Nicht weniger als eine Million User zahlen bis zu sechs Euro pro Monat, um alle Features der App nutzen zu können.

Foto-Dienste wie Instagram verändern unsere Idee von Schönheit: Mit Beauty-Apps und Filtern werden Gesichter und Körper zur Gleichförmigkeit optimiert.
Foto: Picturedesk

Dabei geht es nicht nur darum, den Teint makelloser zu filtern, die Zähne aufzuhellen oder dunkle Augenringe verschwinden zu lassen. Man kann auch das Kinn zuspitzen, schlaffe Augenlider straffen, Wangenknochen anheben oder die Hüfte verschmälern – es ist quasi die Schönheits-OP per Klick, schmerzfrei und kostengünstig.

Klingt absurd? Mitnichten. Die Nachfrage bestimmt den Markt: Die Facetune-Entwicklerfirma Lightricks rechnet damit, dass sich ihr Umsatz 2019 auf 100 Millionen US-Dollar verdoppeln wird. Turbo hinter dem Filterboom ist die Fotoplattform Instagram mit ihrer weltweit über einer Milliarde Nutzer, die im Schnitt 80 Millionen Fotos pro Tag teilen. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der User die Fotos erst bearbeitet, ehe sie sie posten.

Gefilterte Wahrnehmung

Instagram, Snapchat und viele andere Anwendungen haben ihre Benutzer darin geschult, jene Werkzeuge zur Bildbearbeitung zu benutzen, die in Vor-Social-Media-Zeiten ausschließlich Bildredakteuren von Fashion-Magazinen oder Werbegrafikern vorbehalten waren. Heute steht der Da-lässt-sich-noch-was-machen-Jungbrunnen jedem offen.

Das, so meinen Experten, kann deutlichen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung und das Körperbild haben. Denn durch soziale Medien ergebe sich eine neue Dynamik, weil man dort mit so vielen Bildern wie noch nie zuvor konfrontiert werde, sagt der Psychologe Helmut Leder, der sich an der Universität Wien mit der Wahrnehmung von Ästhetik beschäftigt. "Unser Wahrnehmungssystem kann nicht zwischen unbearbeiteten und retuschierten Fotos unterscheiden und verarbeitet jedes Bild", sagt Leder. "Dadurch wird unser Prototyp einer schönen Person zunehmend mit Merkmalen gefüttert, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben."

Auf diese Weise prägt Instagram, wie Körper in der Gesellschaft dargestellt und wahrgenommen werden. Es entsteht eine perfekte, digitale Parallelgesellschaft und eine Realität voll wandelnder Mogelpackungen. So zu sehen etwa auf der Beauty-Convention Glow, die an diesem Wochenende in der Messehalle Wien stattfindet und mit 60 Beauty-Bloggern und Insta-Schminkstars als Headliner wirbt. Eine davon ist die Wienerin Lisa Stejskal, die unter ihrer Internet-Persona "Meine Version" über 250.000 Youtube- und Instagram-Follower zählt. Sie betrachtet die Scheinwelt als Paradoxon: "Einerseits wollen die Leute diese Bilder, da uns Schönes anscheinend entspannt. Andererseits ist es ein selbstzerstörerisches Rauschverhalten."

Denn erstens werde vermittelt, dass nur das Aussehen zählt und nicht die Persönlichkeit, erklärt auch die Medienwissenschafterin Katrin Döveling, die Studien zu dem Thema veröffentlicht hat. "Zweitens erzeugt es Druck, dass man nicht genügt, nicht schön oder dünn genug ist. Dabei ist niemand perfekt." Dieser Druck und das ständige Bewertetwerden führen dazu, dass "quasi jeder seine Fotos bearbeitet".

Bearbeitungswahn

Bekannte Influencer könnten ohne Retusche gar nicht mehr erfolgreich sein, sagt Stejskal. Gesprochen werde darüber aber nicht – aus Angst, vor den Followern sein Gesicht zu verlieren. Stattdessen werde noch mehr retuschiert, nicht mehr nur auf Fotos, sondern sogar in Videos, wo Hintergrund, Gesicht oder Körper digital nachgebessert werden. Sie selbst retuschiert in Videos etwa das Licht oder "unattraktive" Fieberblasen und macht ihre Haare per Klick fülliger. Auf Fotos bearbeite sie ihren Körper aber kaum: "Die Leute wissen aus den Videos, wie ich in echt aussehe, das wäre unauthentisch. Und ich habe keine Hollywood-Technik, die mich zehn Kilo schlanker macht."

Der Bearbeitungswahn ist aber nur die kleinste Auswirkung. "Haben sich Menschen bereits einen solchen unnatürlichen Prototyp gebildet, werden alle möglichen Störungen des Selbst- und Körperbildes wie etwa Anorexie oder Depressionen wahrscheinlicher", erklärt der Psychologe Leder. Auch Neid und Minderwertigkeitsgefühle entstünden. Es gibt sogar einen Begriff für die durch soziale Medien ausgelöste Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper: Snapchat-Dismorphia.

Für die meisten sind solche Apps eine harmlose Spielerei. Doch Experten vermuten, dass immer mehr offline so aussehen wollen wie ihr Online-Alter-Ego. Das legt auch eine 2017 vom amerikanischen Verband für Plastische Chirurgie weltweit durchgeführte Befragung von Schönheitschirurgen nahe: Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass Patienten Eingriffe nur vornehmen lassen wollten, um auf Selfies besser auszusehen. Diesen Trend kann der plastische Chirurg Thomas Aigner für Österreich nicht ausmachen: "Ich bezweifle, dass sich jemand deshalb operieren lässt. Höchstens bei kleineren Eingriffen wie Botox, Hyaluron oder Fadenlifting kann ich mir das vorstellen – und das auch nur bei wenigen Personen."

Bei der Österreichischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie beobachtet man, dass manche Patienten mittlerweile retuschierte Selfies zur Behandlung mitnehmen, früher waren es Fotos aus Hochglanzmagazinen. Das habe er in seiner Ordination noch nicht erlebt, sagt Aigner. Und er wäre vorsichtig, danach zu operieren: "Auf dem Bild entscheidet nicht nur die schmale Nase, sondern auch die Gesichtszüge, die Hautfarbe, die Porengröße. Zwischen Bild und Wirklichkeit ist immer ein Gap."

Junge besonders betroffen

Besonders junge Frauen seien von der übermäßigen Retusche und den daraus resultierenden psychischen Folgen betroffen, da sie noch nicht so in ihrem Selbstwert gefestigt seien, sagt die Medienwissenschafterin Döveling. Denn die scheinbar perfekten Influencerinnen sind für diese Zielgruppe oft Vorbilder. Die Kognitionsforscherin Dayana Hristova untersucht in ihrer Dissertation im Rahmen des YOEDA-Projekts an der Uni Wien, wie sich digitale Selbstoptimierung auf Jugendliche auswirkt. Wer Selfies postet, bearbeitet sie auch. "Je mehr man von sich zeigt, desto mehr hat man das Bedürfnis, sich zu optimieren." Dennoch relativiert sie: "Die Jungen haben eine realistische Einschätzung und wissen, dass sie nicht alles für wahr nehmen können, was sie auf Instagram sehen." Aufklärung sei trotzdem wichtig. Zumal man davon ausgehen muss, dass sich nicht jeder der Manipulation der Bilder bewusst ist.

In Österreich wollte die ehemalige Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) 2015 eine Kennzeichnungspflicht für retuschierte Bilder durchsetzen. Doch daraus wurde nichts. In Frankreich hingegen muss die Bearbeitung von Fotos in Magazinen oder Werbung seit rund einem Jahr ausgewiesen werden. Bislang kaum thematisiert ist die Kennzeichnung von Bildretusche in sozialen Medien. Für den Psychologen Helmut Leder greifen all diese Regelungen viel zu kurz: "Auch wenn es für die künstlerische Freiheit heikel ist, würde es helfen, wenn Länder solche Manipulationen grundsätzlich verböten oder zumindest reduzierten." Denn der Betrachter eines Fotos nimmt die Kennzeichnung zwar wahr, doch das Hirn teilt nicht in manipulierte und unverfälschte Fotos, sondern verarbeitet alle als Realität.

Doch es gibt bereits eine Gegenbewegung: Die Bildagentur Getty, die Modekette Asos und die Kosmetikmarke Dove zeigen Models unretuschiert – mit Fettpölstern und Cellulite. Sie sollen vermitteln, dass sich jeder in seinem Körper wohl und attraktiv fühlen darf. So wie die Anhänger der Bodypositivity-Bewegung auf Instagram ungeschönte Fotos posten. "Das füttert unseren Prototyp eines schönen Menschen mit vielfältigeren Körpern, das ist gut", sagt Leder. Er rät: Wer Sorge hat, zu sehr von der Scheinwelt beeinflusst zu werden, solle sich Leute auf der Straße oder in der U-Bahn bewusster ansehen. Sollte auch das nicht helfen, gibt es Unterstützung – natürlich per App: MakeApp schminkt die Personen auf den Selfies wieder ab. (Selina Thaler, 26.1.2019)