Der australische Regisseur und Schauspieler Joel Edgerton hat "Boy Erased" fürs Kino adaptiert.

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Jugendliche in Hemd und Krawatte versammeln sich in einem Kirchenraum vor einem Sarg. Ein Prediger verkündet, dass es Abschied zu nehmen gilt von einem Sohn, Freund und Bruder, der aus eigener Schuld den Versuchungen Satans anheimgefallen ist. Gemeint ist kein tatsächlich Toter, sondern ein Jugendlicher, der direkt vor den Sarg geführt wird. Der Prediger zeigt auf den Sarg und ruft den Vater des Burschen an: "Ist es das, was Sie für Ihren Sohn wollen?" Auf das Nein folgt ein Ja, als der Prediger fragt, ob jemand den Dämon niederschlagen will. Der Dämon, das ist in diesem Fall Homosexualität. Der Vater greift zur Bibel und schlägt auf seinen knienden Sohn ein. Immer mehr Teilnehmer folgen seinem Beispiel.

Mit Unterstützung der Mutter schafft es ein 19-Jähriger, einem zweifelhaften "Therapieprogramm" zu entkommen: Nicole Kidman und Lucas Hedges in "Boy Erased".
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"Falsche Begräbnisse", zu denen auch Familienangehörige eingeladen werden, sind Teil der sogenannten Conversion Therapy. Mit ihr sollen Homosexuelle zur Heterosexualität bekehrt werden. Der australische Schauspieler und Regisseur Joel Edgerton bezeichnet sie im Gespräch als das "Verstörendste und Diabolischste", was er im Zusammenhang mit diesem Umerziehungsprogramm kennengelernt hat. Die beschriebene Szene sorgt für einige der unheimlichsten Momente seines neuen Films Der verlorene Sohn (Boy Erased).

Strenggläubige Eltern

Edgerton hat für seine zweite Regiearbeit die 2016 erschienene Autobiografie Boy Erased: A Memoir von Garrard Conley adaptiert. Der in Arkansas aufgewachsene Conley, der heute offen schwul in New York lebt, musste sich 2004 auf Wunsch seiner strenggläubigen Eltern einer Conversion Therapy der christlich-fundamentalistischen Gruppierung Love in Action unterziehen. Buch wie Film erzählen eine Coming-out-Geschichte, die zugleich eine Coming-of-Age-Geschichte ist. Während der Vater, ein von Russell Crowe mit viel Zurückhaltung verkörperter Baptistenprediger, an seinen Glaubenssätzen festhält, ergreift die von Nicole Kidman gespielte Mutter langsam die Partei ihres Sohnes. Mit ihrer Hilfe bahnt sich der 19-Jährige, dem Lucas Hedges (Lady Bird), glaubwürdige Zögerlichkeit verleiht, einen eigenen Weg.

Original-Trailer zu "Boy Erased".
Focus Features

Edgerton hat seinen Film mit einer klaren Arbeitshypothese gedreht: "die Demontage der Conversion Therapy". Dass er sich dabei einer Schwarzweißzeichnung enthielt, hat mit der Vorlage zu tun: "Ich entschied mich, niemanden als Bösewicht zu zeigen, weil das für mich eine der Entdeckungen im Buch war: Garrards Eltern schickten ihren Sohn nicht aus Hass an diesen Ort, sondern aus Liebe, um ihm zu helfen. Sie dachten, Sexualität sei eine Wahl."

Ebenso wie seine Hauptdarsteller hat Edgerton sowohl Garrard Conley als auch dessen Eltern mehrfach getroffen und die Originalschauplätze besucht: "Damit wollte ich sichergehen, dass jede Figur im Film mit der Empathie behandelt wird, die sie verdient." Das gilt auch für jene Figur, die der Star Wars-Fans als Owen Larsen bekannte Edgerton selbst spielt: einen Therapeuten, der nicht grundsätzlich sadistisch, sondern gefangen in einer versteinerten Glaubenswelt wirkt. Edgerton: "Es geht hier um die Interpretation bestimmter Bibelstellen, die benutzt werden, um ganze Minderheiten und ihren Platz in der Gesellschaft zu zerstören. Ich glaube, dass manche Menschen Religion als Ausrede für ihre Ablehnung von etwas verwenden, das sie persönlich nicht mögen."

Deutschsprachiger Trailer zu "Der verlorene Sohn".
Universal Pictures Germany

Rund 700.000 Menschen haben in den USA laut einer Studie der University of California eine Conversion Therapy in ihrem Leben durchlaufen, die Hälfte davon als Jugendliche. Laut Human Rights Campaign erhöht sich die Suizidgefahr durch eine solche "Behandlung" um das Achtfache. Fatale Beispiele dafür gibt es nicht nur in den Bible-Belt-Regionen der USA. Edgerton: "Ich war schockiert, wie weit verbreitet die Conversion Therapy in Australien ist."

Ob er sein Ziel erreicht hat, Garrard Conleys Vater von der Falschheit seines Tuns zu überzeugen, weiß Edgerton nicht. Allerdings habe der Prediger zumindest "vom Spielfeldrand" aus mitgeholfen, während die Mutter auch bei Filmfestivals mit an Bord war.

"Alles, was man hoffen kann, ist, dass ein, zwei Eltern aus solchen Communitys neugierig genug sind, diesen Film anzuschauen", so Edgerton. Optimistisch stimmt ihn etwa der schwule Blogger, Musiker und Schauspieler Troye Sivan, der in seinem Film mitwirkt: "Seine Generation wird mit dieser Bigotterie und Beschränktheit nicht weitermachen. Das glaube ich wirklich." (Karl Gedlicka, 20.2.2019)