Ivan Rogers (59) war bis zu seinem Rücktritt Anfang 2017 britischer EU-Botschafter. Rogers ist Autor des Buches "Nine lessons of Brexit".

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STANDARD: Herr Rogers, tritt Großbritannien wirklich aus der EU aus?

Rogers: Ich glaube ja. Es war immer klar, dass der Brexit ein längerer Prozess sein würde, kein singuläres Ereignis. Mich überrascht allerdings das Ausmaß des politischen Chaos. Ich halte "No Deal" ...

STANDARD: ... also den chaotischen Austritt ohne Vertragslösung, zu dem es am 12. April kommen könnte ...

Rogers: ... für sehr viel wahrscheinlicher, als die meisten Beobachter es wahrhaben wollen. Das Risiko ist sehr hoch.

STANDARD: Premierministerin Theresa May ist mit ihrem Austrittspaket dreimal im Unterhaus gescheitert. Jetzt wollen die Parlamentarier eine Lösung finden. Eine Möglichkeit wäre die Annahme des Vertrags mit der Bedingung, ihn anschließend dem Volk vorzulegen.

Rogers: Ich bin kein Fan des zweiten Referendums. Schon jetzt ist das Land stärker zerstritten als im Juni 2016. Übrigens bin ich auch skeptisch, ob das Unterhaus wirklich eine Mehrheit für eine bestimmte Lösung findet. Und sollte das klappen, müsste die Regierung nicht unbedingt danach handeln. Das ist aber die Voraussetzung für neue Gespräche mit Brüssel. Denn die anderen EU-Mitgliedsstaaten werden zu Recht sagen: Wir verhandeln nicht mit einer Parlamentsjunta, sondern nur mit der Premierministerin.

STANDARD: Theresa May hat ihren Rücktritt angekündigt, der Favorit auf ihre Nachfolge heißt Boris Johnson. Würde das Dilemma dadurch besser?

Rogers: Manchmal denke ich, Johnson wäre vielleicht 2016 der bessere Premierminister gewesen. Dieser charismatische Visionär als Führungsfigur, untermauert von ernsthaft veranlagten Ministern und Staatssekretären, das hätte gutgehen können. Gewiss ein Albtraum für seine engsten Mitarbeiter, weil es ihm schwerfällt, seine Zunge im Zaum zu halten. Er hat viele Leute durch seine übertriebene Rhetorik gegen sich aufgebracht.

STANDARD: Muss sich Europa dennoch auf Johnson vorbereiten?

Rogers: Wer weiß. Die Auseinandersetzungen um die Führung der Konservativen Partei sind schon immer höchst schwer vorherzusagen gewesen. Ich halte es für viel wichtiger, jetzt alles dafür zu tun, dass wir nicht aus Versehen in einen ungeregelten Austritt schlittern. In der EU-Kommission scheint man das ja gelassen zu sehen. Es herrscht die Meinung: Wenn erstmal wirtschaftliches Chaos ausbricht, kommen die Briten angekrochen und wollen den Vertrag abschließen. Ich wäre mir da nicht so sicher.

STANDARD: Sie befürchten eine dauerhafte Vergiftung der Beziehungen?

Rogers: In allen wichtigen Hauptstädten besteht Übereinkunft darüber: Die europäische Architektur wird ohne Großbritanniens Stimme nicht stabil sein.

STANDARD: Was können die anderen EU-Regierungschefs anbieten, abgesehen von enger Zusammenarbeit in der Nato?

Rogers: Das ist schwierig und erfordert Vorstellungskraft auf beiden Seiten. Die entscheidenden Fragen lauten doch: Wo wollen wir eigentlich stehen in zehn, zwanzig Jahren? Und was müssen wir tun, damit wir gemeinsam dort hinkommen? Der Dialog muss über Wirtschaftsthemen hinausgehen und die geostrategische Komponente einbeziehen. Dazu bedürfte es intensiver Vorbereitung durch Fachleute auf beiden Seiten. Allerdings sehe ich die politische Führung nicht, die das Zeug dazu hätte. Premierministerin May hat es sicher nicht, aber auch aufseiten der Europäer fällt mir kaum jemand ein. Angela Merkel ist natürlich brillant, aber nicht gerade berühmt für ihre strategischen Visionen.

STANDARD: Emmanuel Macron hat mehrfach ambitionierte Vorschläge zur Fortentwicklung Europas gemacht. Zudem steht er der angelsächsischen Tradition positiv gegenüber, nicht zuletzt in seiner Wirtschaftspolitik.

Rogers: Ein anderer Typ von Premierministerin hätte vielleicht im Gespräch mit Macron auf persönlicher Ebene etwas bewirken können. Das kann Theresa May nicht. Aus britischer Sicht besteht allerdings das Problem, dass Frankreich reflexartig Großbritannien gern das Leben so schwer wie möglich macht. Diese Angewohnheit aus mehreren Jahrhunderten ist tief verankert. (Sebastian Borger, 31.3.2019)