Óscar Arias, nachdem er vergangene Woche vor der Staatswaltschaft in San José ausgesagt hat.

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Yazmín Morales ist eine der derzeit rund zehn Frauen, die Óscar Arias sexuelle Übergriffe vorwerfen.

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Vor Wut weinend erinnert sich Yazmín Morales in Interviews an ein Treffen bei einem der angesehensten Staatsmänner ihres Landes. Óscar Arias, Friedensnobelpreisträger 1987 und ehemaliger Präsident Costa Ricas, habe sie an eine Tür gedrückt, sie geküsst und begrapscht.

Bis vor kurzem, sagt Morales, habe sie diese Episode aus dem Jahr 2015 für sich behalten, weil ihr niemand geglaubt hätte. Sie ging damit erst an die Öffentlichkeit, nachdem die Psychiaterin und Friedensaktivistin Alexandra Arce von Herold und danach weitere Frauen dem heute 78-Jährigen sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten. Darunter befindet sich mittlerweile auch seine ehemalige Fitnesstrainerin Patricia Volio.

Der Fall Óscar Arias, der sich nun Beschuldigungen wegen sexueller Übergriffe von mindestens zehn Frauen gegenübersieht und vergangene Woche vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt hat, ist einer der bedeutendsten der #MeToo-Ära in Lateinamerika. Und er zeigt die Schwierigkeiten, denen Frauen ausgesetzt sind, die in der Region einen sexuellen Übergriff in die Öffentlichkeit oder zur Anklage bringen wollen – vor allem wenn es sich um einen mächtigen Mann handelt.

Absagen von Anwälten

Yazmín Morales (48), eine ehemalige Miss Costa Rica, wollte einen großen Namen als Anwalt an ihrer Seite haben. Als sie einen nach dem anderen anrief, stellte sie fest, dass fast alle von ihnen – darunter ehemalige Justizminister oder Präsidentschaftskandidaten – irgendeine Verbindung zu Arias hatten und eine Entschuldigung parat hatten, ihr nicht zu helfen. "Sie wollten lieber nichts damit zu tun haben", sagte Morales der New York Times.

Mächtige Männer wegen sexuellen Missbrauchs zur Rechenschaft zu ziehen ist an und für sich schon schwierig. In Lateinamerika ist dieser Schritt wegen "Machismus, Korruption und Straflosigkeit" noch eine Spur steiniger, sagt Teresa Ulloa Ziáurriz, eine Frauenrechtsaktivistin aus Mexiko. Hier, wo im Schnitt mehr als zehn Frauen am Tag getötet und zahlreiche Mordversuche verübt werden, Aktivisten sich auf extreme Gewalt gegen Frauen statt auf sexuelle Übergriffe konzentrieren, man eher #NiUnaMenos (dt.: nicht eine weniger, Anm.) als #MeToo sieht.

Doch während die Bewegung in anderen Erdteilen abzuflauen scheint, ist #MeToo nun auch hier in Lateinamerika angekommen – rund ein Jahr nach ihrem Beginn in den USA.

Inspiration aus den USA

Alexandra Arce von Herold, die den Stein gegen Arias ins Rollen gebracht hatte, sagte, vor #MeToo wäre es für sie unvorstellbar gewesen, eine so schwerwiegende Anklage gegen jemand so Mächtigen zu erheben. Zu sehen, dass Frauen Männer wie den Produzenten Harvey Weinstein oder den Schauspieler Bill Cosby anklagen, sei inspirierend gewesen.

Nun also Óscar Arias, Costa Ricas Präsident von 1986 bis 1990 sowie von 2006 und 2010 und seit 1987 Friedensnobelpreisträger: für seine Initiativen, um Mittelamerika dauerhaft zu befrieden und wirtschaftlich voranzutreiben. Sein Anwalt hatte ihm geraten, sich gegen die ihn erhobenen Vorwürfe und Anklagen nicht öffentlich zu äußern.

In einer Erklärung hatte er zuvor aber verlauten lassen, dass er die Anschuldigungen kategorisch ablehne. Er habe nie in einer Weise gehandelt, die den Willen einer Frau missachte. Dabei war Arias' "sexuelle Inkontinenz", wie die spanischsprachige Tageszeitung El País es nennt, seit Jahrzehnten Bestandteil von Gerüchten in Costa Rica gewesen, dieser als "mujeriego", als Frauenheld, bekannt.

70 Ehrendoktortitel

Jetzt ist es also raus. Und unabhängig vom Ausgang der Gerichtsprozesse: Das Image, an dem Óscar Arias, Erbe der Kaffeebarone, Millionär, Doktor der Universität von Essex und Inhaber von 70 Ehrendoktortiteln, ehrgeizig gearbeitet hatte, um in die Geschichte der Staatsmänner einzugehen, hat einen irreparablen Schaden genommen. (Martina Farmbauer aus Rio de Janeiro, 20.2.2019)