"Lernt die Sprache. Lernt die Geschichte. Und beschäftigt euch mit den Menschen!", appelliert die saudische Journalistin Safa al-Ahmad an die Korrespondentinnen und Korrespondenten im arabischen Raum.

Foto: Annabell Lutz

Eine verwinkelte italienische Innenstadt, die immer wieder für ein paar Tage im Jahr aus allen Nähten platzt. Im April vor Journalisten und Medienleuten. Morgens: ein Gewirr von eilenden Menschen mit kritzelnden Stiften. Abends: müde Gähnerei und Starren auf das Smartphone, bis die letzten Redner zum Ende ihres Vortrags kommen. Doch am Freitagabend ist etwas anders als sonst beim alljährlichen Journalismus-Festival in Perugia in Umbrien.

In einem kleinen Saal hören die Stifte auf zu kritzeln, die Gähner halten ihren Atem an, die Handys verschwinden in den Rucksäcken. Safa al-Ahmad spricht mit fester Stimme. Sie kommt schnell auf den Punkt. "Der Arabische Winter"? Schon mittags habe sie wütend mit ihren Kollegen darüber diskutiert. Darüber, was sie am Namen dieses Vortrags hassen, in dem sie über die Politik im Mittleren Osten sprechen werden.

"Ortientalist bullshit term"

Der Begriff "Arabischer Winter" verkörpere das fehlende Wissen über den Konflikt in der Region, sagt die saudische Journalistin. Vom diesem begannen internationale Medien zu sprechen, als die Proteste des Arabischen Frühlings weitgehend beendet waren und autoritäre Regime sowie radikalislamische Tendenzen in der Region wiedererstarkten. Für al-Ahmad ist dies schlicht ein "orientalist bullshit term". Denn die Bezeichnung bezieht sich auf Machtverhältnisse und lässt das Freiheitsbegehren der Menschen außer Acht.

Safa al-Ahmad will klarmachen: Wenn es um den arabischen Raum geht, vergessen internationale Medien gerne, dass neben einer Handvoll Autokraten auch eine Zivilbevölkerung existiert. Wieviel die Welt von diesen Menschen wohl weiß? Als Beispiel nennt die Journalistin das mediale Bild Saudi-Arabiens, das weitgehend in Bezug auf das Königshaus konstruiert wird. Dazu komme die Besessenheit, auf opportunistische Weise einzelne Aspekte hervorzuheben – wie etwa die Unterdrückung von saudischen Frauen. Notwendig sei es aber, ein Gesamtbild des Landes zu zeichnen – mitsamt aller andauernden Menschenrechtsverletzungen.

Die Kontrolle verlieren

Iyad el-Baghdadi spricht von einem derzeit unvergleichbaren Level an Unterdrückung der Zivilbevölkerung im arabischen Raum. So verkörpern absolutistische Machthaber das öffentliche Bild über die Region. "Wir Araber verlieren die Kontrolle darüber, wie über uns diskutiert wird", sagt der in den Emiraten aufgewachsene Aktivist und Schriftsteller.

Mit Kontrollverlust ist el-Baghdadi vertraut. Der Aktivist wurde 2014 aus seinem Heimatland ausgewiesen, heute lebt er in Oslo. Wenn El-Baghdadi davon erzählt, stockt seine Stimme, er weint. Der Saal ist leise.

Anwar al-Bunni beginnt zu sprechen. Auch er verurteilt das mediale Bild des Arabischen Winter, das ein komplettes Scheitern des arabischen Demokratiebegehrens suggeriert. "Wenn Menschen etwas wirklich wollen, werden sie es schließlich bekommen", sagt der syrische Menschenrechtsanwalt. Als Beispiel dafür, dass Demokratie nicht über Nacht passieren könne, nennt er die Geschichte Europas. Der Kontinent sei vor der Umsetzung einer stabilen Demokratie durch zwei Weltkriege gegangen, die viele Leben gefordert haben.

20 Jahre in der Region, keine Sprachkenntnisse

Die mediale Verzerrung der arabischen Welt sehen Safa al-Ahmad, Iyad el-Baghdadi und Anwar al-Bunni als essenzielles Problem für die Region. Wie aber kann man dem entgegengewirken?

"Was mich am wütendsten macht, sind Auslandskorrespondenten, die seit 20 Jahren in der Region sind und sich immer noch nicht die Mühe gemacht haben, die Sprache zu lernen. Viele sind ständig auf Übersetzer angewiesen und halten sich nur in den Hauptstädten auf", kritisiert al-Ahmad.

Korrespondenten gibt sie einen Rat für die Zukunft: "Lernt die Sprache. Lernt die Geschichte. Und beschäftigt euch mit den Menschen!" (Annabell Lutz, 7.4.2019)