Nach dem Urteil zur 380-kV-Freileitung in Salzburg kündigen die Leitungsgegner an, in Revision zu gehen. Sie werden weiterhin für eine Erdkabellösung kämpfen, sagt Elmar Niederkofler, Vizepräsident der Interessengemeinschaft Erdkabel. Auch in Oberösterreich fordern drei Initiativen die Verlegung von Erdkabeln anstatt von Freileitungen. Technisch ist das machbar, da sind sich Wissenschafter, Leitungsgegner und Netzbetreiber einig. Die Frage der Kosten spaltet die Gemüter.

Die Interessengemeinschaft Landschaftsschutz Mühlviertel setzt sich gegen den Bau einer Freileitung ein. Wer Modernisierungsverweigerer vermutet, liegt falsch. Gegen Strom haben die Protestierenden nichts – nur soll er durch ein Erdkabel fließen. Vergangene Woche demonstrierten sie gemeinsam mit zwei Initiativen aus dem Traunviertel und dem Innviertel mit insgesamt 1.000 Menschen in Linz für eine Erdkabelverlegung.

Mitten in der Stromtrasse

Sabine Mayr und Gottfried Stimmeder von der Mühlviertel-Initiative haben vor fünf Jahren begonnen, in eine kleine Biolandwirtschaft mit Kräuteranbau und alten Getreidesorten zu investieren. Da ihr Ackerland in der Stromtrasse liegt, fürchten sie um negative Folgen für ihren Betrieb. Nicht nur die direkten Anwohner, auch Grundstücke in Sichtweite der Freileitung würden massiv an Wert verlieren. Dazu sei eine Beeinträchtigung des Tourismus zu bedenken, sagt Stimmeder. In Waldgebieten muss zudem gerodet werden, da Sicherheitsabstand zu den Masten eingehalten werden muss.

Unzufrieden sind die Leitungsgegner auch mit der Kommunikation seitens der Politik. Ihre Anregungen seien nicht ernst genommen worden. Mittlerweile haben alle betroffenen Gemeinden im Mühlviertel Resolutionen für eine Erdkabellösung verfasst.

So sieht ein Querschnitt eines 380-kV-Höchstspannungserdkabels aus. Je höher die Spannung, desto technisch herausfordernder die Verlegung. In Oberösterreich fordern Initiativen 110-kV-Hochspannungserdleitungen.
Foto: Picturedesk

Dreimal mehr koste eine Erdkabelverlegung auf der etwa 40 Kilometer langen Strecke von Freistadt nach Rohrbach. Das ermittelte ein Kostengutachten eines Wirtschaftsprüfinstituts, das von der Landesholding Oberösterreich GmbH, einem Tochterunternehmen des Landes Oberösterreich, beauftragt wurde. Volkswirtschaftliche Nachwirkungen für anliegende Grundstücke und die regionale Wirtschaft wurden dabei nicht einbezogen.

Strittiges Gutachten

Es handelt sich um eine Betrachtung der Investitions- und Betriebskosten. Dieses Gutachten zweifelt Markus Haslinger, Jus-Professor an der TU Wien, an. Kollegen und er seien gerade dabei, das Gutachten zu prüfen. Kritisch erscheine die Methodik des Gutachtens. Darüber hinaus gebe es Inkonsistenzen bei den ausgewählten Vergleichsbeispielen. Die bisherige Kostenermittlung beruht auf dem Vergleich mit ähnlichen Projekten in Österreich und Deutschland.

Wolfgang Denk von der Energie AG, die einen Großteil des Stromnetzes in Oberösterreich betreibt, sagt im Gespräch mit dem STANDARD, dass die Freileitung die bevorzugte Lösung beim Stromnetzausbau sei. Das oberösterreichische Stromnetz wird als gelöschtes Netz betrieben. Das heißt, dass bei Fehlern ein Löschstrom eingespeist wird, der beispielsweise Lichtbögen stoppen kann.

Bei Erdkabeln braucht es mehr Energie, um einen Löschstrom einspeisen, da die umgebene Erde besser als Luft leitet und somit Energie verloren geht. Dadurch entstehen physikalische Grenzen des Einsatzes von Erdkabeln im aktuellen Netz. Durch Netzteilungen oder Umrüstung zu einem anderen Erdungssystem könnten mehr Kapazitäten für Erdleitungen freiwerden. Letztendlich sei es eine Frage der Kosten, sagt Denk. Dass Erdkabel mehr kosten und technisch aufwendiger sind, sie aber grundsätzlich realisierbar sind, meint auch Herwig Renner, Professor am Institut für elektrische Anlagen der TU Graz.

Zu wenig Diskussion

In Deutschland sind Erdkabel bei Leitungen von 110 kV mittlerweile die bevorzugte Lösung. Das deutsche Energiewirtschaftsgesetz regelt, dass 110-kV-Hochspannungsleitungen – welche auch im Mühlviertel verlegt werden – als Erdleitungen umzusetzen sind. Diese Regel gilt bis zu einem Mehrkostenfaktor von 2,75.

Das wirft Fragen nach der zukünftigen Netzstruktur in Österreich auf. Langfristig sei zu berücksichtigen, dass regionale Energiebereitstellung durch beispielsweise Solar- oder Bioenergie mehr Bedeutung erlangen werden, sagt Stefan Schleicher, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Graz.

Er schlägt eine fragmentierte Netzstruktur vor, wobei auch Erdkabel leichter integriert werden könnten. Neben dem Mühlviertel wird auch im Traunviertel und im Innviertel – dort sogar schon mehr als 20 Jahre – über die Frage der Leitungsart gestritten. Vor diesem Hintergrund scheint es durchaus plausibel, wenn Schleicher von einem Diskussionsdefizit beim Ausbau der Energienetze spricht. (Julian Giera, 8.3.2019)