Annie Ernaux hat in ihrem Buch "Erinnerung eines Mädchens" ein Trauma ihrer Jugend aufgearbeitet.

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"Erinnerung eines Mädchens". € 20,60 / 163 Seiten. Suhrkamp 2018

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Leben zu kondensieren, ist ein Privileg der Jahre, auf die man zurückblicken kann. Je älter, desto konziser der Blick auf das Wesentliche, je selbstbewusster, desto einfacher ist es, mit eigenen Schwächen gut zurechtzukommen. Wie aufregend dieser Reifeprozess sein kann, ist in Erinnerung eines Mädchens nachzulesen. Die heute 79-jährige Annie Ernaux erzählt über die Person, die sie 1958 war. Katholisch, kleinbürgerlich, provinziell und voller Hoffnung. "Dalida sang 'Mon histoire, c'est l'histoire d'un amour'", beschreibt sie ihre damalige Aufbruchsstimmung.

Motor dieser autobiografischen Selbstbetrachtung ist eine Sexgeschichte. Annie verlässt als 18-jährige Schülerin in der französischen Provinz erstmals ihr Elternhaus, um in einem Ferienlager als Erzieherin zu arbeiten. Sie ist glücklich, dass die Zeit in der Klosterschule vorbei ist, und heilfroh, ihr kleinbürgerliches Elternhaus hinter sich zu lassen. Im Ferienlager will sie sich durch die Liebe neu erfinden, will wild und ungezügelt all das fühlen, was sie bis dahin nur in Romanen oder Gedichten darüber gelesen hat. "Sie hat noch nie den Penis eines Mannes gesehen oder angefasst", schreibt Annie Ernaux und fühlt sich wie ein "von der Koppel entlaufenes Fohlen, zum ersten Mal allein und frei, ein wenig scheu".

Schrecklicher Sommer

Was in den Sommermonaten 1958 für Annie Ernaux kommen wird, ist ebenso banal wie schrecklich. Einer der Burschen wittert das Verlangen und die Unsicherheit der jungen Annie. Er wird sie in sein Zimmer lotsen, dort zum Sex zwingen, sie am nächsten Tag ignorieren und sie vor den anderen bloßstellen, sie sogar als "Nutte" bezeichnen.

Über Jahrzehnte wird dieser Moment voller Gewalt und Erniedrigung im Zimmer des Burschen ihr Albtraum sein. Er wird ihren Selbstwert aushebeln, ihre körperliche Unversehrtheit und ihr Vertrauen in die Welt zerstören. Annie wird Bulimikerin, manövriert sich in berufliche Krisen und verdrängt ihre schlechte Erinnerung, so gut es eben geht.

Mittlerweile liegt das Trauma längst hinter ihr. Die Spannung des Buches ergibt sich aus der heute weisen Annie, die auf das naive Ding von damals zurückblickt. Das spiegelt sich auch im Erzählduktus – nicht immer verwendet sie die Ich-Perspektive, oft erinnert sie sich an sich selbst als "sie", also an die, die sie einmal war. In diesem Kneten der Erinnerungen, in der Betrachtung, besser dem Sezieren von Gefühlen ist sie eine Meisterin. Sex ist nur der Vorwand für etwas, das viel tiefer geht und ihr Wesen und Dasein bestimmte.

Was Frausein bedeutet

Doch das Erforschen der eigenen Empfindungen ist weder Selbstzweck noch Eitelkeit, sondern holt die Leserinnen ab und regt an, den eigenen Zustand in Bezug zur Welt (und zum Sex) zu bestimmen. Denn im Grunde genommen geht es der französischen Autorin darum, zu definieren, was Frausein alles bedeuten kann – an der Grunddeterminante, nämlich der Körperlichkeit, hat sich in den letzten 60 Jahren wenig verändert. Mit der Sexualität beginnt zwischen Mann und Frau ein Kräftemessen, das im 21. Jahrhundert genauso aktuell wie im Frankreich der 1960er-Jahre ist. Zwar sind nicht alle Frauen so sensibel wie Annie Ernaux, doch genau darin liegt auch ihre weibliche Stärke.

Die gute Nachricht: Erinnerung eines Mädchens ist Ernauxs persönlicher Befreiungsschlag, mit dem sie die Scham ein für alle Mal hinter sich lässt. Als Ethnologin ihrer selbst wird sie zur Befreiungskämpferin und arbeitet ihre Scham ab.

Ist Annie Ernauxs Buch eine Frauenlektüre? Eigentlich nein, denn Männer sollten wissen, wie invasiv das erste Mal Sex für eine Frau sein kann. Schonungslos mit sich selbst beschreibt Annie Ernaux, wie sie ihren Vergewaltiger von damals auf Google sucht und findet. Indem sie mit unglaublicher Leichtigkeit die Jahre vorwärts und rückwärts laufen lässt, kristallisiert sie Allgemeingültiges aus der Beschreibung ihrer Lebenszeit heraus.

Den Trend zum autobiografischen Schreiben und wie zeitgemäß Erinnerungen sein können, zeigt auch Ernauxs neue Beliebtheit im deutschsprachigen Raum. Mit neunjähriger Verspätung wurde 2017 ihr Buch Die Jahre, ein Sittenbild Frankreichs, veröffentlicht. In diesem Buch wird Annies traumatisches Jahr 1958 nur gestreift.

Neues Kapitel

Wer den familiären Hintergrund der großen Französin und die Tragweite ihrer Scham verstehen will, sollte aber unbedingt den am 9. März erscheinenden Roman Der Platz als weiteren Puzzlestein in der Anthologie von Ernauxs Gefühlsleben auf die Leseliste setzen. In diesem Buch, das in Frankreich bereits 1983 erschien, erzählt sie ihre Kindheit als Tochter kleinbürgerlicher, ängstlicher, aber doch auch rührender Eltern, die in der Normandie einen Krämerladen betrieben und mehr schlecht als recht davon leben konnten. "Oberste Regel: Dem kritischen Blick der anderen zuvorkommen, durch Höflichkeit, durch Abwesenheit einer eigenen Meinung, durch ein feines Gespür für die Launen anderer, die einen treffen könnten."

Diese Grundstimmung hasste Annie Ernaux, doch sie wurde davon stärker geprägt, als ihr lieb ist. Ihre schonungslosen Beobachtungen treffen den Nerv einer Zeit. Aber Alter kann ein Segen sein, wenn der Blick auf die Welt sitzt. Der Befreiungsschlag von der eigenen Biografie gelingt Ernaux von Mal zu Mal wieder. (Karin Pollack, 3.3.2019)