Wie der Bubble entkommen? Am besten hilft immer noch der Dialog mit anderen.

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Auf Hassbriefe zu antworten bringt in der Regel gar nichts. Die Positionen sind zu verhärtet, um noch Raum für mögliche Verständigung zu lassen. Hasnain Kazim, Österreich-Korrespondent beim Spiegel, hat es dennoch versucht. Für sein Buch Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte hat er zwei Jahre lang auf jeden Brief geantwortet, egal wie untergriffig, rassistisch oder einfach strunzdumm dieser war.

Allerdings nicht im Geiste der Vermittlung, sondern mit einer guten Portion hämischem Humor. Er missversteht sein Gegenüber mit Genuss oder baut Stereotype weiter aus. Als Kazim jemand schreibt, wie viel besser er darüber Bescheid wisse, was Deutschsein bedeute, kündigt er seinen Besuch an – mit mehreren Frauen, Kindern und zwei Ziegen, die im Stiegenhaus geschächtet werden sollen.

Sicherheit und Freiheit

Kazim bewies mit seiner Lesung bei der Brüsseler Tagung "The Big Conversation" im Beursschouwburg, dass jede Interaktion die Ausgangssituation verändert – in seinem Fall brachte er Hassschreiber effektiv zum Verstummen. Die Veranstaltung selbst ging es konstruktiver an: Rund um das Überthema Sicherheit und Freiheit pflegte man den gemeinsamen Dialog.

In insgesamt zwölf Gruppen konnte man, ähnlich dem Schwarzmarkt des Wissens, der u. a. 2007 beim Steirischen Herbst gastierte, mit Experten in Diskussionen eintreten. Die Themenbreite verdeutlicht noch vor Beginn, wie zahlreich die Brennpunkte sind, die an die "comfort zone" grenzen: Überwachung und Hassrede, Bürgerwehr und "Safe Spaces" oder Sicherheit in einer vernetzten Welt – wo beginnen?

Polarisierung entgegnen

"The Big Conversation" ist in ein größeres Projekt von insgesamt 42 Goethe-Instituten eingebunden, das sich unter dem Motto "Freiraum" der wachsenden Verunsicherung im europäischen Maßstab stellt – Stichwort: Polarisierung und Infragestellung eines liberalen Werteverständnisses. Ein postnationales Land wie Belgien, in dem manche Häuser und Bäume länger existieren als der Staat (Patrick McGuinness), erscheint dafür als Ausgangspunkt gut geeignet. Warschau und Berlin sind kommende Stationen.

Besonders virulent für den Öffentlichkeitswandel ist das offene Netz, über das wenige Konzerne algorithmusgesteuert gebieten. Die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Miteinander sind allerorten: vom Brexit bis zum aktuellen Aufstand der Gelbwesten. Nathalie van Raemdonck, Expertin für Cybersecurity, sprach in ihrer Runde über die negativen Effekte der sozialen Fragmentierung. Echokammern sozialer Netzwerke würden diese mitsteuern, weiter vergrößern. Die Blasen schirmen uns voneinander ab.

Druck der Digitalisierung

Das Problem des Bestätigungsfehlers kennt die Kognitionspsychologie bereits lange: Es ist ein menschlicher Instinkt, Informationen so auszuwählen, dass sie immer die eigene Hypothese bestätigen. Die schlechte Grundeinstellung wird durch Facebook und Co und zunehmend auch durch gängige Medien unter dem Druck der Digitalisierung verstärkt. User werden mit denselben Meinungen und "Großthemen" befeuert, ein Austausch, der auf die Vermittlung divergierender Positionen hinausläuft, indes vernachlässigt.

"If you're searching for support for your views online, you'll find it": Davor, dass man im Internet leicht in einen Teufelskreis gerät und sich im Strom der Affirmation Ansichten radikalisieren, hat auch der Brite James Bridle in seinem Buch New Dark Age gewarnt. Van Raemdonck will wissen, ob man dem entgehen kann: Ein wichtiger Schritt wäre schon, dem Glauben zu widerstehen, man hätte genügend Daten beisammen, um Zusammenhänge zu verstehen. Die wirksamste Medizin gegen Verschwörungsnarrative ist das Eingeständnis des Unwissens – und Aneignung von Wissen.

Wenig Datensicherheit

Pé Verhoeven, Mitglied einer Bürgerwehrinitiative und damit Vertreter einer rechten Position, fragte am Ende in die Runde, warum man nicht einfach den Stecker ziehen würde. Doch bei "The Big Conversation" geht es nicht um die Geste der Verweigerung, sondern um ein Sowohl-als-auch. Auch wenn es das heikle Thema Datensicherheit anbelangt, das die Diskussionsrunde mit der polnischen Aktivistin und Anwältin Katarzyna Szymielewicz bis in philosophische Höhen schraubt.

Die Expertin für Cyberrechte sprach vor allem das Gefühl der Sorge an, die daraus resultiert, dass wir uns in puncto Datensicherheit in einer Grauzone bewegen. Da man nicht genau wisse, wer einen gerade trackt und was aus den Daten für Erkenntnisse gewonnen werden, ist die Paranoia der Normalzustand geworden. Vor allem gegenüber privaten Organisationen gelte es, die Kontrolle über persönliche Daten einzufordern, so Szymielewicz. Doch würde man einen "guten" Algorithmus akzeptieren, der keiner unternehmerischen Idee folgt?

Private Schnittstellen

Zu Hause warten Siri, Alexa und eine noch namenlose Dritte einstweilen auf unsere Eingaben. An der Schnittstelle zum Privaten ist erhöhtes Bewusstsein besonders gefordert. Die Freiheit endet da, wo ich nicht entscheiden kann, was ich teilen möchte. Und die Durchdringung der Unfreiheit beginnt bei Gesprächen, die man mit anderen darüber führt. "The Big Conversation" sollte man auch einmal in Österreich anbieten. (Dominik Kamalzadeh aus Brüssel, 30.1.2019)