Wie von einer Welt erzählen, die von einem Tag auf den anderen vollkommen anders wurde: Philippe Lançon beschreibt in "Der Fetzen" den Weg zu sich selbst.

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Eines der Opfer des Anschlags ist die eigene Urteilskraft. Philippe Lançon hat den mörderischen Anschlag auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" am 7. Jänner 2015 überlebt. Schwer verwundet, ein Drittel seines Gesichts ist zerfetzt, eine Masse aus Fleisch und Zahnstücken. Die Wiederherstellung seiner "Gueule cassée", wie die im Ersten Weltkrieg verwüsteten Gesichter genannt wurden, wird eine monatelange Serie an Operationen in Anspruch nehmen, darunter auch die Transplantation des eigenen Wadenbeins.

Der Fetzen, der Titel von Lançons Buch, in dem der Kulturkritiker der "Libération" diesen Einschnitt in seinem Leben mit sprachlichen Mitteln zu bewältigen versucht, nimmt direkt darauf Bezug. Er meint das Stück Fleisch, das "Schnitzel", das an die Stelle seines unteren Gesichtsdrittels tritt, ein sehr langsam heilendes, nässendes, schmerzendes Loch. Wem so etwas widerfährt, der verliert auch ein Stück seiner Identität. Es wirkt wie ein irres Omen, dass Lançon just am Abend vor dem Massaker Shakespeares Verwirrspiel "Was ihr wollt" im Theater gesehen hat.

Ohne Schnellschlüsse

Doch das Urteil, die Klage über die eigene Situation, ist Lançon genauso fremd wie die weiter führende Debatte über Islamismus und Meinungsfreiheit, die Frankreich nach dem Attentat erfasste. Der Fetzen ist kein Buch des diskursiven Schnellsch(l)usses – das war, in seiner gröbsten Entstellung, schon das Attentat selbst. "Jede Zensur ist definitiv eine extreme und paranoide Form der Kritik. Die extremste Form der Kritik konnten nur Unwissende oder Ungebildete üben." Es ist ein Buch der Verlangsamung, des Rückzugs, der stillen Verweigerung. Zugleich Protokoll eines Überlebenden, der nach einem Weg zurück ins Leben sucht, wie Kranken- und Genesungsgeschichte, die aus Krankenschwestern und einer unsentimentalen Chirurgin namens Chloé ihr Personal bezieht.

Vor allem leistet Lançon eine faszinierende Introspektion, die ihre eigene mäandernde Form irgendwo zwischen Erinnerung, reflektierendem Bewusstsein und sachlicher Beschreibung sucht und auf kein Telos zuläuft, sondern offen und unberechenbar bleibt wie das Leben selbst. Die erwähnte Chirurgin ist die einzige Frau, die Lançon zu dieser Zeit richtiggehend anhimmelt und um die ihn sogar der flirtende Präsident Hollande bei einer Visite beneidet. Ähnlich wie sie seinem Gesicht Schritt für Schritt wieder eine Form verpasst, die nur eine Annäherung an eine bestimmte Vorstellung von ihm bleibt, schreibt sich auch Lançon an sein verändertes Dasein und dessen fremden Geschmack heran.

Das erste "Charlie Hebdo" nach dem Anschlag von 2015.
Foto: Reuters

Der Journalist, der er einmal war, erscheint nur als Phantom. Zu Beginn, wenn er brillant über Houellebecqs Unterwerfung und das mediale Geschick des Autors räsoniert oder sich über den "Medialekt", die vagen Begriffe und Plattheiten mancher Journalisten ereifert, wird der unruhige Geist des alten Ichs greifbar. Doch am Krankenbett in der Salpêtrière kommt ein anderer Mensch zu sich. Er reduziert sein Universum auf den engsten Raum des Krankenhauszimmers – Lançon steht unter Polizeischutz. Der sichere "Kokon" wird ihm bald auch in einem erweiterten Sinne zu einer vom Außen abgeschirmten Zone, in der er nur Auserwählte an sich heranlässt. Für Nostalgie sei er nun ebenso unempfänglich, schreibt er, wie für Reue; aber auch allzu große Empathie ist ihm unangenehm, denn er fühlt die Diskrepanz zwischen den an ihn herangetragenen Vorstellungen und seiner nüchternen Selbstwahrnehmung.

Die Rückkehr zum Schreiben

Anfangs verständigt sich der Patient nur über ein wieder abwaschbares Whiteboard, doch nach wenigen Tagen meldet sich Lançon in der "Libération" auch mit neuem Ich schreibend zu Wort. Er wird nie "Ich bin Charlie" sagen, weil ihm seine Singularität wichtiger ist als eingängige Signale. Doch die toten Freunde von "Charlie Hebdo", manche nur bewunderte Heroen, denen er nicht allzu nahe zu kommen wagte, begleiten ihn. Er schreibt davon, dass er noch lebt, "und doch bedeutet dieser Text (...) auch das Gegenteil. Ich wende mich an die, die dort am Konferenztisch und in den Gängen von "Charlie" gestorben sind. Eine posthume Klavierstunde: Während die rechte Hand für die Lebenden spielt, spielt die Linke für die Toten und gibt den Takt vor."

Was ihn darüber hinaus lenkt, sind Lichter seiner Kindheit. Nicht nur schreibt Lançon treffend davon, wie er in der Situation des Verletzten wieder zum Kind wird, das von seinen Eltern wie ein Kind gepflegt wird. Es sind vor allem auch literarische Figuren und deren Geschick, die ihm in seinem eigenen Leiden beistehen – und an die Kultur erinnern, die ihn als Menschen geformt haben: der Tod der Großmutter aus Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit", Thomas Manns "Zauberberg" oder Kafka, der seiner Milena mit wachen Sinnen von seinem trüben Zustand berichtet.

Die Literatur ist der Faden, der altes und neues Ich verbindet. Lançon weiß jedoch, dass es keinen geraden Weg zurück gibt. Weiterzuleben bedeutet, den Blick auf das, was einmal war, mit dem in Einklang zu bringen, was davon noch übrig ist. "Ich brauche nicht zu schreiben, um zu schwindeln, auszuschmücken und das am eigenen Leib Erfahrene umzuwandeln. Es zu leben hat mir genügt." Der Autor macht aus seiner Erfahrung kein Kapital, will sich nicht inszenieren. Mit großer Aufrichtigkeit begleitet er die Rekonstruktion eines Selbst, das wie ein Bild erst am Trocknen ist: eine Rückkehr zum Eigentlichen des Lebens, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. (Dominik Kamalzadeh, 6.4.2019)