Für die Haie ist es "wie im Whirlpool", meinen die Forscher.
Foto: H. Nativ/Morris Kahn Marine Research Station

Chadera – Über einer Bucht nahe der nordisraelischen Stadt Chadera ragt eine riesige Industrieanlage auf, die auf den ersten Blick nicht den Eindruck erweckt, als würde sie die Umwelt hier für die Tierwelt attraktiver machen. Merkwürdigerweise ist aber genau das der Fall: In den vergangenen Jahren hat sich die Region zu einem saisonalen Hotspot für Haie entwickelt. Wissenschafter sind von dem Phänomen verblüfft und vermuten, dass warmes Wasser eine Rolle spielen könnte, das von dem Kraftwerk an dieser Stelle ins Meer geleitet wird.

Die Wissenschafter nutzen den Haireichtum bei Chadera und führen bei den Raubfischen Messungen und Markierungen durch.
Foto: AP/Ariel Schalit

"Hier tummeln sich manchmal 50 bis 100 Haie", sagte Meeresforscher Ejal Bigal vom Top Predator Projekt an der Morris Kahn Marine Research Station. Eine derart große Population an Sandbank- und Schwarzhaien sehe man selten. Bigal untersucht seit vier Jahren, was die Tiere ins östliche Mittelmeer treibt. Früher war der Schwarzhai (Carcharhinus obscurus) beispielsweise nur aus dem westlichen Mittelmeer und tropischen Meeren bekannt.

Haie sind für Fischer leichte Beute

In den letzten 100 Jahren seien 95 Prozent der Mittelmeer-Haie ausgerottet worden. Da sie flaches Wasser nahe der Küste bevorzugten, seien sie schneller von Fischern gefangen worden, erklärt der Wissenschafter der Universität Haifa. Zudem würden sich Sandbankhaie (Carcharhinus plumbeus) spät fortpflanzen – oft erst nach 20 Jahren. Umso erstaunlicher sei es, so viele Exemplare der gefährdeten Art an einem Ort zu sehen.

Idyllisch wirkt die Meereslandschaft nicht gerade, dennoch zieht sie Haie geradezu magisch an.
Foto: AP/Ariel Schalit

"Mitten im Whirlpool"

Die Forscher um Bigal vermuten, dass das lokale Kraftwerk etwas mit der vielfachen Anwesenheit der Haie zu tun hat. Es leitet warmes Wasser ins Meer und genau dort sammeln sich die Tiere – "mitten im Whirlpool", meint Bigal. Kürzlich fingen die Wissenschafter an, neben Blut- und Gewebeproben auch Ultraschallbilder von den Tieren zu sammeln.

Video: Haie vor Chadera im November 2018.
daniel levtovsky

Möglicherweise locke auch Fischreichtum die Jäger in die Gegend. Fest steht, dass jedes Jahr nicht immer die selben Haie zurückkehren. Das weiß Bigal, da er bereits 41 Tiere mit Sensoren versehen hat, um ihre Wege nachzuverfolgen. Zwei Sandbankhaie seien bereits vor zwei Jahren in Chadera gewesen, die übrigen seien Neulinge.

Für Bigal ist Chadera ein einzigartiger Ort – im guten wie im schlechten Sinn: Zwar sind die Bedingungen durch das Kraftwerk künstlich, doch das flache Wasser sei ein "Labor mitten in der Natur". Man müsse die Tiere nicht aus dem Wasser ziehen, um sie zu untersuchen. Allerdings fragt er sich, ob die Nähe zum Menschen ideal sei. Mittlerweile hat der ungewöhnliche Haireichtum auch zahlreiche Taucher angelockt. Die Touristen tummeln sich zwischen den Tieren, vom Strand aus sind die Haie mit bloßem Auge erkennbar.

Die Forscher sehen "Shark Watching" nicht allzu kritisch, zumal es ohnehin kaum zu verhindern sei.
Foto: H. Nativ/Morris Kahn Marine Research Station

Abwanderung im Mai

"Man wird 'Shark Watching' nicht verhindern können", meint Bigal. Er sieht darin eine Chance, Menschen aufzuklären. Schließlich seien Haie enorm wichtig für das Ökosystem, weil sie kranke Meerestiere fressen und Populationen anderer Spezies kontrollieren. Die Wissenschafter gehen davon aus, dass sie die Haie noch bis Mai beobachten können. Dann wandern die Tiere erfahrungsgemäß wieder in kühlere Gewässer. (red, APA, 6.2.2019)