Seit Wochen fordern in Algerien Demonstranten den Rücktritt von Präsident Bouteflika. Der will nun doch nicht für eine fünfte Amtszeit kandidieren. Die für April geplante Wahl wurde vorerst ganz abgesagt.



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Boualem Sansal lebt nach wie vor in Algerien, wo er häufig das Missfallen der Mächtigen erregt.

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STANDARD: Welche Stimmung herrscht in Algier nach den wochenlangen Protesten gegen Präsident Bouteflika?

Sansal: Es ist eine Atmosphäre aus Freude und Genugtuung, aber auch aus Unruhe, Müdigkeit und Not. Denn niemand weiß, wann die verschobenen Präsidentenwahlen ohne Bouteflika stattfinden werden. Die Leute spüren, dass sie nahe am Ziel sind – und dass dies Gefahren birgt.

STANDARD: Welche Gefahren meinen Sie?

Sansal: Die eigentliche Gefahr ist die Konfrontation mit dem Regime, falls es beschließt, die Repression zu starten.

STANDARD: Könnte die Polizei auch bald mit scharfer Munition gegen Demonstranten vorgehen, wie das in Algier schon vorkam?

Sansal: Das kann sich das Regime derzeit nicht leisten – es würde schlicht weggefegt. Aber wenn die Machthaber sehen, dass die Demonstranten ermüden und die Bevölkerung über die Unordnung im Land zu klagen beginnt, kann sich die Lage rasch wenden. Dann könnte die Polizei sehr vereinzelt auf die Leute schießen und ein paar Leute verhaften, die sie für Anführer hält. Ferner dürften jene Chefbeamte des öffentlichen Dienstes, die ihre Untergebenen zu den Demonstrationen gehen ließen, entlassen werden.

STANDARD: Nehmen Sie persönlich an den Protesten teil?

Sansal: So oft wie möglich. Ich wohne in einer kleinen Universitätsstadt 50 Kilometer außerhalb von Algier. Auch hier wird viel demonstriert. Die Studenten sind ungeheuer aufgeheizt. Es ist berührend zu sehen, wie naiv und zugleich luzid sie sind. Ab und zu fahre ich auch nach Algier und Tizi Ouzou in der Kabylei, wo das Spektakel grandios ist. Es ist schön zu sehen, wie ein Volk in Freude demonstriert. Mir versagte vor Heiserkeit schon zweimal die Stimme, als wir im Chor "pouvoir assassin" (Herrscher, Mörder) und "Boutef dégage" (Bouteflika zieh Leine) skandierten!

STANDARD: Glauben Sie, dass der Druck der Straße nicht nur Bouteflika, sondern seinen ganzen Clan zum Verzicht zwingen könnte?

Sansal: Möglich ist es. Am vergangenen Freitag waren wieder Hunderttausende auf der Straße. Alle waren gekommen – Alte, Kranke, Frauen, Kinder, sogar Polizisten und Militärs. Die Leute haben verstanden, dass es wichtig ist, schnell zu siegen. Wenn sich die Dinge in die Länge ziehen, ist unsere Niederlage garantiert. Man darf jetzt nicht trödeln!

STANDARD: Angesichts früherer Erfahrungen mit den Behörden wirken die jungen Demonstranten ganz schön mutig.

Sansal: Die Algerier kennen ihre Polizei, sie wissen, wie korrupt, brutal, ja grausam sie ist. Die physische Gewalt in den Kommissariaten ist seit jeher eine Realität; für ein Ja oder ein Nein gibt es Ohrfeigen und Fußtritte. Die Demonstranten lassen auch deshalb nicht locker, weil sie Angst haben: Sie wissen, dass sie unbedingt gewinnen müssen, um die Rückkehr des Schlagstocks und einer neuen Eiszeit für die nächsten zehn Jahre zu verhindern.

STANDARD: Überraschend bleibt der freie und kritische Ton der algerischen Medien. "El Watan" wirft Bouteflika zum Beispiel offen vor, sein Verzicht sei eine bloße "List".

Sansal: Das Regime hat viel gelernt. Es unterdrückt das Volk seit 57 Jahren und weiß, dass die wirksamste Repression darin besteht, zu schlagen und zu streicheln, zu verhaften und freizulassen, zu beleidigen und zu schmeicheln. Es ist wie in den Gangsterfilmen – es gibt den guten und den bösen Flic. Von oben wird entschieden, welcher der beiden den Klienten gerade "bearbeiten" soll.

STANDARD: Umso erstaunlicher der freie Ton der Presse!

Sansal: Den Hofnarren reden zu lassen ist eine alte Taktik der Könige. Die Pressefreiheit, von der Sie sprechen, hat die Dinge in Algerien nie um ein Jota verändert. Sie freut nur die westlichen Beobachter. In Wahrheit werden die Medien von einem ranghohen Vertreter des Präsidialamtes kontrolliert. Er legt die Grenzen fest, die nicht zu überschreiten sind, und bestimmt, wie weit die Kritik gehen darf. Die Pressefreiheit wird auf tausend Arten eingeschränkt – etwa durch die Verteilung der Werbung auf die "guten" Titel, aber auch durch Prozesse und Strafen.

STANDARD: Und teilen Sie die Ansicht von "El Watan", dass Bouteflika nur seine Macht sichern wolle, indem er auf ein fünftes Mandat verzichte?

Sansal: Die List gehört zur Politik. Vom Volk zurückgewiesen, versucht Bouteflika, durch das Fenster zurückzukehren. Und wenn das nicht funktioniert, wird er einen anderen Weg finden. Schließlich ist er noch bis 18. April gewählt. Bis dahin wird er eine neue List oder ein Ablenkungsmanöver gefunden haben.

STANDARD: Ist der schwerkranke Bouteflika aber letztlich nicht nur eine Marionette in der Hand mächtiger Drahtzieher im Hintergrund?

Sansal: Nein, Bouteflika ist keine Marionette, er regiert wirklich und weiterhin. Er ist ein wichtiger Machtpol neben der Armee und den Geheimdiensten. Er spricht nicht mehr selbst, aber er spricht durch seine Brüder. Doch wenn Bouteflika wie der frühere Präsident Houari Boumédiène sterben oder wie die Nachfolger Chadli Bendjedid oder Liamine Zéroual zurücktreten sollte, wird die Armee machen, was sie immer gemacht hat: Die Generäle ziehen sich in ihr "Konklave" zurück und einigen sich auf den Namen des neuen Präsidenten. Dann wird eine schöne Zeremonie organisiert.

STANDARD: Also keine guten Aussichten für den algerischen Frühling?

Sansal: Die Erfolgschancen der Demonstranten liegen derzeit bei etwa fünfzig Prozent, würde ich sagen. Entweder das Volk verliert oder gewinnt – dazwischen gibt es nichts. Das Volk ist stark und enthusiastisch, aber uneins und unerfahren. Die Intellektuellen und die Oppositionsparteien sollten es besser beraten. Denn das Regime ist, auch wenn geschwächt, sehr erfahren und flexibel.

STANDARD: Wie äußert sich das?

Sansal: Das Regime tut alles, um an der Macht zu bleiben. Wenn nötig, wird es jede Menge von Präsidenten opfern und Geld springen lassen. Die Machtträger könnten sogar die demokratischste Demokratie organisieren, um sich zu halten, wie 1988, als sie vom Sozialismus zum Kapitalismus wechselten, von der Einheitspartei zum überbordenden Vielparteiensystem. Sie verbrannten, was sie vorher als heilig bezeichnet hatten – um sich zu halten.

STANDARD: Wer ist eigentlich das "Regime"?

Sansal: "Le pouvoir" (die Macht) besteht nicht nur aus einer Handvoll Generäle. Darüber hinaus sind viele Leute beteiligt. Bouteflika hat Brüder, er hat Helfer in der Armee, in allen Schichten der Bevölkerung und bis ins Ausland. Sie sind miteinander in einem riesigen politisch-militärischen Netz verbunden. Es überlebte sogar die französische Kolonialarmee, handelte es doch mit Paris 1962 die Unabhängigkeit aus. Und 1991 verhandelte es mit den Islamisten des FIS (Islamische Heilsfront).

STANDARD: Beteiligen sich die Islamisten an den Demonstrationen?

Sansal: Ja, aber nicht als Islamisten, sondern als Individuen und Bürger, die durch die Winkelzüge des Regimes aufgebracht sind. Zu gegebener Zeit werden sie allerdings massenhaft als Islamisten auftreten und wie alle die Macht beanspruchen. Sie sind äußerst gut organisiert, auch international. Das haben sie in ihren Genen; es ist das Prinzip ihrer Umma (Gemeinschaft): "Alle Brüder vereinigt auf dem Weg Allahs."

STANDARD: Droht dieser "Weg" in Algerien – falls sich die Islamisten durchsetzen sollten – nicht in eine umfassende Theokratie zu münden, wie Sie sie in Ihrem Bestseller "2084" beschrieben haben?

Sansal: Ja. Der Weg Allahs, auf Arabisch "Sabilillah", bedeutet an sich schon die Einrichtung einer totalitären Theokratie. Sie beruht auf der Scharia, dem koranischen Gesetz. Das entspricht in der Tat dem, was ich in meinem Roman 2084 beschrieben habe.

STANDARD: Wünschen sich die Algerier eine internationale Unterstützung wie in Venezuela?

Sansal: Die Algerier sind misstrauisch, sie sehen hinter jeder offiziellen Unterstützung ein heimtückisches Manöver. Sie schätzen die Unterstützung durch einfache Leute wie sie selbst. Hingegen haben sie die Erfahrung gemacht, dass die westlichen Länder häufig Diktatoren oder Islamisten unterstützen, nicht die Bevölkerungen. Die Weltordnung, deren Hüter der Westen ist, ruft eher nach Ordnung als nach Freiheit. (Stefan Brändle, 26.3.2019)