London-Gatwick Ende vergangenen Jahres: Wenn Drohnensichtungen das ohnehin fragile System stören, geht gar nichts mehr.

Foto: Reuters/Nicolls

Schön übersichtlich am Himmel. Zu ebener Erd ist das die allermeiste Zeit nicht der Fall.

Foto: APA/dpa/Patrick Seeger

Nach dem Chaos könnte vor dem Chaos sein. Das Gezerre um den EU-Austritt Großbritanniens hat auch die Luftverkehrswirtschaft im Griff. Wie groß die Turbulenzen werden, ist offen. Eine Herausforderung, die die Branche so gar nicht brauchen kann. Airlines und Flughäfen sind mehr als beschäftigt, nach dem störungsreichen vergangenen Jahr ihre Hausaufgaben zu machen. Volle Flughäfen, streikende Lotsen und Piloten, massenhafte Verspätungen und Flugausfälle, genervte Passagiere, davon haben alle Beteiligten weidlich genug.

Leicht wird die Aufgabe nicht. Es gilt an vielen Schrauben zu drehen. Am Flughafen Wien will man etwa früher mit der Reinigung der Flieger beginnen. Selbst scheinbar banale Kleinigkeiten sollen helfen, den Betrieb zu beschleunigen. So will man die Treppe zum Flieger früher entfernen, damit die Flugzeugtüren schneller schließen. Jede Minute zählt – bei jedem Rädchen im System. 2018 haben sich viele Nadelöhre aufgetan. Zu den Streiks kamen Schlechtwetter, Fehleinschätzungen der Gesellschaften und immer mehr Menschen, die fliegen wollen und sich das auch leisten können.

Millionen für Entschädigungen

An den Folgen knabbern die Airlines auch finanziell. Alleine die AUA kosteten die Entschädigungen einige Millionen Euro, kleinere deutsche Gesellschaften wie Small Planet oder Azur Air die Existenz. Auf 1,8 Milliarden Euro taxiert die Luftverkehrsvereinigung IATA die Kosten, die den Fluglinien europaweit aus den Verspätungen erwuchsen. Bekommt die Luftverkehrsbranche die Situation nicht in den Griff, könnten weitere finanzschwache Gesellschaften ins Trudeln geraten. Nach der Air-Berlin-Pleite ist der Kampf um die Kunden und damit um Marktanteile via günstige Tickets weiterhin enorm.

Ob die Fluggesellschaften ihre Versprechen erfüllen, wird sich zur Hauptreisezeit im Sommer zeigen. Sie wollen Ersatzmaschinen mit Crews bereithalten, für den Fall, dass eine Maschine liegenbleibt, besser planen, um weniger Flüge streichen zu müssen und um wieder pünktlicher zu sein. Arbeitsgruppen, wie der Flughafen Wien sie mit der AUA einberufen hat, gibt es wohl nicht nur in Österreich. Für Airlines bedeutet dies unter Umständen höhere Kosten, die erst verdient werden müssen. Zum Preisdruck kommen zwischendurch kräftig gestiegene Kerosinpreise. Dass die Lage angespannt ist, zeigt der Umstand, dass der kosteneffiziente Laudamotion-Aktionär Ryanair jüngst erneut seine Gewinnerwartungen zurückgeschraubt hat.

Veraltete Systeme

Raimund Zopp sieht weiteres Unheil dräuen. Nicht nur am Boden, auch in der Luft würden Verspätungen steigen, durch ein grundsätzliches Kapazitätslimit. Mitschuld seien veraltete Systeme, so Zopp. Der Mitbegründer des Start-ups Flightkeys, spezialisiert auf Kostenoptimierung von Flugstrecken, hält einen weiteren massiven Anstieg von Verspätungen deshalb für möglich.

Mit einem No-Deal-Brexit gibt es ein weiteres Damoklesschwert, das geeignet sein könnte, das fragile System noch mehr zu stören. Bei einem ungeordneten Brexit droht nämlich einigen Airlines der Verlust wichtiger Verkehrsrechte in der EU. Der Hintergrund: Großbritannien ist als EU-Land Mitglied der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) und des gemeinsamen Marktes für Luftverkehrsdienstleistungen (ECAA). Mit dem Brexit enden diese Mitgliedschaften. Damit verlieren britische Fluggesellschaften das automatische Recht, in die EU zu fliegen. Es braucht ein Anschlussabkommen, für das bei einem harten Brexit die Zeit fehlt. Die EU-Kommission hat bereits angekündigt, für einige Monate die bestehenden Lizenzen und Genehmigungen zu verlängern, bis ein Nachfolgeabkommen gefunden ist, auch die Briten wollen so verfahren. IATA-Direktor Alexandre de Juniac warnt, dass sich manche Annullierungen wohl dennoch nicht verhindern ließen.

Komplizierte Rechtslage

Doch nicht nur der operative Flugbetrieb, sondern auch die Eigentumsrechte mancher Gesellschaften werden berührt, so der deutsche Luftfahrtexperte Christoph Brützel. Betroffen sind neben Ryanair auch Easyjet und die International Airlines Group (IAG), zu der neben British Airways unter anderem die spanische Iberia und Vueling gehören. Denn Fluglinien, die Verbindungen zwischen Unionsländern anbieten, müssen zu mehr als 50 Prozent Eigentümern aus der Union gehören. Wie kompliziert die Gemengelage ist, zeigt Easyjet. Der britische Billigflieger hat eine eigenständige Gesellschaft in Österreich gegründet und versucht nun, eine mehrheitliche Eigentümerschaft durch EU-Bürger zu realisieren.

Für einige Gesellschaften türmen sich ganze Berge rechtlicher Probleme auf. Auch für Passagiere könnte Fliegen noch unerfreulicher werden. Wenn etwa die EASA nicht mehr für Großbritannien zuständig ist und die EU und London Standards nicht anerkennen, müsste das Gepäck von EU-Bürgern, die in London umsteigen, erneut durch die Sicherheitskontrolle. Womit noch mehr Schlangestehen und Warten drohen. (Regina Bruckner, 28.1.2019)