Labour-Chef Jeremy Corbyn, jahrelang von der konservativen Regierung links liegengelassen, soll jetzt für Theresa May Mehrheitsbeschaffer werden.

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London – Seit Jeremy Corbyn Labour-Chef und britischer Oppositionsführer ist, haben die Konservativen keine Gelegenheit ausgelassen, den 69-Jährigen zur "schlimmen Bedrohung" aufzupumpen. Auch am Mittwoch wurde Premierministerin Theresa May im Unterhaus daran erinnert: Diesem Mann wolle sie die Brexit-Politik anvertrauen? Ganz so sei es ja nicht, antwortet die Regierungschefin: Eine Labour-Regierung wäre auf jeden Fall schlecht. Aber: "Jeder einzelne Abgeordnete in diesem Haus trägt eine Verantwortung für unseren Austritt." Der Angesprochene hört mit gesenktem Kopf zu, Corbyn will seine Emotionen nicht preisgeben, denn Mays Einladung zum Brexit-Gespräch hat den vielfach Geschmähten immerhin zum Staatsmann aufgewertet.

Dass der Termin aber gleichzeitig eine Falle darstellt, muss dem altgedienten Parlamentarier niemand extra mitteilen: Spät, beinahe zu spät, will die an den Hardlinern in ihrer eigenen Partei gescheiterte Premierministerin die Opposition ins Boot holen. Corbyns Brexit-Strategie steht also auf dem Prüfstand – wobei sein Vorgehen seit der Volksabstimmung im Juni 2016 mit einer Strategie selten zu tun hatte: Wegschieben, Lavieren, Ausweichen. Der Parteichef klang lange Zeit uninteressiert bis genervt, wenn im Parlament die Rede vom Brexit war.

Das liegt an dem Spagat, den Corbyn vollführen muss. Seine unerwartete Wahl zum Labour-Chef 2015 und sein Achtungserfolg bei der vorgezogenen Neuwahl 2017 geschahen auf einer Welle der Begeisterung vieler Junger. Die alte Arbeiterpartei verdreifachte ihre Mitgliederzahl und ist heute die größte politische Gruppierung Westeuropas. Was die ganz überwiegend EU-freundlichen Jungen häufig übersahen: Ihr neuer Held war nie ein Freund des politischen Europa. Er hat Politik in den 1960er- und 1970er-Jahren gelernt, seine Lehrmeister gehörten zum europafeindlichen Labour-Flügel, Brüssel gilt dort bis heute als "Europa der Bosse".

Desinteresse, Detailkenntnisse

Folgerichtig stimmte Corbyn 1975 für das Ende der erst zwei Jahre zuvor begonnenen Mitgliedschaft in der damaligen EWG; im Unterhaus stellte er sich gegen jeden Integrationsschritt hin zur heutigen EU. Dann, im Referendumskampf 2016, ließ er sich widerwillig auf den EU-Verbleib festlegen. Kein Zweifel, dass Labours uninspirierte Kampagne zur Austrittsentscheidung wesentlich beitrug. Lange beklagte man sich über Corbyns zur Schau getragenes Desinteresse an den Verhandlungen.

Umso überraschter war man im Team von EU-Chefunterhändler Michel Barnier, als Corbyn plötzlich Detailkenntnisse des 585 Seiten langen Austrittsvertrags sowie der politischen Zukunftserklärung erkennen ließ.

Doch inhaltlich geändert hat sich wenig. Zu Recht sprach May im Unterhaus davon, sie sei sich ja mit dem "sehr ehrenwerten Gentleman" in vieler Hinsicht einig: Man strebe einen geordneten Brexit an. Auf Labours Forderung nach einer dauerhaften Zollunion mit Mitspracherecht könnte sich May einlassen; immerhin kratzte diese Form des weichen Brexits zu Wochenbeginn nur knapp an einer Mehrheit im Unterhaus vorbei.

Was aber Corbyns EU-freundliche Basis sagt, wenn der Vorsitzende das von ihm ohnehin nicht gewollte zweite Referendum nicht durchsetzt, wie es ein Parteitagsbeschluss vom vergangenen Herbst verlangt? (Sebastian Borger aus London, 3.4.2019)