5G bringt auch mehr Sender. Das erste Netz in Österreich geht am Dienstag an den Start.

Foto: AP A

Etwa 340 Vögel starben vergangenen Herbst in einem Park in der niederländischen Metropole Den Haag. Die Tiere hätten plötzlich nicht mehr fliegen können, seien am Boden herumgelaufen und hätten verwirrt gewirkt. Schuld sei ein Test der neuen Mobilfunkgeneration 5G gewesen, heißt es weiter in mehreren Berichten. Die Vögel – und auch andere Tiere – hätten sogar ihren Kopf unter Wasser gesteckt, um sich vor den Strahlen zu schützen.

Eine dramatische Geschichte, an der allerdings nur ein Punkt stimmt: Tatsächlich starben hunderte Stare in und rund um den Park. Den 5G-Test gab es aber ebenso wenig wie einen dafür ausgerüsteten Funkmast. Die Tiere starben zudem nicht auf einen Schlag, sondern über mehrere Tage. Die Ursache wird immer noch erforscht, man vermutet aber Gift an einer Futterstelle. Monate zuvor war in der Nähe des Parks tatsächlich ein 5G-Probelauf durchgeführt worden, allerdings ganz ohne Vogelsterben.

Dennoch zog die Behauptung, dass durch 5G-Strahlung scharenweise Vögel gestorben seien, weite Kreise. Einschlägige Verschwörungsseiten wie "Epoch Times" oder das "Contra-Magazin" verbreiteten sie ebenso weiter wie selbsternannte Gesundheitsexperten und einige Tierschutzaktivisten. "Fake-News" machen auch vor Technologie nicht halt.

Ein Star, aufgenommen in der weißrussischen Hauptstadt Minsk.
Foto: AP

Auch keine Rodungen für 5G

Für die Mobilfunkbranche sind Meldungen wie diese ein Problem. Die Provider sehen sich zunehmend mit Anfragen und Anschuldigungen hinsichtlich der vermuteten Gefahren von 5G konfrontiert, berichtet Gregor Wagner, Sprecher des Forums Mobilkommunikation (FMK), eines Branchenverbands, dem auch die Netzbetreiber A1, "3" und T-Mobile angehören.

Man verstehe, dass einige Menschen ob der anstehenden Errichtung von 5G-Netzen besorgt sind. Das liege allerdings nicht an der Technologie selbst, sondern an Schauermärchen, die immer wieder verbreitet werden, so Wagner gegenüber dem STANDARD. Die toten Stare in Den Haag seien nur eines davon. Zuletzt wurde in Umlauf gebracht, dass für die 5G-Einführung Wälder gerodet würden, weil sie das Funksignal von Sendestationen blockieren würden.

"Es könnte Sie töten"

Ob derlei Meldungen konzertiert gesteuert werden, vermag man nicht zu sagen. In einschlägigen Kreisen würden sie sich aber sehr schnell international verbreiten. Das Schweizer Portal "Kla TV" kampagnisiert gegen 5G, und auch der russische Staatssender RT hat Warnungen vor 5G bereits Platz in reichweitenstarken englischsprachigen Sendungsformaten gewidmet. "Gibt es einen Haken [bei 5G]?", fragt etwa Moderator Rick Sanchez seine Korrespondentin Michelle Greenstein in einem Clip aus dem Jänner. "Es gibt einen, aber es ist nur ein kleiner: Es könnte Sie töten", erwidert diese.

RT America

Kritik von der FMK gibt es aber auch an der Wiener Ärztekammer. Diese habe etwa Forderungen postuliert, die längst erfüllt seien. Die Sendeleistung von Geräten und Funkmasten sei mit der Weiterentwicklung der Technologie kontinuierlich gesunken. Im 2G-Zeitalter hätten Handys mit bis zu zwei Watt gesendet, bei 4G-Geräten sind es nur noch bis zu 0,125 Watt. Die Reduktion sei aber weniger wegen Gesundheitsbedenken erfolgt – die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgesehen Grenzwerte werden bei weitem unterschritten –, sondern vor allem zur Senkung des Energieverbrauchs.

Ärztekammer fordert Vorsicht

Die möglichen gesundheitlichen Folgen von Funkstrahlung sind schon länger ein heißes Eisen. Die Österreichische Ärztekammer fordert einen Ausbau folgend einem "Vorsorgegedanken". Skeptisch ist man vor allem gegenüber der geplanten Vervielfachung von Sendestationen. Vor allem in städtischen Bereichen soll ein engmaschiges Netz an kleinen Sendern etabliert werden. Dementsprechend fordert man, analog zum Gemeindebund, einen Fokus auf Glasfaserleitungen, da diese "klar unschädlich" seien, statt sich umfassend auf eine Technologie einzulassen, "deren Auswirkungen kaum bis nicht geprüft" seien.

Man verweist auch auf eine Stellungnahme des Zentrums für Public Health der Medizinischen Universität Wien. Dort sieht man unter anderem mögliche Gefahren durch genutzte Frequenzen im Millimeterwellenbereich, die zur Schädigung oberer Hautschichten und der Augen führen könnten. Man bemängelt, dass Wirtschaft und Politik zu wenig Interesse an einer ausführlichen Untersuchung möglicher Folgen zeigen würden und dementsprechend die Forschung der technologischen Entwicklung hinterherhinke.

Foto: Reuters

Keine Auswirkung auf Häufigkeit von Gehirnkrebs

Sowohl die Ärztekammer als auch die FMK verweisen aber auch darauf, dass nach wie vor ein eindeutiger Nachweis der oft postulierten Krebsgefahr fehlt. Eine Studie des National Institute of Health der USA beobachtete ein häufigeres Auftreten von Hörnerv- und Herztumoren bei Nagetieren. Allerdings wurde bei dieser Untersuchung mit höherer Sendeleistung gearbeitet, als sie im Handyalltag üblicherweise auftritt.

Zudem konnte nach mehreren Jahrzehnten Mobilfunk kein Anstieg der Neuerkrankungen bei Gehirntumoren beobachtet werden. Seit 1994, damals wurde in Österreich das erste GSM-Netz an den Start gebracht, liegt die Inzidenz laut Daten der Statistik Austria hierzulande recht stabil bei acht bis neun Fällen pro 100.000 Personen im Jahr.

Die Krebsforschungsagentur der WHO (IARC) hat 2011 elektromagnetische Hochfrequenzfelder als "möglicherweise krebserregend" eingestuft, geht aber auch davon aus, dass dies "nicht wahrscheinlich" ist. Mit der Einstufung in die Gefährdungsgruppe 2B, die seitdem unverändert blieb, befinden sie sich in Gesellschaft von Aloe-Vera-Extrakt und Kokosnussöl. Die Einstufung gilt auch nicht exklusiv für Handystrahlung, sondern ebenso für Funksender von Rundfunkunternehmen, die mit erheblich höherer Sendeleistung arbeiten. 4G-Masten werden in seltenen Fällen mit bis zu 250 Watt betrieben, TV und Radio hingegen werden mit Leistung im Kilowatt-Bereich ausgestrahlt.

Foto: Statistik Austria

Neues Protokoll für alte Technologie

Dass 5G in Sachen gesundheitlicher Auswirkung ungeprüft sei, sieht man bei der FMK nicht. Die Übertragung von Daten per Funk funktioniere immer noch nach demselben Prinzip, das die Menschheit seit über 100 Jahren nutzt, sagt Wagner. 5G sei lediglich ein neues Protokoll dafür. Nur weil ein Nachrichtensprecher plötzlich schneller redet, heißt das nicht, dass sich die Übertragung grundsätzlich ändere, so sein Vergleich.

Die Provider sieht er kommunikationstechnisch im Nachteil bei der oft emotional geführten Debatte. Man versuche mit Fakten zu argumentieren und könne daher nur reaktiv kommunizieren. Dabei werde man immer wieder davon überrascht, mit welchen "kruden und technisch absurden Behauptungen" Angst vor 5G geschürt werde.

Vorsicht vor Angstmeldungen

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es gesundheitliche Bedenken gegenüber 5G gibt, die – grob formuliert – allerdings weniger auf belegten Zusammenhängen zu gesundheitlichen Schäden basieren denn auf Indizien und schlichtem Mangel an Forschungserkenntnissen zu bestimmten Aspekten. In vielen Bereichen trifft das aber auf praktisch jede Form hochfrequenter Funkübertragung zu und ist nicht auf Mobilfunk beschränkt. Ein Anstieg der Erkrankungen an Gehirntumoren konnte trotz der längst fast in alle Ecken des Landes ausgebauten Mobilfunknetze nicht beobachtet werden.

Definitiv Vorsicht walten lassen sollte man bei spektakulär klingenden Meldungen über Krankheits- und Todesfälle in diesem Zusammenhang. Diese stammen üblicherweise aus der "Aluhut"-Ecke und sind kein Beitrag zu einer sinnvollen Diskussion über Vorteile und Risiken des neuen Funkstandards. (gpi, 25.3.2019)