Jacinda Arderns Trauerbekundung nach dem Anschlag von Christchurch am Burj Khalifa.

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Jacinda Arderns bei einer Trauerfeier in Neuseeland.

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Das Bild ging um die Welt, vom Titelblatt kleiner Zeitungen bis zum weltgrößten Wolkenkratzer, dem Burj Khalifa, in Dubai: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern umarmt Hinterbliebene in Christchurch, zeigt Mitgefühl und Anteilnahme mit den Opfern des rechtsradikalen Terrors. Und auch dieses Bild wurde global bekannt: US-Präsident George W. Bush steht am 14. September 2001 auf den Trümmern des von islamistischen Terroristen zum Einsturz gebrachten World Trade Center. Er spricht, Megafon in der Hand, zu den Aufräumarbeitern: Jene, die das getan haben, sagt er, "werden sehr bald von uns hören".

Beide, Ardern und Bush, sollten für ihre Reaktion auf Terror in ihrem Land viel mediales Lob erhalten – obwohl sie ziemlich gegensätzliche Ansätze wählten. Ardern betonte Solidarität und Empathie mit den Opfern, Bush setzte auf Rachegelüste und Kriegsrhetorik gegen Täter und deren vermeintliche Freunde.

Anschläge im eigenen Land – sie sind nicht nur wegen des emotionalen und menschlichen Zolls der schlimmste Albtraum vieler Politiker. Die Reaktion kann, nüchtern gesprochen, Karrieren zerstören, oder sie kann ein politisches Vermächtnis schaffen. Es gilt, den eigenen Ansprüchen zu genügen, es gilt, die Stimmung im Land, Betroffenheit und Wut, in politische Bahnen zu lenken. Und es gilt auch, dabei nicht allen politischen Kredit zu verspielen.

Islamistischer Anschlag in Madrid

José María Aznar ist ein Beispiel dafür, wie es nicht geht: Spaniens Premier ließ 2004 nach den Anschlägen auf Regionalzüge in Madrid mit 193 Toten die Mär verbreiten, es handle sich um die Tat baskischer Separatisten. Nur drei Tage vor der Parlamentswahl wollte er nicht eingestehen, dass Islamisten dafür verantwortlich waren, die wohl auch aus Rache für die spanische Beteiligung am Irakkrieg gehandelt hatten. Aznar verlor entgegen allen Umfragen die Wahl.

Die Frage, zu welchem Zeitpunkt und ab welchem Wissensstand man die Bevölkerung über Hintergründe der Tat informieren kann und soll – sie zählt zu den schwierigsten, auch deshalb, weil sie sich im Ernstfall sofort stellt. Ardern sprach schon kurz nach der Tat darüber, dass es sich um einen Terrorangriff handle. Das verhinderte Spekulationen, wie sie 2011 nach dem Anschlag auf ein Jugendcamp in Utøya ins Kraut geschossen waren, als lange Zeit wenig über die Tat des Massenmörders und Rechtsterroristen Anders Breivik bekannt war und viele Medien die Tat bereits fälschlich im Umfeld des islamistischen Terrors verortetet hatten, bis endlich die Wahrheit bekannt wurde.

"Viele Gerüchte"

Die schnelle Reaktion kann aber auch zur Falle werden: So sprach der niederländische Premier Mark Rutte vergangene Woche schon einen Tag vor der Polizei von einem Terroranschlag in Utrecht. Als es zwischenzeitlich aussah, als habe es sich um eine Tat im privaten Umfeld gehandelt, ruderte der wahlkämpfende Regierungschef vorläufig zurück: Es gebe "viel Unklarheit und viele Gerüchte". Rutte, der letztlich recht behielt, wollte damit eine Situation wie jene Aznars verhindern. Vertuschung sollte ihm keiner vorwerfen können- auch um den Preis, womöglich falschzuliegen.

Er hatte aus früheren Fällen gelernt: etwa aus jenem vom Winter 2016, als die deutsche Regierung erst von einem islamistischen Anschlag sprach, nachdem Medien bereits von einem Attentat und die rechte AfD den Angreifer auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz als "muslimischen Terroristen" bezeichnet hatte. Der Berliner Notfallplan, der auf Nüchternheit und Fakten setzte, ging schief.

Er steht im Gegensatz zu Arderns empathischer Reaktion. Sie fokussierte statt auf den Täter auf die Opfer: Sie trauerte mit Hinterbliebenen, würdigte Überlebende. Sie sprach davon, dass viele Betroffene Migranten oder Flüchtlinge seien, die Neuseeland zu ihrem Zuhause hätten machen wollen. "Und es ist ihr Zuhause." Für den Täter und seine Gewalt gelte das nicht. Nicht einmal seinen Namen wollte Ardern nennen, um den Ideen des Attentäters nur ja nicht "weiter Sauerstoff zuzuführen".

Zur Legende werden

Auch diese Strategie ist umstritten. Unter Verweis auf das öffentliche Interesse, auf den automatischen "Aufstieg" des Täters zur Person der Zeitgeschichte wurden bisher meistens die Namen der Terroristen genannt. Dass gerade bei einem weißen Rechtsradikalen darauf verzichtet wird, hinterlässt für manche den unangenehmen Beigeschmack, dass mit zweierlei Maß gemessen werde. Doch auch das Gegenargument wiegt schwer: Täter töten für die Aufmerksamkeit. "Er wollte zur Legende werden", sagte Ardern. "Wir werden ihm nichts geben. Nicht einmal seinen Namen."

Ebenso Lob wie Kritik erntete Ardern auch dafür, dass sie bei den Trauerfeiern ein Kopftuch trug. Sie versuche sich mit einem Symbol zu profilieren, dessen Bedeutung nicht ihr, sondern nur den Betroffenen wirklich bewusst sein könne. Sie handle zudem fehlgeleitet, wenn sie sich als Ausdruck der Solidarität ein Symbol zu eigen mache, während Frauen im Nahen Osten gegen den Kopftuchzwang ankämpfen. Vertreter der muslimischen Gemeinde in Christchurch begrüßten hingegen die "kleine Geste, die für uns sehr viel bedeutet". Ardern versuchte, sich über das Kopftuch mit den Opfern zu solidarisieren, die wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit zum Ziel des Terroristen wurden. Sie wählte ein Symbol, für das Musliminnen oft angegriffen werden, und vermittelte: Wir machen uns gemeinsam angreifbar.

Wie die Neuseeländerinnen und Neuseeländer die Reaktion der Premierministerin beurteilen – die mit strengeren Waffengesetzen auch gleich Fakten schuf – ist noch nicht ganz klar. Auf Umfragen haben die Medien seit dem Anschlag verzichtet, wohl aus Pietät. Derweil gilt Arderns Reaktion international als Beispiel für "guten" Umgang mit Terror – ähnlich wie beim damaligen norwegischen Premier Jens Stoltenberg nach Utøya.

Andere Voraussetzungen

Dass Ardern und Stoltenberg so reagierten, wie sie reagierten, mag freilich noch einen anderen Grund haben: Ihre Länder wurden Ziel einer rechtsradikalen, rassistischen Form des Terrors. Anders als Bush, anders auch als Frankreichs Präsident François Hollande nach den Anschlägen im November 2015 konnten sie die Täter gar nicht als fremd verorten, keine militärischen Aktionen im Ausland als Reaktion ankündigen. Andererseits standen sie auch nicht im Verdacht, Angriffe "Fremder" vertuschen zu wollen.

Und: Eine wohlwollende Beurteilung muss nicht anhalten. Die Unterstützung für Jens Stoltenberg sackte zusammen, als ein Jahr nach Utøya ein Untersuchungsbericht herauskam, der grobe Mängel der Regierung bei der Terrorbekämpfung feststellte. Womöglich kostete ihn das 2013 sogar die Wiederwahl. Umgekehrt prägt auch Bushs martialische Reaktion, die Kriege in Afghanistan und im Irak zur Folge hatte, das Image der Republikaner noch heute zu deren Ungunsten. (Manuel Escher, Noura Maan, 31.3.2019)