Armen Sarkissain, hier im Genozid Memorial in Jerewan, könnte auch Vermittler zwischen der Kirche und der neuen Regierung sein.

Foto: Reuters / Gleb Garanich

"Oh my god", entfährt es dem schmunzelnden Staatspräsidenten, der sich überrascht vom Besuch gibt, als er den Raum mit Medienvertretern aus Österreich und Armenien und dem österreichischen Caritas-Präsidenten Michael Landau sowie seinem Team betritt.

Armen Sarkissian ist erst seit 2018 Staatspräsident, aber kein neues Gesicht in der armenischen Politik. Neben dem 43-jährigen neuen Regierungschef und Ex-Journalisten Nikol Paschinian, der mit seinem Wahlbündnis "Mein Schritt" bei den vorgezogenen Parlamentswahlen im Dezember mit rund 70 Prozent als Sieger hervorging, wirkt der 65-jährige Sarkissian wie ein alter Hase – und zwar nicht wegen der Generation, die die beiden Männer im Alter trennt.

Sarkissians "mehrere Leben"

Der Physiker Sarkissian, der unter anderem in der armenischen Hauptstadt Jerewan und im englischen Cambridge forschte, war schon von 1996 bis 1997 Premierminister Armeniens, bevor ihn eine Krebserkrankung zum frühzeitigen Rücktritt zwang. Danach war er jahrelang Berater von Technologie- und Ölkonzernen.

Er selbst spricht von "mehreren Leben", die er gelebt hat. Noch früher, nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991, wurde er der erste armenische Botschafter in London und in anderen europäischen Städten. Die Kunst der Diplomatie versteht er bis heute.

Denn während Paschinian, ein Rebell und früherer Oppositioneller, vor Jahren sogar wegen seiner Überzeugungen im Gefängnis saß und nun Korruption, Armut und Eliten den Kampf angesagt hat, ist Sarkissian, der auch an der Erfindung des Computerspiels Tetris beteiligt war, mehr Vermittler als Revoluzzer. "Meine Rolle ist es jetzt, die Dinge in einem Dialog zu halten", sagt er im Gespräch mit den Journalisten.

Kirchendiplomatie

Einen Dialog wird es auch mit der mächtigen apostolischen Kirche brauchen, der die neue Regierung schon dezent die Rute ins Fenster gestellt hat. Sarkissian beschwichtigt: "Jeder findet seinen Gott, ich fand ihn in der Wissenschaft, in der Schönheit des Universums." Die Kirche sei auch kulturell wichtig für sein Land.

Die Revolution 2018 war für ihn "eine Kettenreaktion und nicht überraschend, weil viele Menschen unglücklich waren. Nicht nur wegen der Armut, denn die Wirtschaft erlebte sogar ein Wachstum. Es ging um Ungerechtigkeit." Nun ginge es um den Kampf gegen Korruption, aber das hieße nicht nur, "die zu bekämpfen, die korrupt sind, sondern das erfordert einen kompletten Systemwandel".

Es brauche vor allem funktionierende Kontrollen – "checks and balances", ohne die werde es nicht gehen, sagt Sarkissian mehrmals. Dass die neue Regierung nicht schnell genug Missstände ändern und somit die Erwartungen der Bevölkerung nicht erfüllen können wird, fürchtet er nicht: "Wenn wir die Bevölkerung in jeden Schritt einbinden, werden sie auch merken, dass sich etwas bewegt." Diese "junge Nation" sei "energiegeladen" – und im übrigen bewiesen Armenier in aller Welt, was sie etwa als Unternehmer draufhaben, erinnert der Präsident selbstbewusst.

Das gilt auch für die ärmsten Armenier in der Region Shirak: "Ich fahre demnächst wieder mit meiner Frau nach Gyumri zu einem Konzert." Man werde diese Stadt nicht vergessen, und er werde sie auch mit seinen eigenen Charityprojekten unterstützen. "Diese Menschen sind seit 30 Jahren ein akuter Notfall", so Sarkissian.

"Europa hat auch Probleme"

Nach den Beziehungen zur EU gefragt, betont Sarkissian: "Für uns hieß die Destination lange Zeit Europa. Nun verändert sich Armenien gerade sehr, aber Europa ist auch nicht mehr das Europa, das es vor 20 Jahren war. Europa ist noch immer eine Bastion der Demokratien, aber es hat auch seine Probleme." Damit meine er auf Nachfrage nicht etwa den Rechtsruck in Europa, sondern Entwicklungen wie den Brexit.

Über Österreich schwärmt der Präsident minutenlang. Er komme seit 16 Jahren jedes Jahr im Sommer nach Salzburg. Und was erwartet er sich jetzt von Österreich? Immerhin ist Armenien seit 2011 ein Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. "Ich würde es vorziehen, wenn österreichische Firmen Geschäfte mit Armenien machen würden, anstatt nur Geld zu schicken", kommt es da ganz klar. Und: "Ihr wart lange Zeit Vermittler zwischen Ost und West, helft uns jetzt, das auch zu werden."

Sogar was den Konflikt mit dem Nachbarn Aserbaidschan um die Kaukasus-Enklave Nagorny-Karabach angeht, zeigt sich Sarkissian "optimistisch". Frieden sei möglich, betont er. Zuletzt seien die Vorfälle dort stark zurückgegangen, doch jetzt müsse man erst die Verhandlerteams zusammenstellen. (Colette M. Schmidt aus Jerewan, 26.1.2019)