Bei der 737 Max hatte es Boeing mit der Markteinführung im Rennen mit dem europäischen Rivalen besonders eilig.

Foto: REUTERS/Paulo Whitaker

Zulassungsverfahren bei der Einführung neuer Produkte können langwierig und teuer sein; manchmal gefährden sie den Geschäftserfolg. Bei Therapien gegen tödliche Krankheiten kann ein zu langer Zertifizierungsprozess sogar Menschenleben kosten. Kein Wunder, dass Unternehmen und Industrieverbände ständig auf schnellere und effizientere Abläufe drängen.

Bei der Zulassung der Boeing 737 Max hat man allerdings gesehen, wohin das führen kann. Wenn die Recherchen verschiedener US-Medien stimmen, dann hat die amerikanische Luftfahrtaufsicht FAA in den vergangenen Jahren die Überprüfung neuer Boeing-Flugzeugmodelle an den Konzern ausgelagert. Das spare Kosten und Zeit, lautete das Argument auf beiden Seiten, und helfe dem Industrieriesen im Wettbewerb mit Airbus.

Bei der 737 Max hatte es Boeing mit der Markteinführung im Rennen mit dem dem europäischen Rivalen besonders eilig. Deshalb nutzten die Manager die fehlende Aufsicht dazu, eine neue Software, die ein technisches Manko ausgleichen sollte, unbemerkt und ungeprüft einzusetzen. Nicht einmal die Piloten wussten, dass ein automatisches Programm die Flugzeugnase hinunterdrückt, wenn es das entsprechende Signal von einem einzigen Sensor erhält. Und dieser hat auf zumindest zwei Flügen verrücktgespielt.

Boeing-Drama

Den Preis für dieses unverantwortliche Vorgehen zahlen nicht nur die fast 350 Todesopfer der Abstürze in Indonesien und Äthiopien sowie deren Angehörige. Es trifft auch dutzende Fluglinien, Millionen Passagiere und letztlich die Mitarbeiter und Aktionäre von Boeing. Denn von dieser Krise wird sich der 100-Milliarden-Dollar-Konzern nicht so schnell erholen. Erschüttert könnte auch das Vertrauen in alles sein, wo "made in USA" draufsteht.

Das Boeing-Drama weist Parallelen zur Weltfinanzkrise auf. Im Vorfeld hatten die US-Behörden ihren Banken freie Hand gelassen, was diese zu exzessivem Risiko verleitete und die Weltwirtschaft in den Abgrund zog. In beiden Fällen fand eine "regulative Kaperung" der Aufsicht durch die überwachte Industrie statt – eine gefährliche Entwicklung, der die Trump-Regierung mit ihrer Politik aktiv Vorschub leistet.

Das heißt nicht, dass mehr Kontrolle immer besser ist. Europas Vorsorgeprinzip, wonach Produkte erst zugelassen werden dürfen, wenn deren Sicherheit garantiert ist, kann übertrieben werden. Seine strikte Anwendung würde jede Innovation verhindern, denn völlige Sicherheit ist nicht möglich – selbst bei bestehenden Produkten.

Deshalb müssen Aufseher in ihren Entscheidungen stets abwägen und benötigen einen gewissen Spielraum. Sie haben auch das Recht, Fehler zu machen, ohne gleich rechtlich belangt zu werden. Entscheidend ist, dass sie von der Industrie und der Politik unabhängig sind – und finanziell sowie personell gut ausgestattet. Da können der Sparzwang und das Wehklagen der Konzerne noch so groß sein: Wird die Kontrolle vernachlässigt, zahlen am Ende alle drauf. (Eric Frey, 20.3.2019)