Die Post testet bereits fahrerlose Logistik. Die Jobs der Zukunft haben ein Anforderungsprofil, auf das unser Standort nicht ausreichend vorbereitet ist, fürchten Unternehmensberater.

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Wien – Lob und Tadel für die Regierungsarbeit gab es bei der jährlichen Standortbewertung von Deloitte. Positiv hoben die Unternehmensberater die flexibleren Arbeitszeiten und den Abbau der Bürokratie für Unternehmen hervor. Minuspunkte gibt es für die im internationalen Vergleich hohe Abgabenquote, aber auch das migrationsfeindliche Klima.

Insgesamt habe Österreich als Wirtschaftsstandort noch Luft nach oben. Bei der Auswertung mehrerer Rankings zu Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Lebensqualität landet Österreich seit Jahren weltweit um Platz 20 herum. Im europäischen Vergleich verfehlte das Land im Vorjahr knapp die Top Ten.

Auffallend ist, dass im Spitzenfeld mit der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Schweden und Finnland sowohl Länder mit einer eher liberaleren Wirtschaftspolitik als auch stark ausgebaute Wohlfahrtsstaaten sind. Noch dazu haben die besten fünf sehr ähnliche Voraussetzung wie Österreich, was Größe und Wohlstand betrifft. Wie kann man aufschließen?

Deloitte-Österreich-Chef Bernhard Gröhs betont, dass die Zeit knapp wird, denn das Spitzenfeld rückt immer enger zusammen. Waren früher noch 85 von 100 Punkten genug, um zu den besten Standorten zu zählen, müssen heute über 94 Punkte erreicht werden. Doch während 2017 noch als "verlorenes Jahr" galt, habe das Vorjahr eine positive Tendenz gezeigt.

Die Arbeitszeitflexibilisierung sei ein Meilenstein gewesen, sagte Gröhs. Auch beim Abbau von Bürokratie sahen Unternehmer Verbesserungen. Die Reform der Sozialversicherungen sei auch in die richtige Richtung gegangen. Doch die wirklich komplexen Aufgaben stünden noch bevor. Die größten Baustellen sieht Deloitte bei Arbeitskräften und Kosten.

Echter Fachkräftemangel kommt erst

Qualifizierte Mitarbeiter zu finden ist für heimische Unternehmen künftig die größte Herausforderung. Während viele gut qualifizierte Babyboomer auf die Pension zusteuern, wachsen die Anforderungen am Arbeitsmarkt durch künstliche Intelligenz und Automatisierung: "Jobs für schlecht Qualifizierte wird es in Zukunft nicht mehr geben", sagt Deloitte-Partnerin Gundi Wentner. Um das Problem in den Griff zu bekommen, schlagen die Unternehmensberater drei Ansätze vor:

  • Österreich hinke bei der Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen hinterher. Die hohe Teilzeitquote unter Frauen schadet nicht nur einzelnen Karrieren und verstärkt Einkommensunterschiede, auch die gesamtwirtschaftliche Produktivität leidet darunter. Laut OECD würde eine Senkung der Teilzeitquote unter Frauen zugunsten von Vollzeitjobs das jährlich Wachstum um 0,25 bis 0,4 Prozentpunkte anheben. Lösungsansätze wären mehr Angebot an Kinderbetreuungsplätzen, Ganztagsschulen und bessere Anreize, um sich Karenz und Elternteilzeit gleichmäßiger aufzuteilen.

  • Unser Bildungssystem ist auch noch zu sehr an die Zeit Maria Theresias angelehnt. Starre Unterrichtseinheiten, Sitzenbleiben und Ziffernnoten sind in innovativeren Bildungssystemen Schnee von gestern. Die gute Nachricht: Österreich gibt bereits viel für Bildung aus, man könnte mit bestehenden Ressourcen viel erreichen.

  • Beim Thema Migration sieht Wenter eine klare Verschlechterung für den Standort unter Türkis-Blau: "Wenn es Raum für Rassismus gibt in einer breiten Öffentlichkeit, dann signalisiert das was", kritisiert die Unternehmensberaterin. Gemeint sind etwa Maßnahmen der Regierung wie die Umbenennung der Aufnahmezentren in Ausreisezentren. "Ein schwarzer IT-Techniker, den wir dringend haben wollen und der auf der Straße angepöbelt wird, wird nicht in Österreich leben wollen", sagte Wentner. Auch die Kürzung der Familienbeihilfe für Pflegerinnen, die man dringend brauche, wirke abschreckend. Österreich braucht daher eine Willkommenskultur für ausländische Arbeitskräfte.

Kostenlose KÖSt-Senkung

Bei allen Forderungen stellt sich die Frage, wie man sie bezahlen soll. Österreich habe im globalen Vergleich ohnehin bereits eine sehr hohe Abgabenquote von über 40 Prozent, betont Deloitte-Partnerin Barbara Edelmann.

Die Unternehmensberater schlagen daher vor, die Körperschaftssteuer von 25 auf 19 Prozent zu senken. "Der Einser vorne hat eine wichtige Signalwirkung", sagt Gröhs. Die Erfahrung habe gezeigt, dass ein solcher Schritt den Staat netto nichts kostet, weil sich neue Unternehmen im Land ansiedeln würden.

Weitere Entlastung und positive Anreize könnten Patentboxen bringen. Dabei würden Unternehmen für Einkommen aus geistigem Eigentum weniger Steuern zahlen. Die Stärke der heimischen Forschungslandschaft ließe sich auch auf den Ausbildungsbereich übertragen, indem man analog zur bewährten Forschungsprämie eine Ausbildungsprämie einführt. Damit könnten Unternehmen ihre Mitarbeiter laufend weiterqualifizieren.

Das jüngst beschlossene Digitalsteuerpaket sehen die Unternehmensberater nicht so kritisch. Dabei seien nur bestehende Lücken geschlossen worden, lautet das Argument. Für Österreich sowie die ganze EU gilt aber: Wenn Digitalisierung und Innovation ermöglicht werden, muss man sich über neue Digitalsteuern auch keine Gedanken machen. (Leopold Stefan, 4.4.2019)