Im Grunde ist Davos ein ganz normales Dorf in den Schweizer Bergen – Hauptstraße, Skilifte, Hotels, Wirtshäuser. Doch alljährlich im Jänner verwandelt es sich in eine Festung: Polizisten errichten Straßensperren, Soldaten sichern das Dorf mit Gewehren, Helikopter kreisen, dunkle Limousinen bringen Menschen in Anzügen von den Hotels durch den Schnee zum Kongresszentrum, überall Security. Konzerne mieten Läden im Dorfzentrum und bauen sie in Messestände um, andere errichten eigene Pavillons, wo zu Partys geladen wird. So auch wieder diese Woche: Das Weltwirtschaftsforum fand statt, 2.500 Größen aus Politik und Wirtschaft samt Entourage reisten an.

Alljährlich im Jänner treffen sich die Eliten der Welt in Davos, um über die großen Probleme und Perspektiven zu sprechen. Im kleinen Schweizer Bergdorf herrscht in diesen Tagen der Ausnahmezustand.
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Klimawandel, Populismus, Handelsstreit – derzeit gibt es wirklich genug akute Themen, bei denen die Menschheit nach Lösungen sucht. Wenn so viele Politiker und Konzernchefs zusammenkommen, besteht also durchaus Hoffnung, dass sich Lösungswege abzeichnen. Außer, es steht wie dieses Jahr grundsätzlich zur Debatte, ob man globale Probleme am besten gemeinsam lösen soll. Und außer, viele der Weltführer kommen erst gar nicht: Donald Trump? Shutdown. Emmanuel Macron? Gelbwesten. Theresa May? Brexit.

Vertrauensverlust

In Davos wird ein Dilemma deutlich: Die Probleme der Welt sind so groß und so stark miteinander verknüpft, dass keine Regierung sie für sich alleine lösen kann. Doch zugleich sinkt das Vertrauen in die bestehenden Systeme, gemeinsam eine Lösung finden zu können.

Da gibt es Menschen wie Angela Merkel und UN-Generalsekretär António Guterres, die in Davos für den bisherigen Multilateralismus kämpfen. Und da gibt es jene, die multilaterale Institutionen wie die UN, WTO, EU und OECD als verkrustet und zu schwerfällig ablehnen. "Das System gerät unter Druck", sagt die deutsche Kanzlerin, die Organisationen reformierten sich zu langsam, die Menschen würden ungeduldig; die ersten Staaten machten sich schon selbstständig und gründeten eigene Gremien, China zum Beispiel. "Wenn jeder erst einmal an sich denkt", sei das falsch, sagt Merkel, man solle "die nationalen Interessen so verstehen, dass wir die der anderen mitdenken". In Hintergrundgesprächen heißt es außerdem: Entweder die bestehenden Institutionen entwickeln sich schnell weiter, sodass sie die neuen Kräfteverhältnisse auf der Welt repräsentieren, oder sie verschwinden. Es gehe darum, das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen.

Von Vertrauen war in Davos viel die Rede – und man merkt, dass die Proteste der Gelbwesten in Frankreich und anderer Menschen, die sich von der Globalisierung abgehängt fühlen, an Politik- und Wirtschaftsführern nicht vorübergegangen sind. Insbesondere, da der nächste große Wandel auf die Menschheit zukommt: künstliche Intelligenz, kurz KI. Einerseits sehen viele durch KI große Chancen, beispielsweise in der Medizin, wo Algorithmen so trainiert werden können, dass sie Krankheiten besser erkennen als der Mensch. Andererseits zeigen Studien, dass 90 Prozent der Jobs durch KI verändert würden. Vor allem repetitive Tätigkeiten würden Maschinen und Software künftig effizienter verrichten als Menschen.

Das chinesische System

"Viele Menschen haben Angst, dass sie ihren Arbeitsplatz an einen Roboter oder an ein Computerprogramm verlieren", formuliert es ein US-Ökonom. In zahlreichen Diskussionsrunden tauschen sich Politiker und Unternehmer darüber aus, was getan werden muss, um Massenarbeitslosigkeit zu verhindern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt aufrechtzuerhalten. Auch Firmenchefs sehen sich hier in der Pflicht, ihre Mitarbeiter weiterzubilden, bevor die Gesellschaft destabilisiert würde.

"Es darf nicht sein, dass die Menschen auf dem Land die Nachteile tragen müssen: Windräder vor der Nase, und gleichzeitig keine Ärzte und Busse", sagt Merkel.
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Damit verknüpft ist generell die Sorge um die liberale Demokratie. Einerseits ist es der erstarkende Populismus, um den viele Diskussionen kreisen. Hier müsse man aufpassen, dass beim Lösen der großen Probleme nicht nur ein Teil der Bevölkerung gehört werde: "Es darf nicht sein, dass die Menschen auf dem Land die Nachteile tragen müssen: Windräder vor der Nase, und gleichzeitig keine Ärzte und Busse", sagt Merkel. Andererseits diskutieren Teilnehmer auch über China: Das Land zeige gerade, dass man sich nicht erst demokratisieren müsse, um wirtschaftlich wachsen zu können. Was, wenn das chinesische Modell eines autoritären Staates daher als immer attraktiver empfunden werde? Dabei warnt der Investor George Soros besonders vor den Gefahren von künstlicher Intelligenz in der Hand "repressiver Regime" wie China. Soros kritisiert die chinesischen Pläne, die Bevölkerung mit einem Punktesystem zu überwachen: Der chinesische Staatschef sei "der gefährlichste Gegner offener Gesellschaften".

In Davos geht es überhaupt viel um den Umgang mit Daten. Die nicht enden wollenden Nachrichten über Fälle von Hacks, Leaks und Missbrauch von persönlichen Daten haben dazu geführt, dass immer mehr Politiker über mehr Regeln beim Datenschutz nachdenken. Japan will das zum Hauptthema seiner G20-Präsidentschaft machen, sagt Premierminister Shinzo Abe. Für Firmen wie Facebook war 2018 ein schwieriges Jahr, und die Branche weiß: Nun kommt stärkere Regulierung. "Jetzt ist die Zeit, in der die Regeln des Internets neu geschrieben werden", sagt auch Facebook-Vizechefin Sheryl Sandberg.

Geschäftiges Wartezimmer

Doch ein Thema überlagert alles: der Klimawandel. Zahlreiche Prominente wie der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore, der Dokumentarfilmer David Attenborough, sowie Schauspieler und Wissenschafter machen sich für mehr Klimaschutz stark. Die Menschheit sei gerade dabei, den Kampf gegen den Klimawandel zu verlieren, warnen auch Politiker. Noch immer gebe es Subventionen für klimaschädliche Produkte. Nach zahlreichen Diskussionsrunden wirkt es so: Eigentlich haben den menschengemachten Klimawandel grundsätzlich alle verstanden (Donald Trump und Heinz-Christian Strache waren nicht in Davos), doch auch hier mangelt es am Willen, gemeinsam schneller zu handeln, nationale Interessen stehen im Weg.

Greta Thunberg (16), Aktivistin: Gemeinsam mit zehntausenden Schülern streikt sie für das Klima.
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In Davos fühlt sich die Welt an wie ein geschäftiges Wartezimmer. Die Welt verändert sich, die Amerikaner ziehen sich aus ihrer führenden Rolle zurück, die Chinesen werden immer stärker, die Beziehungen zwischen USA, China und Russland sind angespannt. Niemand weiß, wohin das führen wird. Daher wartet man ab, was passieren wird, und unterdessen wirbt jeder geschäftig für sein Modell – mehr Multilateralismus, mehr nationale Eigenständigkeit, weniger Regulierung. Sebastian Kurz ist auch darunter. Der Bundeskanzler fordert von Europa mehr Selbstvertrauen, muss der Welt die neuesten Aussetzer seines Innenministers erklären, und trifft sich dann zu Gesprächen und Fotos mit Politikern und Prominenten.

Irgendwann, nach vier Tagen Davos, gibt es dann doch einen Moment der Klarheit – ausgerechnet von einer 16-jährigen Schülerin, der Klimaaktivistin Greta Thunberg. Sie ist mit der Bahn gekommen, als viele Teilnehmer schon wieder per Helikopter und Privatjet aufgebrochen sind. Mehr als 30 Stunden lang war sie aus Stockholm unterwegs. Bisher hat sie zehntausende Schüler dazu inspiriert, für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen. Sie fürchtet, dass es für junge Menschen zu langsam vorangeht, ihr geht es um die Zukunft ihrer Generation. Viel ist in Davos von der Hoffnung die Rede, dass die Welt sich beim Klimaschutz doch noch mehr anstrengt. Sie hingegen setzt sich mit ihren Turnschuhen auf die Bühne, zu den Menschen im Anzug, und sagt:

"Ich will eure Hoffnung nicht. Ich möchte, dass Ihr in Panik geratet, dass Ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. Und dann möchte ich, dass Ihr handelt, als würde das Haus brennen. Weil es das nämlich tut."

Stille im Raum.

(Martin Kotynek, 25.1.2019)