Pakistanische Demonstranten verbrennen in Peshawar eine Puppe des indischen Premierministers Narendra Modi.

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Wrackteile eines indischen Kampfflugzeugs.

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Die indische Armee verlegt Truppen an die Grenze.

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In der indischen Stadt Samba nahe der Grenze zu Pakistan wurde am Dienstag ein Bunker errichtet.

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Die verfeindeten Atommächte Indien und Pakistan stehen am Rand eines Krieges. Nach Angaben des pakistanischen Militärs hat dieses am Mittwoch zwei indische Kampfflugzeuge über pakistanischem Luftraum abgeschossen und Piloten "festgenommen". Einen Tag zuvor hatte die indische Luftwaffe als Vergeltung für einen Terroranschlag in der Region Kaschmir ein angebliches Lager der Terrororganisation Jaish-e-Mohammad in der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa bombardiert.

Das indische Außenministerium bestätigte am Mittwoch in einer sehr kurzen und extrem angespannten Pressekonferenz den Verlust eines Kampfflugzeugs vom Typ MiG 21; der Pilot gelte als "im Einsatz vermisst". Man habe einen Luftangriff Pakistans abgewehrt und einen Kampfflugzeug abgeschossen, das auf pakistanischem Territorium abgestürzt sei. Dabei habe Indien einen Abfangjäger verloren.

Im Norden des Landes wurden neun Flughäfen vorübergehend für den zivilen Luftverkehr gesperrt. "Jetzt haben wir die Eskalationsspirale, die eigentlich keiner will", sagt der ehemalige Marineoffizier Abhijit Singh, Senior Fellow bei der Observer Research Foundation, einer Denkfabrik in Neu-Delhi.

"Nichtmilitärischer Präventivschlag"

In der Tat hatte die indische Regierung noch am Dienstag die Operation in Khyber Pakhtunkhwa als einen "nichtmilitärischen Präventivschlag" bezeichnet und damit einen Antiterroreinsatz suggeriert. Die Regierung versicherte ausländischen Diplomaten, keine Eskalation zu wollen. Doch all das zeigte in Islamabad keine Wirkung: Pakistan wertete die Bombardierung auf seinem Staatsgebiet als Angriff und schlug umgehend zurück.

Angehörige der pakistanischen Luftwaffe feiern den Abschuss.

"Weder Premierminister Imran Khan noch Armeechef General Qamar Bajwa wollen derzeit eine Eskalation", sagte ein pakistanischer Diplomat in der indischen Hauptstadt. "Doch einen solchen Angriff können wir nicht hinnehmen." Der Sprecher des pakistanischen Militärs, Generalmajor Asif Ghafoor, betonte, man sei nicht in den indischen Luftraum eingedrungen, sondern habe die Flugzeuge von pakistanischem Staatsgebiet aus abgeschossen.

Zwei heikle Monate bis zur Wahl

Indien wird nun wohl oder übel deeskalieren müssen, wenn es nicht zwei Monate vor der Wahl einen Krieg riskieren will, dessen Ausgang unvorhersehbar ist. "Die regierende Bharatiya Janata Party weiß, dass sie eine gute Chance auf eine Wiederwahl hat, wenn sie ihre Karten gut ausspielt", sagt der Politologe Happymon Jacob von der Jawaharlal Nehru University in Neu-Delhi. Und genau das mache die Situation gefährlicher als sonst.

Bisher gab es zwischen den Atommächten ein Einvernehmen darüber, solche Scharmützel zu vermeiden. Doch die hindu-nationalistische Regierung von Premierminister Narendra Modi ist nicht nur im Wahlkampfmodus, sondern denkt seit längerem darüber nach, wie sie militärisch unterhalb der Nuklearschwelle auf Terroranschläge reagieren kann.

Der Selbstmordanschlag vom 14. Februar im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir bot den Falken in der Regierung die Gelegenheit, ihre theoretischen Überlegungen in der Praxis zu erproben. Bei dem Attentat auf einen Bus des indischen Militärs, zu dem sich die in Pakistan ansässige Terrororganisation Jaish-e-Mohammad (JeM) bekannt hatte, starben mehr als 40 Soldaten. Es war der blutigste Anschlag seit dem Angriff auf das Taj-Mahal-Hotel in Mumbai 2008 durch die Terrororganisation Lashkar-e-Taiba (LeT) und der Attacke auf das indische Parlament 2001 durch Mitglieder von LeT und JeM. Beide Organisationen operieren von Pakistan aus.

Gerüchte über Geheimdienstbeteiligung

Sie wurden explizit mit dem Ziel gegründet, den indischen Teil der zwischen beiden Ländern umstrittenen Region Kaschmir "zu befreien"; für LeT ist das zugleich Teil eines globalen "Jihads". Es heißt, dass der mächtige pakistanische Militärgeheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) an der Gründung beider Organisationen beteiligt war.

Pakistan betrachtet die Causa Kaschmir als "offene Rechnung". Es ist der Meinung, dass die mehrheitlich muslimische Region schon nach der Unabhängigkeit 1947 hätte Pakistan beitreten müssen, und sieht die indische Herrschaft in Kaschmir als Besatzung. Zugleich leugnet Islamabad regelmäßig jegliche Beteiligung an den Attentaten der Terrororganisationen, greift aber auch nicht gegen diese durch.

Pakistans Premierminister Imran Khan warnte im Fernsehen vor den "unkalkulierbaren Folgen" eines Krieges und rief dazu auf, sich "zusammenzusetzen und zu reden". Doch Neu-Delhi kann zu diesem Zeitpunkt nicht zurückrudern, ohne als Papiertiger dazustehen. Bereits im September 2016 hatte Indien nach einem Terrorangriff in Kaschmir mit "chirurgischen Schlägen" auf pakistanischem Staatsgebiet reagiert, doch Pakistan leugnete schlicht, dass diese überhaupt stattgefunden haben.

Riskante Strategie

"Indien muss bereit sein, weiter zu eskalieren, wenn Pakistan zurückschlägt", sagt der Politikwissenschafter Rajesh Rajagopalan. Nur so lasse sich auf Dauer eine glaubwürdige Abschreckungsstrategie aufbauen.

Doch genau davon versucht die internationale Gemeinschaft Neu-Delhi abzubringen: US-Außenminister Mike Pompeo rief beide Seiten dazu auf, "weitere militärische Aktivitäten zu vermeiden". Doch für Modi ist das kaum möglich, ohne das Gesicht oder – schlimmer noch – die Wahl zu verlieren. (Britta Petersen aus Neu-Delhi, 27.2.2019)