Stimmen von Demo-Teilnehmern und Gästen des Akademikerballs sehen Sie im Video.
DER STANDARD

Egal, ob Links- oder Rechtswalzer, rund muss es gehen – mit Schwung. In diesem Sinne kamen am Freitagabend wieder einmal sowohl die Gäste des von der Wiener FPÖ veranstalteten Akademikerballs in der Wiener Hofburg als auch die Teilnehmer der von der Offensive gegen Rechts angemeldeten Gegendemonstration auf ihre Kosten.

Was die Demonstranten in die kalte Nacht trieb? "Rechtsradikale, die in der Hofburg tanzen", sagte Astrid, eine junge Frau, die, wie alle hier, in mindestens einen Schal gehüllt ist. Und: "Leute und Ansichten kommen in die Mitte der Gesellschaft, die demokratie- und menschenverachtend sind." "Und brandgefährlich", fügte ihr Begleiter Georg hinzu, bevor sich die beiden der Menge anschlossen, die sich zum Abmarsch formiert.

Unterschiedliche Angaben

Die Polizei zählte heuer rund 1600 Demonstranten, die Veranstalter 4500. Damit gingen deutlich weniger auf die Straße als letztes Jahr. Auf ihrem Marsch von der Uni durch die Wiener Innenstadt skandierten die Protestierenden Sprüche wie "Alerta Alerta Antifascista" oder "Rassistisch, sexistisch, ekelhaft – das ist die deutsche Burschenschaft" zeitweise trotzdem lautstark.

Die Demonstranten zogen vom Schottentor zum Stephansplatz. Zwischenfälle gab es keine.
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Weil er ein Problem mit Burschenschaften habe und es "verachtenswert" finde, dass diese "zunehmend in wichtigen Ämtern der Republik sitzen", ging Politikwissenschaftsstudent Moritz – wie auch in den vergangenen Jahren – auf die Straße. Gegen den Rechtsruck müsse man etwas tun, und das nicht nur am Tag des Akademikerballs: "Am besten jeden Donnerstag. Weil von alleine wird's nicht besser werden."

Keine Zwischenfälle

Kurz vor 20 Uhr fand dann die Abschlusskundgebung statt. Katharina Embacher vom Bündnis "Offensive gegen Rechts" – dem unter anderem rote Jugendorganisationen, die KPÖ und der KZ-Verband angehören – sprach von einem "lauten, starken Zeichen gegen die rechtsradikalen Tendenzen". Und kündigte gleich an, dass es im kommenden Jahr wieder Protest geben wird – denn es sei davon auszugehen, dass auch der Ball "leider wieder" veranstaltet werde.

Mittlerweile Demo-Fixstarter: Die Omas gegen Rechts.
Foto: Matthias Cremer

Dem Protest angeschlossen haben sich außerdem die Österreichische HochschülerInnenschaft an der Uni Wien (ÖH Uni Wien) sowie die Jüdischen österreichischen Hochschülerinnen und Hochschüler (JöH). Bini Guttmann, Vorsitzender der JöH, kritisierte, dass die Burschenschaften "ihre antisemitische Ideologie in die Prunkräume der Republik tragen".

Vor dem äußeren Burgtor versammelte sich nach offiziellem Demonstrationsende eine kleine Gruppe Protestierender, sie wurde aber rasch von der Polizei zurückgedrängt. Die Exekutive zog nach der Kundgebung eine "erfreuliche Bilanz." Lediglich vereinzelt sei es zu Anhaltungen und Identitätsfeststellungen gekommen. Festnahmen gab es keine. 1900 Beamte waren im Einsatz.

Gröbere Ausschreitungen bei den Kundgebungen gegen den Akademikerball hatte es zuletzt im Jahr 2014 gegeben. Ein paar Dutzend Demonstranten hatten sich damals eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert. Der Sachschaden betrug damals laut Polizei mehr als eine Million Euro. Rund 20 Personen wurden festgenommen, die Veranstalter der Kundgebungen distanzierten sich klar von den Randalierern. Seither blieben die Kundgebungen bis auf kleinere Zwischenfälle aber immer friedlich.

Die Veranstalter sprachen von 4500 Demo-Teilnehmern.
Foto: Matthias Cremer

Gudenus will Recht setzen

Während die Demonstration sich langsam auflöste, trafen in der Hofburg FPÖler, Bruschenschaftler und Sympathisanten aus dem Ausland ein. Einer der ersten war der geschäftsführende Klubobmann der FPÖ, Johann Gudenus, er sprach von einem Besucherrekord. Angesprochen auf den Sager des Innenministers Herbert Kickl, wonach das Recht der Politik zu folgen habe, sagte der Parteikollege: "Es ist unser Auftrag, Recht zu setzen beziehungsweise, es zu verändern."

Ebenfalls früh in der Hofburg waren die Salzburger FPÖ-Chefin Marlene Svazek und der ehemalige FPÖ-Minister und Vizekanzler Herbert Haupt. Der amtierende Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache huschte mit seiner Frau Philippa kurz nach 20 Uhr an den Fotografen vorbei in den Ballsaal.

Es sei sein Auftrag, Recht zu verändern, sagt Gudenus.
Foto: APA/HANS PUNZ

Weitere Ballgäste waren die Sozialministerin Beate Hartinger-Klein, die dritte Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller, Generalsekretär Christian Hafenecker und der oberösterreichische Landesrat Elmar Podgorschek, alle FPÖ.

Frauen in Glitzer, Männer in Schleifen

Abgesehen von rechter Prominenz kamen in den Stunden vor Ballbeginn laufend Gäste. Aus Taxis und Bussen stiegen Frauen in glitzernden Kleidern mit Pelzmäntel über den Schulten und Täschchen in der Hand. Sie wurden begleitet von Männern mit Hüten und Schleifen in allen Coleurs und Schmiss im Gesicht.

Ein Gast war Eckehard, aus Deutschland angereist. "Ich komme nicht jedes Jahr, aber seit 40 Jahren", sagte der Alte Herr der Teutonia in Freiburg. Die Demos könne er nicht verstehen, der Akademikerball sei eine unpolitische Veranstaltung. Er, selbst CDU-Mitglied, sagte, rechte Gesinnungen gebe es überall, das könne man nicht verneinen. Doch den Vorwurf, "dass da ein Rechter ist und deswegen ist man selber oder die ganze Szene komisch", den finde er "seltsam".

Privatsphäre der Ballgäste

Drinnen waren heuer offiziell nur Journalisten der Austria Presse Agentur zugelassen. Diese Entscheidung sei "lediglich der Wahrung der Privatsphäre der Ballbesucher geschuldet und dient dem Erhalt des Ballcharakters", teilte Ball-Organisator Udo Guggenbichler in einer Aussendung mit.

Im großen Zeremoniensaal sorgte wie jedes Jahr die John Otti Band für Stimmung. Für die Mitternachtseinlage hatte die FPÖ diesmal aber auch einen echten Gabalier verpflichtet. Allerdings nicht den selbst ernannten "Volksrock_’n’_Roller" Andreas, sondern dessen Bruder Willi Gabalier, der sich als Tanzprofi in der ORF-Sendung Dancing Stars einen Namen gemacht hat. Zur Kritik am Akademikerball merkte Gabalier an, er habe auch schon auf einem SPÖ-Ball getanzt und sei auch schon auf einer Umwelt-Demo der Grünen gewesen.

Strache stand nicht für Fragen zur Verfügung.
Foto: APA/HANS PUNZ

Berührungsängste mit dem burschenschaftlichen Milieu hat Willi Gabalier keine. Er selbst sei zwar kein Burschenschafter, aber: "Ich habe viele Freunde bei Burschenschaften, die sehr liebenswerte Freigeister sind und die in keinster Weise radikal sind", betonte er. Auch habe er früher in Graz oft bei einer akademischen Sängerschaft mitgesungen. "Es ist schön, das alte Liedgut aufrechtzuerhalten."

Kein Hitlergruß, nur gewinkt

Einen Tag vor dem Akademikerball, bei der Donnerstagsdemo, kam es zu Zwischenfällen. Demonstranten bewarfen das Haus der Burschenschaft Gothia in Wien-Josefstadt mit Eiern und verbrannten eine dort angebrachte Deutschlandfahne.

Oben am Fenster zeigte sich ein Burschenschafter mit ausgestrecktem rechtem Arm, wie ein Foto zeigt – das ließ auch den Verfassungsschutz aktiv werden. Der Burschenschafter teilte via Facebook mit, dass er keinesfalls den verbotenen Hitlergruß gezeigt, sondern lediglich gewinkt habe. (Text: Vanessa Gaigg, Gabriele Scherndl, Michael Simoner; Video: Andreas Müller, Isabella Scholda, Ayham Yossef, 25.1.2019)