Sogenannte "Umerziehungstherapien" können bei Betroffenen zu schweren Depressionen und Suizid führen.

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Madrid – Noch während der ersten Sitzung verbot ihm die Pseudotherapeutin, von den Inhalten der Stunden zu sprechen. Denn das, was sie plane zu tun, um ihm zu helfen, sei illegal. Sie wolle ihn aus seiner sexuellen Verwirrung befreien, ihm zeigen, dass Homosexualität heilbar ist. Doch bei dem Klienten handelte es sich nicht um einen sexuell verwirrten Mann, sondern um einen spanischen Journalisten, der verdeckt in Sachen "Umerziehungstherapie" recherchierte.

In seinem Artikel für "El Diario" beschreibt er, wie die erste Sitzung der von der katholischen Kirche nahe Madrid angebotenen Therapie ablief. Solche Praktiken sind unter Madrids regionaler Gesetzgebung illegal. Gegen die katholische Diözese Alcalá de Henares wird deshalb nun ermittelt. In einer Aussendung bestritt die Kirche, solche "Heilungen" anzubieten. Vielmehr stelle man "pastorale und spirituelle Begleitung" zur Verfügung – für jene, die sie freiwillig suchen würden.

Höchststrafe bei 45.000 Euro

Ob sich die Klienten freiwillig solchen "Therapien" unterziehen, macht für die Gesetzgeber in Madrid aber keinen Unterschied. Die Anti-Homophobie-Gesetzgebung verbietet jede Anwendung von Verfahren, die die sexuelle oder Geschlechtsidentität verändern. Die Höchststrafe liegt bei bis zu 45.000 Euro. Laut Expertenmeinung gibt es keine wissenschaftliche Basis dafür, dass die "Heilung" von Homosexuellen wirksam ist. Außerdem treiben solche "Therapien" Betroffene oft in Depressionen oder im Extremfall sogar in den Suizid.

Der verdeckt recherchierende Journalist erhielt im Vorfeld der ersten Sitzung weiterführende Literatur, die ihm den Weg zur Heterosexualität ebnen sollte. Darin war unter anderem von der "schwulen Lüge" die Rede. Jugendlichen und jungen Erwachsenen würde fälschlicherweise suggeriert, dass es nur der gesellschaftlichen Akzeptanz bedürfe, damit sie ein erfülltes Leben führen könnten. Dabei würde es sie nur zu einem Leben voller Leid, Erniedrigung und Tod führen, wenn sie sich weiterhin zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen würden, steht in den Unterlagen, die der Journalist bekam.

Außerdem behaupten die Autoren der versendeten Texte, dass die Wurzeln der Homosexualität unter anderem in einer schlechten Beziehung zu den Eltern bzw. sexuellem Missbrauch liegen. Behauptungen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind.

Wenig masturbieren

In der ersten Sitzung wurde dem Journalisten nahegelegt, keine Pornos mehr zu konsumieren und weniger zu masturbieren. So würden die positiven Erfahrungen aufgrund der pornografischen Bilder gelöscht werden.

Die "Umerziehungstherapien" sind bereits in mehreren Regionen der Welt illegal. So hat der US-Bundesstaat New York Anfang des Jahres solche Vorgehensweisen verboten, und Großbritanniens Premierministerin Theresa May kündigte im vergangenen Jahr ein Verbot an. (bbl, 3.4.2019)