Die einen tanzen, um sich zu erinnern, heißt es im Song "Hotel California" von den Eagles. Und die anderen, glaubt man der US-Band, tanzen, um zu vergessen. Auf Nick Boles, der am Montag nach der Brexit-Abstimmung im britischen Unterhaus unter Tränen aus der Konservativen Partei austrat, dürfte dieser Tage Zweiteres zutreffen.

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So richtig abschalten, erzählten Freunde des Politikers unlängst der BBC, könne der 53-Jährige nämlich nur in den Nachtclubs von Ibiza, wo er seinen 1,98 Meter langen Körper zu House-Musik verrenkt. Gut möglich, dass Boles seinen Flug auf die spanische Ferieninsel schon gebucht hatte, als er seinen Vorschlag für einen weichen, geordneten Brexit an Unterhaus-Sprecher John Bercow überbrachte.

Großbritannien solle im Binnenmarkt bleiben und gemeinsam mit der EU eine Zollunion bilden, forderte Boles, der 2016 für "Remain" stimmte. Dass das Unterhaus überhaupt selbst Alternativen zu Mays Deal sucht, ist ebenfalls dem Mann zu verdanken, der gemeinsam mit Parteifreund Oliver Letwin und dem Labour-Urgestein Hilary Benn eine der wenigen Zustimmungen in der jüngsten Geschichte des britischen Parlaments zustande brachte. Sein emotionaler Abgang könnte eine ohnehin schon gespaltene Partei nun weiter aufreiben.

Kein Platz mehr in der Heimat

An Gegenwind ist der in Oxford ausgebildete Bauernsohn aus dem ländlichen Devon eigentlich gewöhnt. Vor zwei Wochen erst hatten ihm die Konservativen in seinem Wahlkreis die Rute ins Fenster gestellt. Mehr als 60 Prozent der dortigen Wähler haben beim Referendum für "Leave" gestimmt. Für Boles, der einen No-Deal-Brexit unter allen Umständen verhindern will, sei dort kein Platz mehr, teilte man ihm mit.

Ein erstes Indiz für die Entfremdung, die in Boles' Auftritt vor laufenden Kameras spätabends am Montag gipfelte: "Ich habe versagt, weil sich meine Partei weigert, Kompromisse einzugehen", verkündete er mit brüchiger Stimme und entschwand unter Applaus der Opposition in die Londoner Nacht.

Nick Boles wird künftig als Unabhängiger im Unterhaus sitzen.
Foto: Jeff Overs/BBC/Handout via REUTERS

Wahr ist aber auch, dass Boles, der in jungen Jahren mit einem Freund ein Handelsunternehmen für Handwerksbedarf gründete und später einen konservativen Thinktank aus der Taufe hob, bei der Auswahl seiner politischen Weggefährten wenig Geschick an den Tag legte.

Erst stand er David Cameron nahe, der ihn zum Minister für das Ausbildungswesen machte und danach das EU-Referendum vom Zaun brach. Zusammen mit Finanzminister George Osborne bildeten die drei das "Notting Hill Set", junge Konservative, die danach trachteten, den Tories Modernität einzuhauchen. Danach setzte er auf seinen früheren Mitbewohner aus Studienzeiten, Michael Gove, der im Streit um Camerons Nachfolge Theresa May unterlag.

Den Krebs besiegt

Dass es ihm ernst ist mit Europa, bewies Boles, der als jüngstes von sechs Geschwistern im Alter von drei Jahren seine Mutter verlor, 2016. Noch in Krankenhauskluft und mit Atemschutzmaske trat er im Unterhaus auf, gezeichnet von einer Chemotherapie, um für Mays Plan zum EU-Ausstieg zu stimmen. Schon zehn Jahre davor hatte der passionierte Segler Lymphdrüsenkrebs besiegt.

2012 geriet Boles in die Negativschlagzeilen, weil er der öffentlichen Hand 697 Pfund für einen Hebräischkurs verrechnete, damit er mit seinem Ehemann in dessen Muttersprache parlieren kann. Die Trauung zelebrierte das Paar 2011 auf Ibiza. Im britischen Unterhaus, so viel steht fest, hat House-Fan Boles das Verrenken jedenfalls satt. (Florian Niederndorfer, 2.4.2019)