Auge in Auge mit Rubens' enthaupteter Medusa klagt Sängerin Mira Lu Kovacs in einem Berg aus schwarzem Tüll über Gewalt gegen Frauen und singt Henry Purcells "Remember me".

Helmut Wimmer

Um ihn darunter aufzunehmen, hat der Vater in Pompeo Batonis Gemälde Gleichnis vom verlorenen Sohn seinen pelzbesetzten Mantel angehoben. Der Sohn liegt ihm mit nacktem Oberkörper im Schoß, das Gesicht in den gefalteten Händen vergraben. Wie schaut der Vater auf ihn hinunter? Sanft? Enttäuscht? Schauspieler Peter Wolf liegt im dunkelroten Jogginganzug auf einer der Sitzbänke im Ausstellungssaal des Kunsthistorischen Museums und sinniert ausgehend von der 1773 nach dem Bibelgleichnis gemalten Szene über die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen. Der Text stammt vom Philosophen Franz Schuh, und ein Gedanke darin reißt Wolf plötzlich wie elektrisiert hoch: Soll der Vater zum Kind gütig sein oder soll er es auf die Härte des Lebens vorbereiten?

Der Musentempel am Ring ist seit Mittwoch noch ein bisschen mehr Wunderkammer als sonst. Zum sechsten Mal geistert Regisseurin Jacqueline Kornmüller mit ihrer Ganymed-Reihe durch die Gemäldegalerie. Thema des literarisch und musikalisch beflissenen Parcours ist diesmal die Liebe: von romantisch über ausgelassen und enttäuscht bis verhängnisvoll.

So abwechslungsreich ist auch der Spaziergang. Vor dem Gewimmel aus Händen in Caravaggios Rosenkranzmadonna gestikulieren vier Darsteller in Gebärdensprache über die Verständlichkeit von Zeichen. Matthias Loibner erweckt Francisco de Herreras Blinden Drehleierspieler zum Leben. Loibners Instrument erzeugt dabei einen schwellenden Ton, der ins Dringliche anwachsen kann.

Wie ein leidendes Tier

Die je nur wenige Minuten dauernden Stationen assoziieren zu den Gemälden oft naheliegende, immer wieder aber auch überraschende Geschichten. Vor Tizians Kirschenmadonna sitzt Rania Ali mit einem Haufen Erdbeeren – gerade ist nirgendwo Kirschsaison – auf dem Boden und erzählt über die Mutterliebe. Martin Eberle entlockt einer Trompete ein sensationelles Stürmen und Tosen, das später klingt wie ein leidendes Tier. In nebeneinanderliegenden Räumen und simultan geschehend, ergibt das oft dramatische Überschneidungen, wenn Musik von nebenan herüberklingt.

Vor Hans Memlings Adam und Eva spielen zwei Männer in hautfarbenen Anzügen vierhändig Klavier. Das ist nicht nur ein schöner Einfall, um eine Paarbeziehung zu illustrieren. In Zeiten der Gleichberechtigung wechseln sie dabei auch fliegend Platz! Wenn es einen angesichts dessen länger an einer Station hält, ist das kein Problem. Lassen Sie auch die großformatigen Rothkos unterwegs nicht rechts und links liegen! Die Szenen laufen während drei Stunden immer wieder ab.

Martin Pollack hat zu Peter Paul Rubens' Gewitterlandschaft einen Monolog über Gastfreundschaft geschrieben, der ganz offen die aktuelle Flüchtlingspolitik und gegenwärtige gesellschaftliche Vorbehalte gegenüber Fremden anspricht. Das ist selten revolutionäre, aber durchweg hochästhetisch in Szene gesetzte und mitunter nachdenklich stimmende Kost. Kornmüllers Erfolgsrezept schmeckt nach wie vor. (Michael Wurmitzer, 16.3.2019)