Mehr als sechs Millionen Tonnen Thunfisch werden jährlich aus den Weltmeeren geholt. Portioniert in 34 Millionen Dosen kommen sie in Österreich auf den Tisch.

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Er peppt Pizza und Pasta auf, wird als Salat und Aufstrich gereicht. Sein hoher Eiweißgehalt verspricht gesunde Ernährung. Zudem fischelt er kaum, wodurch vor allem jene, die Fisch sonst nur sehr wenig abgewinnen können, Geschmack an ihm finden. Thunfisch boomt, auch wenn es um den Ruf der Meeresfische alles andere als gut bestellt ist.

Auf den Tisch kommt er hierzulande überwiegend in Dosen. Die wachsende Abneigung vor allem junger Konsumenten gegen Konserven hat dem keinerlei Abbruch getan. Im Gegenteil: Der Umsatz in Supermärkten hat sich im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt.

Gut 115 Millionen Euro betrug der Umsatz für Fischkonserven in Österreichs Lebensmittelhandel im Vorjahr, erhob der Marktforscher Nielsen. 72 Millionen Euro entfielen rein auf Thunfischdosen. Zum Vergleich: Nudeln lassen sich die Österreicher mit 98 Millionen wenig mehr kosten. Für Reis werden nur 46 Millionen ausgegeben. Was große Lieferanten wie Vier Diamanten und Rio Mare ebenso freut wie günstige Handelsmarken, denen Lebensmittelketten reichlich Platz in ihren Regalen freiräumen, alarmiert Umweltorganisationen.

Intransparent

Die hohe Zahl an Gütesiegeln, mit denen sich Produzenten zieren, entschärft ihre Kritik nur bedingt. Zu intransparent seien die Arbeitsbedingungen der internationalen Fischerei, zu niedrig die Sozialstandards in den Fabriken.

Die Hälfte der weltweiten Fischbestände ist völlig überfischt, der Rest bereits bis an die Grenzen des Möglichen ausgebeutet, sagt Martin Wildenberg, Experte von Global 2000. Er hält Siegeln wie MSC zugute, die Branche auf nachhaltigere Wege gelenkt zu haben. Viele Probleme blieben jedoch ungelöst. Wildenberg erzählt von teils sklavenartiger Arbeit in thailändischen Produktionen und unzureichenden Kontrollen auf den Fangflotten – obwohl dies über Satelliten technisch möglich wäre. Noch immer lande viel Beifang in den Netzen der Thunfischjäger. Für einen Ausbau von Aquakulturen wiederum fehlten gute Standards.

Wobei sich der Thunfisch als Raubfisch für ein Leben in Gefangenschaft nicht eignet. Im offenen Meer legt er jährlich tausende Kilometer zurück, mitunter mit einem Tempo von 80 Kilometern die Stunde. Zuchtversuche in Japan stecken in den Kinderschuhen.

Karnickel der Weltmeere

Der Fisch in Österreichs Dosen ist ein Skipjack. Es ist die kleinste Thunfischart und streng biologisch gesehen gar keiner, sondern ein naher Verwandter. Er stellt gut die Hälfte der sogenannten Thunfischbestände und gilt ob seiner hohen Fertilität als das Karnickel der Weltmeere. Rio Mare wie Vier Diamanten beschränken sich eigenen Angaben zufolge ausschließlich auf den Fang des Skipjacks im Pazifik und Indischen Ozean. Dieser stehe, anders als der blaue und der rote Thunfisch, nicht auf der Liste der gefährdeten Tiere.

Der Grund für die über die Jahre gestiegenen Preise für Dosenthunfisch liege in der verantwortungsvolleren Fischerei, sagt Normen de Zeeuw, Marketingmanager von Vier Diamanten in Österreich. "Das hat seinen Preis."

Vier Diamanten und Rio Mare verarbeiten Thunfisch, der mit der Angel gefangen wird – wobei dies der Romantik entbehrt. Dutzende Angler auf langen Booten holen in Akkordtempo die zuvor angelockten Schwärme an Bord. Köder sind nicht nötig, denn geschnappt wird nach allem, das sich bewegt.

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Vier Diamanten hat auch Ringwaden im Einsatz: Netze, die ringförmig um Fischschwärme ausgelegt werden, die zuvor über Echolot aufgespürt wurden. Wie bei der britischen Marke ist auch bei Rio Mare etwa die Hälfte des Fischsortiments mit dem MSC-Label, das Nachhaltigkeit verspricht, zertifiziert. Auch wenn dieses nicht in allen Bereichen optimal sei – "es ist derzeit die beste vorhandene Option", ist de Zeeuw überzeugt.

Wildenberg hält Fischratgeber, wie jenen von Greenpeace, für vernünftiger, "auch wenn es mühsam ist". Im Übrigen hätten Siegel wie MSC den Meeresfischkonsum zusätzlich angekurbelt, obwohl gerade Europäer auf Fisch als Proteinquelle nicht angewiesen seien.

600.000 Tonnen an Thunfisch wurden 1950 aus den Weltmeeren geholt. Mittlerweile sind es mehr als sechs Millionen Tonnen jährlich, zeigen Statistiken der Welternährungsorganisation FAO.

Rio Mare füllt seinen Fisch nahe Mailand in Dosen ab. Für Vier Diamanten tun dies Partner in Thailand und Indonesien. Beide liefern sich in Österreich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Im Vorjahr hatte Vier Diamanten mit zehn Millionen verkauften Dosen knapp die Nase vorn. 34 Millionen Dosen öffnen die Österreicher in Summe. (Verena Kainrath, 3.4.2019)