Ob bewusst oder unbewusst eingesetzt: "Ähs" und "Ähms" haben viele Funktionen.

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Auch wenn wir sie häufig gar nicht bemerken, sind sie doch allgegenwärtig. Und obwohl sie keine eigentliche Bedeutung haben, erfüllen sie gleich eine ganze Reihe an Funktionen: Verzögerungslaute wie etwa "äh" oder "ähm". Im Durchschnitt benutzen wir solche auch Diskurspartikel genannten Unterbrechungen pro 100 gesprochenen Wörtern sechs Mal.

Zum einen haben die "Ähs" eine respiratorische Funktion, indem sie dabei helfen, die Sprechatmung zu regulieren. Andererseits lassen sie sich inhaltlich pointiert einsetzen, um zum Beispiel humoristische oder zweifelnde Effekte zu erzielen oder einen Fehler zu korrigieren. Vor allem aber helfen die Laute dabei, Gesprochenes zu strukturieren und dem Sprecher Denkpausen zu verschaffen.

Achtung Äh

Aber auch Zuhörer können von den Fülllauten profitieren, so sie nicht völlig überhand nehmen. Forscher um Rutger Bosker vom Max Planck Institut für Psycholinguistik in Nijmegen haben bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass Verzögerungslaute häufig vor weniger alltäglichen Wörtern verwendet werden und Zuhörern dadurch helfen, ein selteneres Wort zu antizipieren und aufmerksamer zuzuhören.

Jetzt hat Bosker mit Kollegen untersucht, ob sich die äh-Erwartungshaltung beeinflussen lässt. Für ihre Studie im "Journal of Memory and Language" setzten die Forscher niederländische Probanden vor Bildschirme, auf denen immer zwei Bilder gezeigt wurden, von denen eines etwas Alltägliches zeigte (etwa eine Hand) und das andere etwas Ungewöhnlicheres (zum Beispiel ein Iglu).

Dann erhielten die Studienteilnehmer Audio-Anweisungen inklusive Verzögerungslauten: Eine Gruppe hörte einen "typischen" Sprecher, der sagte: Klicken Sie auf das, äh, Iglu", während die zweite Gruppe das "Äh" stets vor dem häufiger gebrauchten Wort hörte ("äh, Hand"). Mittels Eye-Tracking verfolgten die Forscher mit, welches Bild die Probanden während der Anweisungen anschauten.

Akzent trübt Erwartung

In der ersten Gruppe blickten die Zuhörer wie erwartet schon auf das ungewöhnlichere Bild, sobald sie nur "äh" hörten. Die Forscher sehen darin die Bestätigung, dass die Teilnehmer durch den Verzögerungslaut bereits vorwegnahmen, dass ein selteneres Wort folgen würde. Die zweite Gruppe lernte hingegen schnell, sich an den atypischen Sprecher anzupassen: Nach einigen Runden erwarteten sie nach einem "Äh" nicht mehr das seltenere, sondern das häufigere Wort und blickten schon in Erwartung auf das jeweilige Bild.

"Wir werten das als Beweis dafür, dass Hörer aktiv verfolgen, wann Sprecher 'äh' sagen, und ihre Prognosen daran anpassen", sagte Bosker. Eine Einschränkung gibt es den Forschern zufolge allerdings: Hat der Sprecher den Akzent einer anderen Sprache, bleibt die Anpassung der Zuhörer offenbar aus. Die Forscher vermuten, dass der Akzent zur Annahme führt, der Sprecher könnte Schwierigkeiten haben, selbst häufige Worte zu nennen. Das Fazit der Forscher: Wir passen uns anscheinend nur an unstimmige Verzögerungslaute an, wenn sie von einem verlässlichen Äh-Sager kommen. (dare, 9. 3.2019)