Dragan Tatic war von 2004 bis 2012 offizieller Fotograf von Bundespräsident Heinz Fischer.

Foto: Dragan Tatic

Tatic über Fischer: "Ein Politiker zum Angreifen."

Foto: Dragan Tatic

Politiker kommen und gehen, Dragan Tatic bleibt. Schwarz, rot, schwarz, schwarz und zwischendurch auch grün: Das ist die Farbenpalette der Politiker, für die der 39-Jährige schon als offizieller Fotograf gearbeitet hat. Das Wechselspiel der Parteien habe nichts mit Opportunismus zu tun, sagt Tatic, sondern mit Professionalität: "Du musst ein guter Fotograf sein, und ich habe für fast alle schon irgendwas fotografiert."

Dass Tatic nicht nur ein guter, sondern ein ausgezeichneter Fotograf ist, bestätigen auch Kollegen, sonst würde er nicht schon lange in der ersten Reihe der Politfotografie stehen. Das dokumentieren seine Auftraggeber, die er seit gut 15 Jahren in Szene setzt: von Bundespräsidenten (Thomas Klestil, Heinz Fischer) über Außenminister (Michael Spindelegger, Sebastian Kurz) bis zum Kanzler (Kurz).

Dragan Tatic steht seit 15 Jahren in der ersten Reihe der Pressefotografie.
Foto: Matthias Cremer

Vorwurf der "Foto-Propaganda"

Ist von der Kommunikation der Regierung die Rede, fallen oft die Worte Message-Control, Macht der Bilder und Inszenierung – und zwar selten im positiven Sinne. Der Medienwatchblog Kobuk zeigte im Mai 2017 unter dem Titel "Die Zeitungen sind voller Foto-Propaganda von Kurz und Kern", wie oft Medien im Reservoir von offiziellen Partei- und Regierungsfotografen fischen, um ihre Artikel damit zu illustrieren. "Alle Welt lauscht Kurz", schrieb Kobuk. Sehr oft taucht bei den Fotocredits ein Name auf: Dragan Tatic. Er ist seit 2013 der offizielle Fotograf von Sebastian Kurz – zuerst vom Außenminister, jetzt vom Kanzler Kurz.

Tatic hat sicher hunderte, wahrscheinlich sogar tausende Fotos von Kurz und seinen Presseterminen gemacht. "Was mich ärgert, ist dieser Inszenierungsvorwurf", sagt er im Gespräch mit dem STANDARD. Pro Fototermin schickt der 39-Jährige vier bis fünf seiner Bilder an die Nachrichtenagentur APA, aus deren Bildarchiv sich wiederum Medien bedienen. Eine Korrekturschleife aus dem Kanzleramt, in der seine Fotos abgesegnet werden, gibt es nicht, betont er: "Meine Fotos schaut vorher niemand an."

Einmal fuchtelt der eine, einmal der andere

Auf den Bildern sei Kurz keineswegs immer als der Aktive zu sehen, der seinem Gegenüber die Welt erklärt: "Diese Fotos gibt es von beiden Seiten. Einmal fuchtelt der Kurz herum, einmal fuchteln der Putin oder die Merkel herum." Nur: "Eine österreichische Zeitung wird das Foto drucken, auf dem der österreichische Politiker den aktiven Part hat. Das ist verständlich."

Kurz und Merkel beim Fuchteln, fotografiert von Dragan Tatic.
Foto: APA/BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC

Im APA-Fotoarchiv sind Bilder wie jene von Tatic nicht als klassische Agenturfotos gekennzeichnet, sondern als Regierungsfotos identifizierbar. Sie werden mit den Hinweisen "Handout" und "APA / Bundeskanzleramt / Dragan Tatic" versehen. Dass seine Politikerfotos dennoch immer wieder den Weg in die Zeitung und Onlinemedien finden, sei einzig und allein die Entscheidung der jeweiligen Redaktionen, denn: "Fast alle Termine sind medienöffentlich."

Alle hinter der Kordel

Er habe zum Beispiel bei Pressekonferenzen mit Kurz weder einen privilegierten Zugang noch stehe er in der Poleposition, um besseres Material zu liefern – allein schon aus "Respekt gegenüber den Kollegen" mache er das nicht: "Auch als der offizielle Fotograf kann ich mich nicht einfach vor die anderen stellen. Gibt es eine Kordel, stehen alle hinter der Kordel."

Medien könnten zu allen Terminen ihre eigenen Fotografen schicken, machen das aber oft aus Kostengründen nicht: "Zu den Auslandsterminen werden alle Redaktionen eingeladen." Nur: "Viele Zeitungen sagen leider: Den Fotografen lassen wir daheim." Deswegen habe ihn der Vorwurf geärgert, dass alles kontrolliert werde und sonst niemand fotografieren dürfe: "Das ist kompletter Schwachsinn. Würde man sagen: Nur der Dragan darf da jetzt mit, wäre das ein Skandal."

Konkurrenz als Ansporn

Zum Beispiel als Kurz Anfang Dezember 2018 mit seiner Entourage und einigen Journalisten nach Ruanda und Äthiopien flog. Tatic war der einzige Fotograf an Bord, viele Medien verwendeten seine Fotos. Solch Solistenstatus bedauert er: "Man ist ja befreundet, und du wirst dadurch etwas ehrgeiziger. Konkurrenz spornt an." Gleichzeitig freut er sich natürlich, wenn seine Bilder publiziert werden, was auch der STANDARD manchmal macht – zuletzt etwa, als Kurz das Neujahrskonzert besuchte: "Welchem Fotografen gefällt das nicht?"

Kurz besuchte mit EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber, seiner Frau Andrea Weber und Susanne Thier das Neujahrskonzert.
Foto: APA/BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC

Dass Medien seine Fotos bringen, sei auch während seiner neun Jahre im Dienste Heinz Fischers nicht anders gewesen. Ganz im Gegenteil: Ein Bundespräsident hat viele repräsentative Aufgaben, die der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden sollen: "Die lustigsten Termine waren, wenn die Marillenkönigin zu Besuch gekommen ist oder der Rauchfangkehrer da war." Tatic hat fotografiert, andere Medien wie die APA haben apportiert: "Zu solchen Terminen kommt keine Agentur extra hin."

Ständig auf Adrenalin

"Es ist ein großer Druck", sagt Tatic über seine Arbeit: "Du weißt ganz genau, dass du nur diese wenigen Sekunden hast, und vor allem den Moment nicht wiederholen kannst." Seine Kamera könne jederzeit ausfallen: "Es ist nun mal ein technisches Gerät, das jeden Tag im harten Einsatz ist und mit dem nicht sehr liebevoll umgegangen wird." Bei großen Terminen wie Auslandsreisen sei man ständig auf Adrenalin: "Ich kann nicht zu Putin gehen und sagen: Du, Wladimir, sorry, aber geht's noch einmal, weil das Licht war grad nicht so schön."

Kurz bei seinem Treffen mit Putin in Moskau.
Foto: APA/BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC

Keine Privilegien

Auch als offizieller Kanzlerfotograf müsse er warten, bis die Protagonisten vor die Presse treten: "Die Türe geht auf, und dann rennen 40 Fotografen herein. Du bist erst einmal damit beschäftigt, dich in dem Raum zurechtzufinden. Wie ist das Licht? Du funktionierst auf Superdruck." In zehn Sekunden sei der Termin wieder vorbei: "Du versuchst Fotos zu machen, die nicht verwackelt, halbwegs scharf und richtig belichtet sind." Dann kommen "große Bodyguards und scheuchen alle raus". Für eine Inszenierung bleibe gar nicht die Zeit.

Aufgewachsen ist Tatic im niederösterreichischen Wöllersdorf als Kind jugoslawischer Gastarbeiter. Sein Berufswunsch hat sich im Alter von 14 Jahren herauskristallisiert: "Dann habe ich meinen Eltern erklärt, dass ich Fotograf werden möchte." Um seine Passion auszuleben, ging er Anfang der 2000er-Jahre nach Wien. Das Fundament für den Beruf holte er sich zuvor über eine Lehre, später arbeitet er als Kinderfotograf: Er fotografierte sie in Kindergärten und Schulen.

Fototasche als Türöffner

In Wien entwickelte er ein Faible für Pressekonferenzen. Nicht zufällig und nicht nur, aber auch aufgrund von Geldknappheit: "Mit dem Presseausweis habe ich gemerkt, dass man überall hingehen und gratis essen kann." Und so wurden die Termine immer mehr, genauso wie seine Fähigkeiten als Fotograf: "In der Früh und zu Mittag war ich irgendwo. Am Abend gibt es viele Galerien, in die du gehen kannst." Die Fototasche fungierte als Türöffner.

Kühe melken mit Heinz Fischer

Mit Politikerfotografie hat Tatic, der Vater eines 14 Monate alten Sohnes ist, im Jahr 2003 begonnen – im Dienste des damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil: "Ich bin da hineingerutscht." Klestil ist gestorben, Tatic blieb in der Präsidentschaftskanzlei, um von 2004 bis 2012 Heinz Fischer zu begleiten. "Ein Politiker zum Angreifen."

Heinz Fischer hat sich nicht oft verbogen, hier aber bei einem Besuch 2012 im Linzer Lentos neben einem Kunstwerk von Erwin Wurm.
Foto: APA/BUNDESHEER/DRAGAN TATIC

Genauso war Fischer aber auch einer mit Kalkül, der die Mechanismen des Medienbusiness für seine Zwecke genutzt hat: "Er war sich für nichts zu blöd", sagt Tatic und schmunzelt: "Ob das jetzt das Melken einer Kuh war, oder was auch immer." Fischer hat Fotos sehr gut antizipiert: "Der hat eine Kamera genommen und sich selbst fotografiert, weil er gewusst hat, da sind jetzt 40 Fotografen und ich bin morgen damit in jeder Zeitung."

Heinz Fischer und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon bei einer Wanderung auf die Geierwand in der Steiermark – aufgenommen im Jahr 2010.
Foto: APA/DRAGAN TATIC

Hupf übern Gatsch

Eine sportliche Herausforderung für Tatic war Fischers Leidenschaft für das Wandern: "Ich bin mit ihm auf jeden großen Berg gestiegen. Mit voller Fotoausrüstung." Auch hier hat sich Fischer gekonnt inszeniert: "Als Fotograf schaust du natürlich dauernd, was er macht." Wenn er zum Beispiel mit einem Stock im Stile eines Stabhochspringers über eine Gatschlacke springt, sollte der Fotograf nicht weit sein. Und Tatic war da, um auf den Auslöser zu drücken. Ein Foto für die Ewigkeit.

Mit Sebastian Kurz war Dragan Tatic nicht wandern. Solche Termine übernehmen üblicherweise die ÖVP-Fotografen. Tatic arbeitet als Pauschalist im Apparat des Bundespressedienstes, wo er sich mit einem Kollegen die Aufträge im Kanzleramt teilt: "95 Prozent der Kurz-Termine mache ich."

Dragan Tatic.
Foto: Matthias Cremer

"The Making of Sebastian Kurz"

Für Tatic gelten andere Regeln als für die ÖVP-Fotografen. Der Tiroler Blogger Markus Wilhelm veröffentlichte im Jänner unter dem Titel "The Making of Sebastian Kurz" ein Fotokonzept, wie der Kanzler ins Licht zu rücken ist – der STANDARD berichtete darüber: "Sämtliche Fotos der Kampagne entstehen aus natürlichen Situationen heraus. Nichts ist dabei gestellt", heißt es in dem Styleguide: "An erster Stelle steht das Prinzip der Tiefenschärfe." Sie erlaube es, "den Blick des Betrachters auf einen bestimmten Punkt des Fotos hin zu lenken und visuell interessante Storys zu erzählen". Die "klaren Regeln" sind garniert mit Beispielfotos. Für Tatic gelten diese Direktiven nicht, sagt er: "Ich kenne das Papier nicht."

Showman Christian Kern

Kurz mit Heinz Fischer zu vergleichen sei schwierig, weil sie komplett andere Typen seien. Was sie dennoch verbindet: "Beide sind zwischenmenschlich extrem angenehm. Kurz ist nicht eitler als Fischer." Wenn es um Eitelkeit geht, sieht Tatic wen anderen an vorderster Front: Christian Kern: "Da war viel mehr Show dahinter und viel mehr Inszenierung als bei Kurz." Der ehemalige Kanzler und SPÖ-Chef ließ sich nicht selten mit Sonnenbrille ablichten und zum Beispiel beim Gaberln in seinem Büro: "Da ist nicht zufällig ein Fotograf dahergekommen." Viele Medien haben dieses Foto publiziert – auch der STANDARD.

Kern beim Gaberln im Büro.
Foto: APA/Bundeskanzleramt/Andy Wenzel

Kern habe wohl Anleihen beim "Prototyp der modernen politischen Kommunikation" genommen: Pete Souza. Er begleitete Barack Obama seit dem Jahr 2005 bis ins Weiße Haus, wo er Cheffotograf des US-Präsidenten bis 2017 war. Obama war für Tatic "der Meister der Inszenierung". Souza hat dafür gesorgt, dass nichts dem Zufall überlassen wurde. Ähnlich wollte Kern agieren, nur: "Wenn ich als Kern versuche, das zu kopieren, wirkt es patschert."

Kontrolle bei Kern

Tatic erzählt von einer New-York-Reise. Kern war Kanzler, Kurz Außenminister. Beide hatten einen Fotografen dabei: "Meine Fotos hat niemand kontrolliert, bei Kern war das ganz streng." Sein Pressesprecher habe erst die Freigabe geben müssen, welche Bilder ausgeschickt werden. "Bei mir gab es das mit Kurz nicht." Und das gibt es nach wie vor nicht, betont Tatic. Meuchelfotos waren bis jetzt freilich keine dabei.

Fischer mit Fes

Im Laufe seiner vielen Jahre als Politikerfotograf hagelte es erste eine Beschwerde, erzählt Tatic. Aber die war dafür saftig. Heinz Fischer besuchte 2004 die österreichischen Truppen in Bosnien und bekam ein besonderes Geschenk: einen Fes. Der Bundespräsident marschierte mit der Kopfbedeckung lustig durch die Reihen der Soldaten. Tatics Foto war am nächsten Tag auf Titelseiten – auch auf der des STANDARD.

Heinz Fischer mit Fes.
Foto: AP Photo/HBF/Dragan Tatic

"An dem Tag gab es einen heftigen Anruf aus Fischers Team, dass ich den österreichischen Bundespräsidenten nicht mit dem Fes zeigen kann." Das Foto könne leicht instrumentalisiert werden. Zu heikel war zum damaligen Zeitpunkt die politische Gemengelage rund um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei. Was damals für den damals jungen Fotografen ein "ordentlicher Anpfiff" war, ist heute nur noch eine Anekdote zum Schmunzeln.

Beim Papst-Begräbnis

Eine Anekdote, die erst retrospektiv betrachtet lustig ist, ist auch Tatics Reise im Jahr 2005 mit Heinz Fischer und Wolfgang Schüssel, damals Kanzler, in den Vatikan, um Papst Johannes Paul II. die letzte Ehre zu erweisen. Beim Begräbnis herrschte absolutes Fotoverbot: "Ich habe versucht, meine Kamera so gut wie möglich unter meinem Mantel zu verstecken." Schüssel und Fischer seien zur aufgebahrten Leiche gegangen, um zu kondolieren: "In dem Moment habe ich die Kamera rausgeholt und genau zwei Bilder gemacht, bis mich die Schweizer Garde rausgezerrt hat und die Fotos löschen wollte." Tatic hat sie aus den gelöschten Dateien rausgeholt und publiziert: "Die sind dann auch groß erschienen." (Oliver Mark, 8.2.2019)