An Fahrverboten für Fahrzeuge mit Diesel-Motor bis Euro5 wie an der Stresemannstraße in Hamburg entzündete sich ein Streit zwischen Lungenfachärzten und Umweltmedizinern.

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Die Relativierung von Gesundheitsrisiken durch deutsche Lungenfachärzte rund um Dieter Köhler bringt Pneumologen und Wissenschafter in ganz Europa auf. Auch, aber nicht nur, weil Köhlers Aufstellung Zahlen- und Rechenfehler enthält. Die 130 Lungenärzte seien beim Vergleich mit der Schadstoffbelastung durch Rauchen von falschen Ausgangswerten ausgegangen, deckte die Berliner Tageszeitung taz auf. Auch Umrechnungen seien teils falsch.

Die Initiatoren räumten nun Fehler ein, an der Grundaussage halten sie jedoch fest: "Insgesamt ändern diese kleinen Korrekturen natürlich nichts an der Gesamtaussage, dass die sogenannten Hunderttausende von Toten durch Feinstaub und NO2 sowie die daraus verursachten Krankheiten in Europa nicht plausibel sind", so Köhler.

Wie berichtet, hatten sie in ihrem Papier behauptet, die geltenden Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub seien wissenschaftlich nicht hinreichend begründet.

"Ärzte für schlechte Luft"

"Erstmals setzen sich Ärzte für schlechte Luft ein", kritisiert Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizin-Uni Wien die These der Deutschen. "Mit Aussagen wie diesen gefährden diese hundert Ahnungslosen kenntnisarm die Gesundheit der Bevölkerung."

Mit einer Veränderung der Grenzwerte, wie von manchen Politikern und Automanagern angeregt, gewinne man gesundheitlich und gesellschaftspolitisch nichts. Im Gegenteil. "Das ist, wie wenn ich viele Diabetiker in einer Gesellschaft habe und die Zuckerwerte anhebe: Der Wert wird dadurch besser, aber die Folgeschäden steigen enorm", zieht der Vizeleiter des Unizentrums für Öffentliche Gesundheit einen drastischen Vergleich. Die Grenzwerte seien

Reizgas Stickstoffdioxid

Stickstoffdioxid (NO2), das ist unbestritten, ein Reizgas, das bei Verbrennung entsteht. Der EU-weit gültige Grenzwert für Messungen in der freien Luft beträgt 40 Mikrogramm im Jahresmittelwert. Das österreichische Immissionsschutzgesetz Luft (IG Luft) sieht 35 Mikrogramm vor. Mögliche Kombinationseffekte mit anderen Schadstoffen wie Feinstaub, NO2, Schwefeldioxid sind darin bereits mitberücksichtigt. Je näher sich jemand an der Emissionsquelle aufhält, desto größer ist die Belastung. "Politisch ist an diesen Werten nur, dass ein Grenzwert in einem Parlament beschlossen wird", sagt Hutter. Die Weltgesundheitsorganisation WHO etwa empfehle 20 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter (PM10) als Höchstwert, das IG Luft erlaubt 40. "Es ist nicht so, dass da Luft nach oben ist. Die Grenzwerte sind zu hoch, nicht zu niedrig."

Angesichts der Debatte – die deutsche Regierung bestreitet inzwischen wieder, eine Anhebung der Fahrverbotsgrenzwerte anzustreben, um die Verhängung von Dieselfahrverboten in Städten hintanzuhalten – räumt Hutter mit einer weiteren "Fehlinterpretation" auf, nämlich dass sich NO2 in Kombination mit feuchter Luft neutralisieren würde. "NO2 ist ein Reizgas, die Vorläufersubstanz von Sommersmog, das neutralisiert sich nicht. Mit Wasser in der Atmosphäre bildet es sauren Regen", verweist er auf die verschiedenen Wirkungsebenen. Bei Diesel komme auch noch Ultrafeinstaub dazu, der bis in Lungenbläschen und Blutbahn vordringe und Entzündungen sowie chronische Erkrankungen hervorrufe.

Umweltverschmutzung unvermeidbar

Den Unterschied zum Rauchen, das viel giftiger ist und mit höherer Dosis erfolgt, liegt laut der Internationalen Gesellschaft für Umweltepidemiologie auch im Belastungsmuster: Luftverschmutzung wirkt den ganzen Tag, das ganze Jahr, sie ist unvermeidlich. Zwischen den Zigaretten gibt es aber Pausen und man kann das Rauchen vermeiden. Im Effekt sind beide gleich: Das Risiko eines Herzinfarkts steigt.

Nicht zielführend sei auch der oft bemühte Vergleich mit an Arbeitsplätzen zulässigen Grenzwerten. Die maximal 950 Mikrogramm NO2 etwa seien erstens nur an Industriearbeitsplätzen zulässig, etwa in der Metallverarbeitung oder beim Schweißen, aber nicht im Büro. Und in der Industrie auch nur, wenn die Behörde Schutzmaßnahmen verordnet, führen Arbeitsmediziner aus. "Die Welt besteht nicht nur aus Autofahrern und Autofahrerinnen", so Hutter resigniert. "Es gibt viele kranke Menschen, und die sind zu schützen."

Berlin rudert zurück

Die deutsche Regierung rudert inzwischen zurück. Die Ausnahmeregelungen für Dieselfahrzeuge würden nicht gelockert, so die Koalitionsfraktionen am Freitag. Der Gesetzesänderung, wonach Dieselfahrzeuge von Fahrverboten ausgenommen würden, wenn sie im Alltag weniger als 270 Milligramm Stickstoffdioxid pro Kilometer ausstoßen – etwa nach einer Nachrüstung des Abgasrückführungssystems -, muss der Bundestag noch zustimmen. Ob die EU-Kommission das angestrebte Gesetz mit Ausnahmen für geringfügige NOx-Überschreitungen (auf 50 Mikrogramm) erlauben wird, war bis zuletzt unklar. In dem Fall wären Dieselfahrverbote in der Regel unverhältnismäßig – und unzulässig.

Die Diesel-Abwärtsspirale setzte sich unterdessen fort. Die Neuzulassungen von Diesel-Pkws in den vier größten Märkten Deutschland, Italien, Großbritannien, Frankreich und Spanien brachen um 19 Prozent ein. In Österreich um 17 Prozent, errechnete das Beratungsunternehmen Ernst & Young, der Diesel-Marktanteil hierzulande ging um 2,4 Prozentpunkte (auf 40,9 Prozent) zurück. Einzig Deutschland verzeichnete einen Turnaround: die Diesel-Neuzulassungen stiegen im Jänner um zwei Prozent. (Luise Ungerboeck, 16.2.2019)