Der Generalsekretär der Vereinten Nationen ist sich sicher, dass die Präsenz der UN-Truppen in der Demokratischen Republik Kongo bald ein Ende hat. Noch vor Ende des Jahres sollen alle Soldaten aus dem Land abgezogen werden. Er ist der Meinung, dass durch die UN-Präsenz eine "solide Basis" geschaffen wurde und nun der Ostkongo eine "blühende und friedvolle Zukunft" vor sich hat.

So schrieb es die "New York Times" am 8. September 1963. Doch die Hoffnungen des damaligen UN-Generalsekretärs U Thant sollten sich nicht erfüllen. Auch 55 Jahre später stellen die Vereinten Nationen ein Truppenkontingent von mehr als 18.000 Uniformierten unter dem Missionsnamen Monusco. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Jahr 1963.

Massengräber entdeckt

Die Geschichte des Ostkongos – später in Zaire und dann in Demokratische Republik Kongo (DRC) umbenannt – blieb gewalttätig. Nach der Unabhängigkeit von Belgien im Jahr 1960 kam es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Rebellen und Regierungstruppen. Im Westen tobt weiterhin ein brutaler Konflikt zwischen ethnischen Gruppierungen.

Erst Anfang dieses Jahres entdeckten Mitarbeiter des UN-Menschenrechtsbüros mehr als 50 Massengräber nahe der Stadt Yumbi. Hunderte Leichen befanden sich in einem Grab. Laut ersten Ermittlungen wurden die Menschen durch Bewaffnete in zwei Massakern am 16. und 18. Dezember des Vorjahres hingerichtet.

Allein im vergangenen Jahr mussten 1,4 Millionen Ostkongolesen vor bewaffneten Kämpfen fliehen – im eigenen Land oder in Nachbarstaaten.
Foto: APA/AFP/JOHN WESSELS

"Seit 20 Jahren Opfer"

Die bewaffnete Auseinandersetzung Ende der 1990er-Jahre zwischen Rebellengruppierungen und den Truppen des damaligen Präsidenten Laurent Kabila wurde in den Medien als "Erster Weltkrieg Afrikas" bezeichnet. Auf der Seite der Rebellen fanden sich Soldaten aus Uganda und Ruanda, auf der Seite der Regierung Kämpfer aus Simbabwe, Angola und Namibia. Burundi schickte Truppen in die Demokratische Republik Kongo, um nach eigenen Angaben die Grenzen zu sichern.

"Die Bevölkerung des Kongo ist nun seit mehr als zwanzig Jahren Opfer von Gewalt", sagt Kimberly Bennett von der Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council (NRC) zum STANDARD. Das NRC ist eine der wenigen Organisationen, die sich innerhalb des Landes um die Bedürfnisse der Vertriebenen und Rückkehrer kümmern. "Die Medien beschreiben die verschiedenen Konflikte in der DRC aber als eine einzige langwierige Auseinandersetzung", sagt Bennett. "Das trägt dazu bei, dass die westliche Öffentlichkeit nicht mehr zuhört."

Im Kongo herrscht im Moment die zweitgrößte Nahrungsmittelkrise der Welt.
Karte: Der Standard

"Warum impfen lassen?"

Eine direkte Auswirkung davon ist Bennetts Meinung nach die Unterfinanzierung der humanitären Einsätze im Land. Laut dem Financial Tracking Service des UN-Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) wurden im Jahr 2018 nur 45,7 Prozent der errechneten humanitären Bedürfnisse finanziert. Das ist der geringste Wert der vergangenen elf Jahre. Im heurigen Jahr sind es erst 1,7 Prozent.

Im Vergleich dazu spendete die westliche Staatengemeinschaft aber genug Geld, um die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des gefährlichen Ebolavirus vollständig zu finanzieren. Das habe dazu geführt, dass die Bevölkerung vor allem im Osten des Landes den humanitären Helfern misstraue, sagt Bennett: "Jahrelang hat man den Menschen erzählt, dass es nicht genug Geld für Hilfe gibt, und plötzlich treten Ebolafälle auf, und die Finanzierungen stehen", sagt sie. Das habe auch direkte Auswirkungen auf den Ebolaeinsatz: "Die Betroffenen sagen: Warum sollte ich mich impfen lassen, wenn ich sowieso nichts zu essen habe?"

Zweitgrößte Nahrungsmittelkrise

Tatsächlich schätzen die Vereinten Nationen, dass im Vorjahr 13,1 Millionen der rund 81,5 Millionen Ostkongolesen humanitäre Hilfe brauchten. Im Land herrscht die zweitgrößte Nahrungsmittelkrise der Welt. Mehr als eine Million Kinder unter fünf Jahren leiden laut Unicef-Schätzungen unter schwerer Mangelernährung. Allein im Jahr 2018 mussten 1,4 Millionen Menschen fliehen – innerhalb der eigenen Landesgrenzen und in die Nachbarstaaten. Hinzu kommt, dass die DRC mehr als 537.000 Flüchtlinge aus den angrenzenden Ländern beherbergt.

Zur Verschärfung der Lage trugen rund 380.000 Ostkongolesen bei, die aus Angola ausgewiesen wurden und in die Region Kasai zurückkehrten. Jene Region, in der die Vereinten Nationen im Juli einen möglichen Genozid orteten. "Die Menschen kehren oft zurück und haben noch weniger als zu dem Zeitpunkt, als sie fliehen mussten", sagt Kimberly Bennett. Häuser seien niedergebrannt und Gesundheitszentren dem Erdboden gleichgemacht worden. Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die schwanger in den Busch geflohen war und dort ihre Zwillinge allein zur Welt bringen musste. Sie ernährte sich selbst und die Kinder monatelang von Beeren. Als sie zurückkehrte, existierte ihr Zuhause nicht mehr.

Im Osten des Landes wurden Ende Februar zwei Ebola-Zentren niedergebrannt.
Foto: Meinie Nicolai/MSF/Handout via REUTERS

Helfer in der Schusslinie

Auch João Martins, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Osten des Landes, berichtet von Opfern der bewaffneten Auseinandersetzungen, die von seinen Teams betreut werden. Dabei gibt es vor allem im östlichen Bundesstaat Nord-Kivu ein Interventionsteam, das binnen 48 Stunden in die entlegenen Teile des Staates fährt, um einen möglichen Masernausbruch oder den medizinischen Bedarf nach Kämpfen zu beurteilen.

Dabei geraten die Helfer immer wieder selbst in die Schusslinie. Erst Ende Februar steckten Angreifer während zwei Attacken MSF-Behandlungsstationen für Ebolainfizierte in Brand. Die Hilfsorganisation zog ihr Personal ab. Und das, obwohl seit vergangenem Juli bereits 546 Menschen an dem tödlichen Virus starben.

Zerstörung kongolesischer Frauen

Die Krisen der Demokratischen Republik Kongo erhielten im Oktober 2018 kurzfristig auch westliche Aufmerksamkeit, als der Gynäkologe Denis Mukwege den Friedensnobelpreis gewann. Der 63-jährige Arzt kämpft seit Jahren für Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen wurden. Sexuelle Gewalt ist in der DRC eine Kriegswaffe. Immer wieder werden Berichte über systematische Massenvergewaltigungen publik.

In dem von Mukwege gegründeten Krankenhaus in der Grenzstadt Bukavu werden jährlich mehr als 3500 Frauen behandelt. Mukwege selbst führt oft bis zu zehn Operationen am Tag durch. "Der Konflikt wird nicht zwischen religiösen Fanatikern oder Staaten geführt. Dieser Konflikt rührt von wirtschaftlichen Interessen her und zerstört kongolesische Frauen", sagte der Arzt in einem Interview mit der BBC. (Bianca Blei, 6.3.2019)