Wahrscheinlich gibt es nirgendwo auf der Welt primitivere Menschen. Sie durchstreifen den Wald mit Steinäxten und leben in einer Welt voller Aberglauben und Angst. Sie töten Frauen, wenn ihre Männer sterben, und bezahlen Bräute mit abgeschnittenen menschlichen Köpfen. Sie essen Menschenfleisch. Die Rede ist von den Indigenen Westpapuas. Jenen Menschen, die den westlichen Teil der Insel bewohnen, dessen östlicher Part als Papua-Neuguinea bekannt ist.

Als der Artikel der "New York Times" mit diesem Inhalt Anfang 1955 gedruckt wird, bereitet die ehemalige Kolonialmacht Niederlande den Westteil der Insel auf die Unabhängigkeit vor. Die Niederländer erkannten, dass die Bevölkerung Westpapuas zu wenig mit Indonesien gemein hat, um dem seit 1949 unabhängigen Staat anzugehören. Die Regierung Indonesiens sah das anders.

Der östliche Teil der Insel ist unabhängig. Der westliche Teil wird von Indonesien besetzt.
Grafik: Standard

Unterstützung der USA

Nur Monate nachdem Westpapua im Jahr 1961 seine Unabhängigkeit verkündet und die offizielle Flagge, den Morgenstern, gehisst hatte, marschierten indonesische Soldaten ein. Selbst die USA unterstützten die Besatzung, weil die Regierung in Washington Angst hatte, dass sich Indonesien Unterstützung von der Sowjetunion holen könnte. Die Bewohner Westpapuas wurden nicht gefragt. Laut dem von Indonesien eingesetzten Gouverneur wurden bis 1969 rund 30.000 Inselbewohner von Soldaten getötet.

Der Widerstand der Bevölkerung gegen die Besatzer ließ sich nicht gewaltsam unterdrücken. 1969 stimmte Indonesien widerwillig einer Abstimmung über die Unabhängigkeit Westpapuas zu – so wie es die Vereinten Nationen gefordert hatten. Einem Bericht der US-Botschaft aus demselben Jahr ist zu entnehmen, dass "UN-Mitarbeiter vor Ort davon ausgehen, dass 95 Prozent der Bevölkerung die Unabhängigkeit unterstützen würden". Doch der sogenannte "Akt des freien Willens", wie die Behörden die Abstimmung nannten, entwickelte sich zum "Akt ohne Wahl", wie der westpapuanische Menschenrechtsaktivist Wensislaus Fatubun zum STANDARD sagt.

Demonstrationen für die Unabhängigkeit Westpapuas sind untersagt und werden von indonesischen Behörden aufgelöst.
Foto: AP Photo/Tatan Syuflana

500.000 Tote

Doch nicht alle Bewohner Westpapuas waren stimmberechtigt. Wählen durfte nur, wer von den Besatzern dazu ausgewählt wurde – und das waren 1.026 Personen. Diese wurden von den Soldaten unter Druck gesetzt und mussten sich öffentlich zu Indonesien bekennen. Die Vereinten Nationen beschlossen, die Farce anzuerkennen. Bereits 1963 wurde die Inselhälfte von der Liste der "nicht selbst verwalteten Territorien" gestrichen. Die Welt sah Westpapua als Teil Indonesiens.

Bereits seit fast 60 Jahren schlägt die Regierung in Jakarta friedliche Demonstrationen nieder, schickt Menschen, die den "Morgenstern" hissen, für bis zu 15 Jahre ins Gefängnis und raubt das Land der Indigenen. Laut Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen sollen rund 500.000 Menschen in dem Konflikt gestorben sein.

Ende 2018 gingen tausende Menschen in Westpapua auf die Straße, um an den Unabhängigkeitstag ihres Landes zu erinnern, der schließlich keiner war.
Foto: AP Photo/Trisnadi

Gewalttätige Auseinandersetzungen

Im Dezember des Vorjahres verhafteten indonesische Einsatzkräfte mehr als 500 Protestierende in Westpapua, die für die Unabhängigkeit auf die Straße gegangen waren. Menschenrechtsaktivisten werfen den Behörden vor, weißen Phosphor gegen die Demonstranten eingesetzt zu haben. Der Kontakt mit der leicht entzündlichen Substanz verursacht bei Menschen Verbrennungen, oft bis auf die Knochen. Deshalb gilt weißer Phosphor als geächtete Waffe.

Als Reaktion darauf überfielen Separatisten eine Baustelle und einen militärischen Kontrollposten in der Region Nduga. Mindestens 17 Menschen starben bei dem Angriff. Das Militär behauptet, dass nur Soldaten ums Leben kamen, die Angreifer sprachen auch von zivilen Opfern. Laut der Menschenrechtsorganisation Front Line Defenders flohen durch die seitdem andauernden Auseinandersetzungen 32.000 Menschen.

Angehörige trauern um einen Verstorbenen, der während eines Angriffs der Separatisten ums Leben kam.
Foto: IVAN DAMANIK / AFP

Zugang für UN-Vertreterin

Die Vereinten Nationen schalteten sich ein und forderten von der indonesischen Regierung die Aufklärung von Foltervorwürfen, die seit Ende des Vorjahres bestehen. Auslöser für die Intervention war ein Video, das Polizisten zeigt, die einen gefesselten Burschen mit einer Schlange quälen.

Obwohl Jakarta seit Jahrzehnten internationalen Aktivisten und Medienvertretern den Zugang zu Westpapua verwehrt, soll die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, einreisen dürfen. Wann der Besuch stattfinden soll, ist aber noch unklar, heißt es aus ihrem Büro.

Der Aktivist Wensislaus Fatubun sieht einen "langsamen Genozid" in seinem Land. Denn Jakarta siedelte zehntausende Menschen aus anderen Teilen Indonesiens auf dem Inselteil an, um die indigene Bevölkerung Westpapuas zurückzudrängen. Die Bevölkerung wächst zwar, aber der Anteil der Indigenen wird immer geringer.

Mit militärischer Präsenz verteidigt Indonesien die Besatzung Westpapuas.
Foto: AP Photo/Tatan Syuflana

"Kämpfen bis zum bitteren Ende"

Die Indigenen befinden sich noch immer im bewaffneten Widerstand – auch wenn dieser aussichtslos zu sein scheint. Laut einem Bericht des indonesischen Geheimdienstes aus dem Jahr 2011 besitzen die Widerstandskämpfer rund 120 Waffen. Die meisten von ihnen stammen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Doch die Mehrheit der Kämpfer tritt der modernen Armee Indonesiens mit Pfeil und Bogen entgegen. Für Connor White ist das kein Grund, um mit kämpferischen Slogans aufzuhören. Er ist der Sprecher der Unabhängigkeitsbewegung Westpapuas, die aus dem britischen Exil operiert, und sieht das Ende der indonesischen Besatzung kommen. White glaubt daran, dass "die Menschen bis zum bitteren Ende kämpfen" werden, sagte er im Gespräch mit dem STANDARD.

Nicht nur die Kugeln der Indonesier töten die Indigenen, sondern auch Plantagen, sagt Fatubun. Indonesien rodet große Flächen des Urwalds der Insel, um Palmölplantagen zu errichten. Dafür muss die Bevölkerung ihr Land und ihre Lebensgrundlage aufgeben. Zudem befindet sich die weltgrößte Goldmine auf dem besetzten Gebiet. Vorkommen von Kupfer und Erdgas befeuern die Interessen internationaler Konzerne. Die britische BP plant in Westpapua ein Gasfeld im Wert von umgerechnet 9,4 Milliarden Euro.

Benny Wenda, der Anführer der Exilwiderstandsbewegung, übergab 1,8 Millionen Unterschriften an UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet.
Foto: The United Liberation Movement for West Papua via AP

Petition für Unabhängigkeit

Internationale Aufmerksamkeit für die Situation der Menschen in Westpapua erhofft sich die Unabhängigkeitsbewegung von einer Petition für ein erneutes Referendum. 1,8 Millionen Bewohner der Inselhälfte, rund 70 Prozent der indigenen Bevölkerung, haben unterschrieben. Vor wenigen Wochen übergab der Anführer der Bewegung, Benny Wenda, mit der Unterstützung von Vertretern des Inselstaats Tuvalu die Unterschriften an UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet. (Bianca Blei, 6.4.2019)