Seit beinahe vier Jahrzehnten gleiten die Zinsniveaus in Westeuropa und den USA tendenziell abwärts. Allerdings ist der Boden inzwischen schon recht nahe gekommen.

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Aus heutiger Sicht herrschten für Sparer und Anleger in den frühen 1980er-Jahren geradezu paradiesische Zustände. Wer im Spätsommer 1981 in zehnjährige US-Staatsanleihen investierte, erhielt mehr als 15 Prozent Rendite pro Jahr. Auch deutsche Schuldverschreibungen warfen zu dieser Zeit zweistellige Erträge ab. Seitdem ging es mit den Zinsen stetig bergab, nunmehr seit fast vier Jahrzehnten.

Markant war in diesem Zeitraum die Finanzkrise, in deren Folge die Notenbanken die Leitzinsen auf null absenkten und unkonventionellen Maßnahmen wie breitangelegte Anleihenkaufprogramme ergriffen, um zunächst den drohenden Systemkollaps und in Europa später den Zerfall der Eurozone abzuwenden. Erst danach stellte sich die Frage, wie man aus dieser expansiven Geldpolitik wieder herauskommt.

Die US-Notenbank Fed hat zwar die Zinsen wieder in mehreren Trippelschrittchen erhöht, kündigte aber zuletzt ein abwartendes Vorgehen an. In der Eurozone sind Zinsanhebungen vorerst ohnedies vom Tisch – die EZB bleibt bis auf weiteres beim Nullzins. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) kam zu dem Schluss, dass die Wende zu strafferer Geldpolitik vorerst gestoppt sei.

Die Folge: Anleiheninvestoren müssen auch im März 2019 noch recht kleine Brötchen backen. Zehnjährige US-Staatspapiere werfen gerade einmal 2,6 Prozent Verzinsung ab, die Rendite ihrer deutschen Pendants kann sich gerade noch über der Nulllinie halten. Dass auch weniger möglich ist, hatten sie im Jahr 2016 gezeigt, als sie für einige Wochen sogar darunter abtauchten. Bei kürzeren Laufzeiten ist dies auch derzeit noch der Fall.

Bargeld gegen Negativzinsen

Fallende Zinsen als Megatrend – aber wie lange kann sich dieser noch fortsetzen, wenn die Renditen nahe null oder sogar darunter liegen? Grundsätzlich gilt: Solange es Bargeld gibt, sind Negativzinsen nur in begrenztem Maß durchzusetzen – und zwar bis zu jener Höhe, wo für Finanzfirmen und Unternehmen die Lager- und Sicherheitskosten für das Aufbewahren von Bargeld liegen. Wobei das 2016 von der EZB beschlossene Aus für den 500-Euro-Schein diese Kosten etwas erhöhen.

Der Ökonom Stephan Schulmeister sieht trotzdem keinen Spielraum für dauerhaft negative Leitzinsen. Er erteilt aber auch der Hoffnung auf höhere Zinserträge eine Absage. "Die Zinsen werden sehr lange bei null bleiben, sonst gibt es eine Finanzschmelze", sagt er mit Blick auf die hohen Schulden etlicher Staaten.

Was sich der frühere IHS-Experte allerdings vorstellen kann, sind weitere Wertpapierkaufprogramme der Notenbanken. Wobei sich diese künftig nicht auf Anleihen beschränken müssen. Auch Aktien oder sogenannte Asset Backed Securities (ABS), bei denen in der Regel Forderungen gebündelt und als Wertpapier verbrieft werden, seien denkbar. "Es ist eine verrückte Welt", sagt Schulmeister, "aber man kann argumentieren, es ist besser, als das System kollabieren zu lassen."

Für Anleger müssen dauerhaft tiefe Zinsen nicht zwingend eine Durststrecke bei den Erträgen bedeuten, sofern sie bereit sind, Risiko auf sich zu nehmen. Die Aktienmärkte sind – nicht zuletzt angefacht von der Geldschwemme der Notenbanken – bereits fast genau eine Dekade im Aufschwung. Beim breiten US-Aktienindex S&P 500 hat diese Phase laut dem US-Analysehaus Ned Davis Research Anlegern eine jährliche Rendite von 13,4 Prozent gebracht.

Ohne Risiko keine Rendite

Auch Christian Gaier, der beim Fondshaus Erste Asset Management den Bereich Fixed Income leitet, betont das Zusammenspiel von Rendite und Risiko. Sprich, wer etwas mehr Ertrag bei Anleihen als mit deutschen Papieren lukrieren will, sollte bei Staatsanleihen einen Blick auf die Ränder der Eurozone werfen. Er hält etwa portugiesische oder italienische Anleihen trotz aller Risiken für aussichtsreich, da die EZB derzeit bereits ein neues "Sicherheitsnetz" spinne. Gemeint ist die dritte Auflage der als LTRO bezeichneten Geldspritzen für Geschäftsbanken der Eurozone.

Die daraus gewonnene Liquidität sollte auch europäische Unternehmensanleihen stützen, denen Gaier ebenfalls etwas abgewinnen kann. Auch Schuldverschreibungen aus Schwellenländern, die generell ein höheres Zinsniveau aufweisen, hält er für aussichtsreich. Grundsätzlich leiden Emerging Markets zumeist, wenn die US-Zinsen steigen. Die Gefahr, dass die Fed die Zinszügel bald stark strafft, erscheint aber recht gering. (Alexander Hahn, 20.3.2019)