Foto: dpa/Bernd Wüstneck
Foto: dpa/Bernd Wüstneck

PRO | Im Sinne der Kinder

von Rosa Winkler-Hermaden

Ein ganzes Fußballstadion voll mit verwundeten Mädchen und Buben. Es lässt einen schaudern, wenn man sich bildlich vorstellt, dass österreichweit in den vergangenen zehn Jahren 29.000 Kinder im Straßenverkehr verletzt wurden. Diese und weitere Zahlen, die das Kuratorium für Verkehrssicherheit zusammengetragen hat, regen auch zum Nachdenken an – darüber, warum der Fokus in der Verkehrsplanung immer noch auf die Autofahrer gerichtet ist. Sie haben eine starke Lobby: Diskussionen über die Einführung einer Citymaut werden im Keim erstickt, bevor sie noch begonnen haben.

Aufgrund eines tragischen Unfalls, bei dem ein Neunjähriger beim Überqueren eines Schutzweges gestorben ist, stehen nun die Lkws in der Kritik. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit geht mit einer neuen Forderung noch über jene nach Einführung von verpflichtenden Abbiegeassistenten hinaus. Sämtliche Kraftfahrzeuge sollen im gesamten Stadtgebiet – mit Ausnahme der Hauptverkehrsrouten – nicht schneller als 30 km/h fahren dürfen.

Zwar sind schon jetzt viele Teile Wiens mit diesem Limit belegt, aber das weiß nicht jeder. Raser übersehen die Bodenmarkierungen zu gern. Radikalere Schritte sind daher unterstützenswert. Dass bisher nicht einmal auf allen Straßen, an denen es Schulen gibt, Tempo 30 gilt, ist ein Versäumnis. Kinder müssen gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sein können. Dafür hat die Politik zu sorgen.(Rosa Winkler-Hermaden, 18.2.2019)

KONTRA | Das Problem ist ein anderes

von Guido Gluschitsch

Die Idee des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV), Tempo 30 in Städten einzuführen, ist ja nicht einmal einen ganzen Augenblick lang gut. Anders ist nicht zu erklären, dass das KFV selbst sofort zurückrudert und Hauptverkehrswege vom Tempolimit ausnehmen will. Am Anliegen, die Sicherheit der Kinder zu erhöhen, gibt es nichts auszusetzen. Der Ansatz, dafür die Geschwindigkeit der Autos in der Stadt zu reduzieren, ist aber nicht bis zum Ende gedacht. Es geht schlicht nicht weit genug. Abseits der Hauptrouten darf man in Wien ohnedies kaum noch schneller als 30 km/h fahren. Und im Zentrum von Wien kann man tagsüber auch kaum schneller als 30 km/h fahren.

Nicht nur das Tempo der Autos ist für Unfälle und deren Folgen relevant. Viel bedeutender sind die Unachtsamkeit der Lenker und die schiere Masse des Autos.

Vernünftiger wäre es, das Auto im dichtbesiedelten Gebiet stark zurückzudrängen. Hauptverkehrsverbindungen gehören wie Autobahnen baulich getrennt. Für alle anderen Straßen und Wege lässt sich die Idee der Begegnungszone übernehmen. Das würde nicht nur die Sicherheit für Kinder dramatisch erhöhen, sondern nebenbei auch noch die Lebensqualität. Menschen, die keinesfalls aufs Autofahren in der Stadt verzichten wollen, sehen das wohl anders. Aber die sind bei Tempo 30 genauso empört – und dürfen nicht die Verkehrspolitik einer Stadt bestimmen.(Guido Gluschitsch, 18.2.2019)