Als leidenschaftliche Skifahrerin und Bergsteigerin habe ich in den vergangenen 18 Jahren unzählige Berge an der nordamerikanischen Ostküste von Maine bis West Virginia erforscht und stets hat mich die Weit­läu­fig­keit und Wildnis der hiesigen Natur fasziniert. Zu meiner Freude bin ich bei diesen Erkundungen fast überall auf österreichische Spuren gestoßen, seien es Hotel- und Restaurantnamen oder nach Österreichern benannte Berghütten. Auf meiner ersten Reise nach Vermont im Jahr 2002 wurde ich von der Bevölkerung dermaßen häufig auf den Ort Stowe und das Erbe der Von-Trapp-Familie, bekannt hier durch den Film "The Sound of Music", angesprochen, dass ich mich gleichsam dazu verpflichtet fühlte, Stowe einen Besuch abzustatten, obwohl ich das gar nicht geplant hatte.

Mount Stratton, Vermont.
Foto: Hubert Schriebl

"Schifoan" auf Amerikanisch

Die Skigebiete der Ostküste sind tiefgelegen und befinden sich in stark bewaldetem Gebiet. Der Mount Stratton im südlichen Vermont hat beispielsweise eine Höhe von 1181 Meter, Mount Windham in New York State ist lediglich 945 Meter hoch. Aufgrund der niedrigen Lage variieren Schneefall und Temperaturen stark, wodurch die Gebiete für einen Großteil des Winters von künstlichen Beschneiungsanlagen abhängig sind. Bei guten Schneeverhältnissen gibt es durchaus anspruchsvolle und nicht präparierte Abfahrten, die auch für gute Skifahrer attraktiv sind. In einem schneearmen Winter werden die Pisten allerdings zu den berühmt-berüchtigten Eisplatten.

Die Infrastruktur ist zum Teil ziemlich veraltet: Liftkarten werden händisch gescannt und häufig benützt man alte und sehr langsame Sessellifte ohne Fußstütze. Die Ski baumeln frei in der Luft, was vor allem für kleine Kinder höchst problematisch ist, da sie leicht unter dem Bügel durchrutschen können. Einer mir bekannten Familie ist das passiert, das Kind hat den Sturz glücklicherweise unbeschadet überstanden.

Die Baselodge-Experience.
Foto: Stella Schuhmacher

Baselodge, Sushi und Privatclub

Die sogenannte "Baselodge" ist das geschäftige Herz des Schigebietes am Fuß der Liftanlagen. Hier sind lange Tische aufgestellt, die meist voll besetzt sind. Es tummeln sich nicht-skifahrende Familienmitglieder, kleine Kinder, oder diejenigen, die sich einfach ausrasten wollen. Meist herrscht ein großer Trubel, Essen wird entweder gekauft oder man packt Kühlboxen aus und verzehrt Mitgebrachtes. Skischuhtaschen werden hin und her getragen und es stapeln sich Ausrüstungsgegenstände auf den Tischen. Meine erste Begegnung mit einer solchen Baselodge war ein echter Kulturschock. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und finde sie eigentlich sehr praktisch. In manchen Gebieten merkt man die Nähe der Stadt New York an der Auswahl der Speisen in der Baselodge: es gibt Sushi, frische Salate oder asiatische Reisgerichte, die neben den obligatorischen Hamburgern und French Fries angeboten werden.

An den Wochenenden werden die Skigebiete sehr voll, die Schlangen bei den Liften sind enorm und die Pisten überfüllt, was die meisten einfach in Kauf zu nehmen scheinen. Wie in anderen Bereichen auch sind New Yorker beim Skifahren äu­ßerst ambitioniert, manche Familien fahren jedes Wochenende Ski und scheuen auch weite Distanzen nicht. Häufig werden dann auch die Skikünste und Rennerfolge des Nachwuchses bei Abendeinladungen hervorgehoben. Im vergangenen Winter traf ich beispielsweise eine New Yorker Familie in Vermont, fünf Autostunden von der Stadt entfernt, die es auf 60 Skitage im Jahr bringt. Der Vater hat sich sofort mit mir über die österreichischen Skistars Benjamin Raich und Marcel Hirscher unterhalten und kannte sich besser aus als ich.

Skifahren ist hier ein Sport der Eliten. Preise für Liftkarten, Unterkünfte, Essen oder Ausrüstungsmiete steigen in der Hochsaison auf ein Niveau, das man sich nur mehr als Familie mit gehobenem Einkommen leisten kann. Für die Einschreibegebühr in einem privaten Skiclub in New Yorker Nähe zahlt man beachtliche 85.000 Dollar, plus 3.000 Dollar Benutzungsgebühr pro Monat. Dafür ist dann der Skipass inkludiert, die normalen Pisten benützt man allerdings mit der Allgemeinheit und auch das Anstellen bei den Liften bleibt einem nicht erspart. Viele New Yorker Familien fliegen regelmäßig nach Utah oder Colorado, Schifahren wird quasi zum Statussymbol.

Skilehrer in Stratton im Geiger Pullover mit aufgesticktem Tiroler Adler.
Foto: Hubert Schriebl

Österreichische Spurensuche

In den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts kamen zahlreiche österreichische Skilehrer in die USA und übernahmen den Aufbau und die Leitung von Skischulen, wie zum Beispiel im Gebiet Hunter Mountain in den Catskills Mountains in New York State (Karl Plattner), Windham, ebenfalls in den Catskills (Franz Krickl), Sugarbush in Vermont (Pepi Neubauer), oder Stratton im südlichen Vermont (Emo Henrich und sein Nachfolger Alois Lechner). Altersbedingt hat sich das mittlerweile geändert, die alte Garde stirbt langsam aus. Gleichzeitig werden Skigebiete vermehrt von großen Investoren aufgekauft und die Leitung von Skischulen wird Managern übergeben, die oft vom Skifahren wenig Ahnung haben. Die Ruhmestage der österreichischen Skischulleiter in den Skigebieten der Ostküste scheinen vorbei oder zumindest am Verschwinden zu sein.

Emo Henrich, ehemaliger Leiter der Skischule Stratton.
Foto: Hubert Schriebl

Skischulleiter Franz Krickl in Windham, New York State

Die Skischule in Windham in den Catskills Bergen, circa zweieinhalb Autostunden nördlich von New York City gelegen, wird seit 38 Jahren vom Österreicher Franz Krickl geleitet. Franz ist staatlich geprüfter österreichischer Skilehrer und Skiführer und stammt ursprünglich aus der Gemeinde Türnitz in der Mariazeller Gegend. 1972 traf er in Windham ein und übernahm kurz darauf die Leitung der Skischule. Er sagt, dass ihn der Berg in Windham an den Ort seiner Kindheit erinnere. Franz reist regelmäßig nach Österreich, um seinen dort lebenden Sohn und seine Enkelkinder zu besuchen. 

In den 70er-Jahren befand sich unter den 20 Skilehrern nur ein einziger Amerikaner, alle wichtigen Skinationen waren damals vertreten. Heute arbeiten an den Wochenenden und Feiertagen bis zu 400 Skilehrer für die Skischule und der Kinderrennclub hat 700 Mitglieder. Die Skischule hat unter Franz eine ganzheitliche Unterrichtsmethodologie entwickelt und es werden spezielle Programme für Frauen ("women’s clinic") oder für Leute mit Höhenangst ("fear clinic") angeboten. Er hat zahlreiche Preise für sein Engagement gewonnen. In der Nebensaison hat sich Franz eine Baufirma aufgebaut, in der einige seiner Skilehrer während der Sommermonate beschäftigt sind.

Der an ein Alpendorf erinnernde Uhrturm in Stratton.
Foto: Hubert Schriebl

"Österreichische Dekade" in Stratton, Vermont

Die 60er-Jahre könnten in Stratton auch als die "österreichische Dekade" bezeichnet werden. Die Skischule wurde damals vom Österreicher Emo Henrich geleitet und die Bekleidung der Skilehrer bestand aus roten Pullovern der Firma Geiger mit einem aufgestickten Tiroler Adler. Die von Henrich gegründete Band Stratton Mountain Boys führte österreichische Volkslieder auf und brachte den Zuschauern das Schuhplatteln während der Tiroler Abende in der Baselodge bei. Heute spielen die Stratton Mountain Boys nach wie vor auf Oktoberfesten in der Region.

Stratton Mountain Boys 1972.
Foto: Hubert Schriebl
Stratton Mountain Boys.
Foto: Hubert Schriebl

Der Skilehrer und spätere Fotograf Hubert Schriebl kam zu Weihnachten 1964 von Österreich nach Stratton. Zunächst wollte er nur für einen Winter bleiben, lernte aber dann seine jetzige Ehefrau kennen und blieb sozusagen hängen. Seit 1968 ist er der offizielle Fotograf des Skigebietes und seine Fotos wurden in dem Buch "Stratton, The First 50 Years" verewigt. In allen Werbematerialen des Skigebiets sind Huberts Fotos zu finden und in prominenter Lage am Gipfel des Skigebietes befindet sich das nach ihm benannte "Hubert Haus", ein Symbol für seinen großen Einfluss. Der Großteil der Fotos in diesem Blogbeitrag stammt von ihm.

Hubert Haus am Gipfel von Mount Stratton.
Foto: Hubert Schriebl

Amerikanische Wildnis

Die meisten Skigebiete liegen in riesigen, nur dünn besiedelten Naturschutzgebieten, deren Schönheit, Weite und Wildnis atemberaubend sind. Hubert Schriebl hat beispielsweise den jungen Elch im folgenden Foto neben dem Langlaufzentrum im Skigebiet Stratton fotografiert. 

Junger Elch in der Naehe von Stratton.
Foto: Hubert Schriebl
Geschäft in Vermont an der Strecke zurück nach New York City.
Foto: Stella Schuhmacher

Bei der Heimreise vom Skiurlaub aus dem Green Mountain National Forest in Vermont vor ein paar Wochen passierte ich zahlreiche "Moose Crossing"-Schilder, ein echter Elch lief mir leider nicht über den Weg. Das "Big Moose Deli" an der Strecke nach New York musste daher statt eines lebenden Tieres als Fotomotiv herhalten. (Stella Schuhmacher, 27.3.2019)

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