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Internationale Grenzen sind eigenartig. Die meisten dieser unsichtbaren Linien verlaufen, ohne einer wirklichen Logik zu folgen. Es gibt Grenzen, die quer durch Städte, Bibliotheken, ja sogar durch Wohnhäuser verlaufen. Viele ziehen sich durch Bergmassive – manchmal an einem Fluss entlang, aus teils skurrilen Gründen dann aber auch wieder nicht. Zahlreiche Grenzen Afrikas verlaufen über hunderte Kilometer durch Wüsten, weil sie mit dem Lineal gezogen wurden.

Der Grund für die Unterschiedlichkeit nationaler Grenzen liegt im permanenten Wandel, dem sie über die Jahre hinweg ausgesetzt waren. Egal welche Herrschaftsform in der jüngeren Menschheitsgeschichte über ein bestimmtes Territorium regierte, an den Grenzen ihrer Einflusssphären franste die Macht der Regierenden meist aus. Mit der Etablierung des Nationalstaats ab dem 19. Jahrhundert, der immer besseren Kartografierung, der tatsächlichen Demarkation der Grenzlinien und der voranschreitenden Technik nahmen Grenzen immer konkreter Gestalt an. Mauern, Zäune und andere Wege der Abgrenzung rückten der tatsächlichen Trennlinie näher.

Nicht immer ist die Grenzlinie so genau demarkiert wie an der innerkoreanischen Grenze. Südkoreas Staatspräsident Moon Jae-in lud beim Gipfeltreffen 2018 Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zum historischen Übertritt nach Südkorea ein.
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Die Künstlichkeit internationaler Grenzen lässt sich auch daran erkennen, dass es keine politische Weltkarte gibt, auf die wir uns einigen können. Die allermeisten Georgier wollen nicht akzeptieren, wenn die beiden prorussischen De-facto-Regime Abchasien und Südossetien eingezeichnet sind; die indische Verfassung verbietet die Produktion und Verbreitung von Karten, die die umkämpfte Krisenregion Kaschmir nicht als indisch einzeichnen; und so mancher Ultranationalist träumt immer noch von Großungarn und seinen Grenzen. Es gibt tausende ähnlich gelagerte Beispiele.

Die Utopie der grenzenlosen Welt

Mitte der 1990er-Jahre hoffte man noch, dass diese Konflikte schon bald ein Fall für die Geschichtsbücher sein könnten. Der Eiserne Vorhang war gefallen, das Inkrafttreten des Schengener Abkommens machte Pass- und Grenzkontrollen in Teilen Europas obsolet, die Europäische Union begann sich politisch tiefer zu integrieren. Die Globalisierung nahm an Fahrt auf und würde in einer vernetzten Welt, die auf globalen Handel setzt, durch Wartezeiten an internationalen Grenzen nur eingebremst. Viele Ökonominnen, Politiker, aber auch viele der renommiertesten Forscherinnen und Forscher der Geopolitik- und Grenzlandstudien sahen den Beginn des Zeitalters der grenzenlosen Welt gekommen.

"Zeig mir eine 30 Fuß hohe Mauer, und ich zeige dir eine 31 Fuß hohe Leiter" – Janet Napolitano, ehemalige Ministerin für Homeland Security in den Vereinigten Staaten.

Im Bild: Flüchtlinge aus Nicaragua beim Überqueren der US-Mexiko-Grenze.
Foto: Reuters/Mohammed Salem

Knapp 30 Jahre später muss man konstatieren, dass diese Utopie krachend zu scheitern droht. Es war ein schönes, sicher ein eurozentristisches und womöglich ein naives Weltbild, das viele damals hatten, kritisiert auch Elisabeth Vallet im STANDARD-Gespräch. Sie gilt als eine der renommiertesten Grenzforscherinnen. Wirklich einfach, Grenzen zu überqueren, war es aber auch damals eigentlich nur für Europäer. Menschen aus dem Süden des Planeten hätten es schon immer schwer gehabt, gen Norden zu reisen, zu migrieren oder zu flüchten. Und aller Globalisierungskritik zum Trotz wären in den 1990ern noch überwiegend die Vorteile der Globalisierung zum Vorschein gekommen. Negative Aspekte wie der unaufhaltsam fortschreitende und vom Menschen verursachte Klimawandel wurden damals getrost ignoriert.

Russland und China haben die meisten direkten Nachbarstaaten. Durch die zahlreichen Überseegebiete, die wiederum an andere Staaten grenzen, hat aber auch das verhältnismäßig kleine Frankreich eine beachtliche Zahl an Nachbarstaaten, mit denen es sich mindestens eine Landesgrenze teilt. Inselstaaten wie Australien haben freilich keine direkten Nachbarstaaten, wenngleich die Abgrenzung der Territorialgewässer natürlich auch einiges an Konfliktpotenzial birgt.
Grafik: Katapult Magazin / Sommavilla

Mehr Grenzen heißt nicht zwangsläufig mehr Zäune

Es war dennoch klar, dass durch die Entkolonialisierung und den Zerfall von Mehrvölkerstaaten wie der Sowjetunion oder Jugoslawien nicht nur mehr Staaten, sondern zwangsläufig auch mehr internationale Grenzen entstehen würden. Dass sich Staaten aber zusehends freiwillig voneinander abschotten und ihre internationalen Grenzen vermehrt militärisch befestigen, war nicht unbedingt abzusehen.

Trotz dutzender neu entstandener Staaten erhöhte sich die Anzahl der Grenzbarrieren zwischen 1989 und 2001 lediglich von 16 auf 19. Auch wegen der Terroranschläge vom 11. September 2001 und der damit einhergehenden Angst vor transnationalem Terrorismus stieg die Zahl seither auf mehr als 70 solcher Trennelemente. Vallet sieht im Verweis auf 9/11 aber lediglich den Vorwand für Grenzschließungen, nicht deren alleinigen Auslöser.

Eine der EU-Außengrenzen auf dem afrikanischen Kontinent: der Grenzzaun von Ceuta (Spanien) zu Marokko. Stacheldraht ist omnipräsent, Verletzte sind auf der Tagesordnung. Immer wieder sterben Menschen beim Versuch, die Grenzzäune zu überqueren. Illegale Rückführungen nach Marokko wurden ebenfalls häufig dokumentiert.
Foto: Fabian Sommavilla

Ein Vorwand, der mittlerweile auch dazu dient, die Befestigung europäischer Außengrenzen sehr breit zu definieren. Wenn mit EU-Geldern immer mehr Grenzen in Nordafrika und sogar in Subsahara-Afrika erbaut werden, um einerseits möglichst vielen Migranten und Flüchtlingen den Zugang nach Europa zu versperren und gleichzeitig möglichst wenig "hässliche Bilder" von sterbenden Migranten und Flüchtlingen im Mittelmeer zu produzieren (gestorben wird dann halt in der Wüste), stellt sich die Frage nach der Moral. Rechtlich gesehen macht man es sich damit natürlich leichter, "weil man damit auch die Europäische Menschenrechtskonvention aus der Rechnung nimmt", so Vallet.

Reich gegen Arm

Ein Grenzzaun, eine Grenzmauer trennt stets mindestens zwei Seiten. Erbaut wird sie in den allermeisten Fällen aber von reichen Staaten. Abgrenzung zeigt also auch eines: die Angst vor dem Verlust des Reichtums. Dazu kommt oft die Angst vor transnationalem Terrorismus, vor Menschen-, Drogen- und Waffenschmuggel und die vor dem scheinbar drohenden Verlust staatlicher Souveränität durch größere Migrationsbewegungen. Vor diesem Hintergrund hat sich in den vergangenen Jahren die Grenze des Nationalstaats zu einem Ort der scheinbaren Unsicherheit entwickelt – oder zumindest wurde sie als solcher stilisiert und inszeniert.

Die vom österreichischen Innenminister Herbert Kickl und Verteidigungsminister Mario Kunasek abgehaltene Polizeiübung an der österreichisch-slowenischen Grenze ist dafür ein perfektes Beispiel. "Pro Borders" genannt und mehr als eine halbe Million Euro teuer, sollte die rund 20-minütige Übung den Umgang mit einem fiktiven Migrantenansturm simulieren. Der Politologe Nicholas de Genova bezeichnet solche Inszenierungen der Politik als "border spectacle": ein Spektakel, das an Grenzen inszeniert wird, um ständige Bedrohung zu suggerieren.

Das reiche Israel dichtet sich fast komplett ab. Sicherheitsrisiken werden in der öffentlichen Debatte als einziger Grund dafür genannt. Der ökonomische Hintergedanke ist aber nicht zu ignorieren.
Foto: REUTERS/ Amir Cohen

Entfremdung statt Zusammenwachsen

War die Grenze früher der Ort, an dem die Macht eines Staates oder Reiches ausfranste, so werden internationale Grenzen künftig noch stärker Teil der Machtdemonstration eines Staates. US-Präsident Donald Trump, die Brexit-Befürworter oder Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sind Beispiele für diesen Weg. Unweigerlich damit einher geht ein ausgeprägter Nationalismus.

Laut Vallet fordern vor allem jene Menschen große unüberwindbare Mauern und einen harten Umgang mit Flüchtenden und Migranten, die weit von der Grenze entfernt leben. Menschen in Grenzregionen sind den Menschen in ihren Partnerstädten, -gemeinden oder -regionen jenseits der Grenze kulturell, sprachlich oder auch kulinarisch meist sehr viel näher als anderen Mitbürgern. Geschlossene Grenzen, wie sie immer öfter die Zukunft sein werden, schaden unter diesen Gesichtspunkten beiden Seiten: Sie befördern zunehmende Entfremdung auf sozialer Ebene, schränken Handel und Fachkräfteaustausch ein und vernichten wirtschaftliche Chancen auf potenziellen Absatzmärkten.

Klar: Viele Städte sind erst deshalb entstanden, weil der Grenzverkehr beziehungsweise Grenzwartezeiten und die damit verbundenen Geschäftsmöglichkeiten ein Überleben ermöglicht haben. Viel öfter jedoch wurde eine willkürliche, imaginäre Linie durch bestehende Siedlungsgebiete gezogen. Dadurch wurde Handel, der in seiner Natur eigentlich lokal war, auf einmal transnational, in manchen Fällen gar zu illegalem Schmuggel.

Zukunftsaktie "militarisierte Grenze"

Beispiele entlang der US-Mexiko-Grenze zeigen, was von geschlossenen Grenzen künftig zu erwarten ist: Die ökonomisch schwächere Seite verarmt (auch weil die Anreise für Bürger des reicheren Staates mit zu viel Zeit und Mühen verbunden ist) und hält sich mit irregulärem Handel und Menschenschmuggel über Wasser; die Kriminalitätsrate steigt. Die reichere Seite hält sich nur deshalb über Wasser, weil die Militärindustrie Einzug hält und weil Techniker, Polizisten und Mitarbeiter von großen Rüstungsunternehmen in der Region verkehren und Geschäfte machen.

"Nur wenn Sie uns die notwendigen Daten geben, können wir eine sichere und angenehme Reise garantieren." Das versprechen zahlreiche Unternehmen, die an den Grenzen der Zukunft verdienen wollen.
PwC Luxembourg

Lockheed Martin, Airbus, Thales, Boeing: Es sind diese Unternehmen, die während des Kalten Krieges noch Staaten mit Panzern, Faustfeuerwaffen und Flugzeugen belieferten und im Laufe der vergangenen Jahre allmählich realisierten, welch großes Geschäft sich mit der Militarisierung internationaler Grenzen machen lässt. Mit 26.000 Kilometern sind heute bereits rund zehn Prozent aller internationalen Grenzen mit Grenzzäunen oder -mauern versehen – Tendenz steigend. Mancherorts stehen nur einfache Zäune und Mauern. Mehrere Tausend Kilometer sind jedoch schon mit modernster Technologie ausgestattet. Drucksensoren, die Bewegungen in mehreren Kilometer Entfernung aufspüren, Drohnenüberwachung, GPS-Satellitenvernetzung, Wärmebildkameras, Überwachungsfahrzeuge – die Grenzen von heute spielen alle Stücke. Und die zivile Technologie wird künftig noch verstärkt bei militärischen Zwecken zum Einsatz kommen.

Der Zenit des Grenzspektakels: Flughäfen

Aber auch Menschen, die auf legalem Wege Grenzen überqueren wollen, müssen künftig noch stärker damit rechnen, ihre Persönlichkeitsrechte mit dem Übertritt abzutreten. Fingerabdrücke, Irisscan, Nacktscanner sowie die komplette Reisegeschichte der letzten zehn Jahre – schon heute geben wir dem grimmigen Officer for Homeland Security bei der Einreise in die USA mehr Informationen über uns preis, als wir manch gutem Freund anvertrauen würden. Vorher wurden bereits sämtliche Bewegungen mittels Verhaltenserkennungsprogrammen aufgezeichnet. Wer zu viele Strafpunkte erhielt – etwa für Pfeifen oder Gähnen – wurde bereits aus der Schlange gefischt und in die Verhörkammer gebeten.

Flughäfen, Bahnhöfe und internationale Grenzen sind mittlerweile zur Spielwiese der Rüstungsindustrie mutiert; jeden Monat kommen neue Gadgets hinzu. Sie werden bei der Einreise immer öfter ihre Kredikarteninformationen abgeben müssen, sodass bei Verwaltungsstrafen der Betrag sofort abgebucht werden kann. Was wie eine Episode aus "Black Mirror" wirkt, ist in China bereits Realität.

James-Bond-Trailer oder Werbevideo für Grenzschutz? Entscheiden Sie selbst.
Airbus Defence and Space

Die noch unverlässlichen Systeme werden sich technisch verbessern, bereits bekannte Gefährder und international gesuchte Verbrecher wohl tatsächlich häufiger schnappen. Den Löwenanteil rausgefischter Flugreisender werden aber wohl berauschte Urlauber, an Flugangst leidende nervöse Menschen oder weitere Opfer rassistischer Profilerstellungen, "randomly selected", sein – denn von Menschen programmierte Maschinen erwiesen sich schon öfters als genauso diskriminierend wie ihr Lehrmeister.

Der Elektrochip im Reisepass könnte schon bald unter die Haut eingepflanzt sein. Das ist praktisch: Man verliert und vergisst ihn nicht, und im Falle einer Entführung in der Wüste kann man dort aufgespürt werden.

Lungen-Scan und Gutmenschenzeugnis

All dies dient der zunehmenden Überwachung. Im Gegenzug erhält man angebliche Sicherheit. Regelmäßig veröffentlichte Videos von selbstgebastelten Low-Tech-Waffen wie Splittergranaten und Rohrbomben aus Duty-free-Produkten führen das Ganze dennoch irgendwie ad absurdum – wenngleich es natürlich zu bestimmten, aber sinnvollen Sicherheitschecks kommen muss.

Doch Staaten haben längst erkannt, dass jenes inszenierte Spektakel an der Grenze eine schier unerschöpfliche Wiege der Informationsbeschaffung und zugleich ein weiterer Hebel zu einer leichteren Abschiebung unliebsamer Personen ist. Auch deshalb will Pakistan bei den Angaben für einen Visaantrag heute schon die Blutgruppe, Religionszugehörigkeit und Wehrdienstdauer wissen, Japan die komplette Drogengeschichte kennen oder Papua-Neuguinea ein Röntgenbild der Lunge, einen beglaubigten HIV-Test und eine Bescheinigung der Polizeibehörde einsehen, die bezeugt, dass Sie ein "gutes Wesen" haben. All das passiert bereits. Natürlich ist den meisten Sicherheitsverantwortlichen bewusst, dass kaum jemand bei der Einreise einen etwaigen Gesetzesbruch freiwillig zugibt. Umso leichter ist es dann jedoch, später unliebsam gewordene Personen aufgrund von Falschaussagen bei der Einreise abzuschieben.

Der Fantasie, wohin das Spektakel an der Grenze künftig noch führen könnte, sind wenig Grenzen gesetzt. Man wird sich noch wundern können, was alles möglich ist, wenn man bestimmten Überwachungsfanatikern erlaubt, sich auszutoben. Solange es die Politik geschickt verkauft und permanente Unsicherheit an internationalen Grenzen suggeriert, wird es die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung aber akzeptieren, ja sogar gutheißen. (Fabian Sommavilla, 18.2.2019)

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