Weimar feiert 100 Jahre Bauhaus mit einer Parade.

Foto: AP/Jens Meyer
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Nicht mehr allein Bewahrer der Klassik, sondern auch Ort der Moderne. Auf Pathosformeln muss man bei Jubiläen nicht lange warten. Auch in Weimar nicht, wo punktgenau 100 Jahre nach der Gründung des Bauhauses das ihm gewidmete Museum seine Pforten öffnet. Ein Haus, mit dem sich nun also "die intellektuelle Physiognomie der Stadt" ändern soll.

Massiv, grau und schier uneinnehmbar: Ein Monolith aus Beton verschließt seit letztem Wochenende das Erbe des 1919 in Weimar begründeten Bauhauses.
Foto: AFP/MacDougall

Sich vom Bahnhof dem Zentrum nähernd, fällt es jedoch zunächst nicht so recht auf, dabei hat Architektin Heike Hanada einen massiven Monolithen aus hellem Beton dort platziert. Von der Ferne bleibt der Blick an der Weimarhalle, einem Nachwendebau, hängen. Erst unmittelbar dort, wo sich das Areal zum städtischen Park öffnet, wird man des zurückgesetzten Museumsbaus gewahr.

Und trotz dieses Achsensprungs – oder gerade dessentwegen – ist der neue Stolz der Weimarer ganz seinem unmittelbaren Standort verpflichtet. Denn das Museum ergänzt ein Ensemble. Aber. Es fügt sich nicht ein. Es setzt vielmehr einen widerständigen Akzent. Widerborstigkeit ist bei dieser Nachbarschaft angebracht: die Architektur des von den Nationalsozialisten 1936 errichteten Gauforums. Heute ist in den Gebäuden die Landesverwaltung untergebracht.

Die Lesart des Hauses legt auch die neue Adresse nahe: Der Platz heißt nicht mehr Minol-Platz nach der einstigen DDR-Tankstelle, sondern ist nach Widerstandskämpfer Stéphane Hessel benannt. So kann und muss man also das neue Haus lesen: als Auftrag, das Mahnmal der Naziherrschaft als Teil der "Topografie der Moderne" zu sehen. In dieser gilt es, den Weimarer Eckpfeilern Humanismus und Aufklärung auch die unschönen Kapitel Ausgrenzung und Völkermord beizustellen.

Ballett der Bagger noch am Donnerstag vor der Eröffnung: Die Landschaftsgestaltung rund ums Museum ist noch lange nicht vollendet.
Foto: AFP/MacDougall

Ob sich die Marke Bauhaus als symbolische Trutzburg eignet, steht auf einem anderen Blatt. Klar, die Kunstschule, die zur Gestaltungsrevolution aufrief und deren Bestehen von 1919 bis 1933 mit den "Lebensdaten" der Weimarer Republik ident ist, scheint dafür prädestiniert zu sein. Wegen den Rechten verließ man 1925 Weimar gen Dessau. Die Machtergreifung der Nazis bescherte ihr das endgültige Ende. Aber jenseits der emanzipatorischen Bauhaus-Klischees vom radikal Neuen, von Fortschritt und funktionaler Rationalität war das Bauhaus auch Ort des totalitaristischen Anspruchs, der Technokratie und – mit Blick auf Reformpädagoge Johannes Itten – rassistischer Ideen.

Mehr Bunker als Festung

Das architektonische Ergebnis dieses Unterfangens ist isoliert betrachtet ein imposanter, minimalistisch-eleganter Bau, dessen Fassade durch horizontale Fugen aufgebrochen wird. Gegenüber der Monstrosität der NS-Anlage allerdings macht er sich schüchtern aus. Der Betonkörper scheint sich – obendrein wenig durchfenstert – abzuschotten: mehr Bunker, weniger Festung. Architektur muss eben auch jenseits des Reißbretts, also im Kontext der Stadt, seine Wirkung beweisen.

Dass diese eher mau ist, hat wohl mit der Dimensionierung des Projekts zu tun, die Mittel für das Museum wurden bereits 2008 festgelegt. Der Wettbewerb fand 2011 statt, als man sich bereits auf den heutigen Standort am ehemaligen Gauforum und Weimarhallenpark festgelegt hatte. Ursprünglich hatte man mit dem Theaterplatz geliebäugelt, wo das Museum als Visavis zum Nationaltheater in seinen heutigen Ausmaßen womöglich andere Strahlkraft besäße.

Nachts vor dem Museum: 24 LED-Lichtbänder sollen in der Nacht die massive Fassade schwerelos erscheinen lassen, sie symbolisch auflösen.
Foto: AP/Jens Meyer

Auch das Äußere hat sich gegenüber dem Plan massiv verändert: Vorgesehen war eigentlich eine Glasfassade. Von der kam man erst sehr viel später ab. Kosten mögen dabei keine unwesentliche Rolle gespielt haben (letztlich hat der Bau 27 statt ursprünglich kalkulierte 22,6 Millionen Euro gekostet). Entscheidend war eher, dass eine Glasverkleidung die Fassade der NS-Architektur gespiegelt hätte. Dieser visuelle Eindruck wäre fatal gewesen. Auf der Suche nach der passenden Formensprache für diesen Ort scheint man leicht ins Dilemma zu geraten.

Die mangelnde Durchfensterung lässt sich leichter verteidigen. Viele Museumsbauten verzichten aus konservatorischen Gründen auf allzu viele Fenster und Tageslicht – siehe Mumok und Leopold-Museum in Wien. Allerdings besitzt der ähnlich klotzige Weimarer Bau im Inneren wenig von deren Großzügigkeit.

Im Bauhaus-Museum regiert pragmatische Funktionalität: Die Treppenhäuser sind versetzt angelegt. Daraus resultiert, dass sich die Grundrisse Etage für Etage (insgesamt fünf) ändern und die Raumgrößen variieren. Zusammen mit wechselnden Raumhöhen entsteht der Eindruck eines flexiblen Baukastens, eines typisches Bauhaus-Prinzips. Ein wenig fühlt man sich an die wandelbaren Spielmöbel der Bauhäuslerin Alma Siehoff-Buscher erinnert, bei denen Elemente unterschiedlich kombiniert, ineinandergeschoben oder einzeln genutzt werden können. Hanadas Betonskelett lässt solche Verwandlungen freilich nur gedanklich zu.

Schon die Malerei der Bauhaus-Professoren Paul Klee, Lyonel Feininger, Klaus Peter Röhl u.a. macht deutlich, wie unterschiedlich die Protagonisten der Kunsthochschule waren.
Foto: AFP/MacDougall

Räumliche Enge

Man spürt hier die Begrenztheit von 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Und man ahnt, dass man hier den gestellten Aufgaben kaum gerecht werden kann. Zum einen ist da der Kern des Museums: die 13.000 Stücke umfassende, von Gropius 1925 der Stadt vermachte Bauhaussammlung. 1000 Arbeiten daraus (Papierenes als Faksimile) hat man dennoch untergebracht. Es bleibt insgesamt bei Anrissen: das auf den neuen Alltag gerichtete und das experimentelle Arbeiten zum Beispiel, oder die großen Protagonisten Walter Gropius, Hannes Meyer und Mies van der Rohe.

Die Bühne als Ort der Kreativität: Handpuppen von Schlemmer-Schüler Eberhardt Schrammen.
Foto: Klassik Stiftung Weimar

Die Ambivalenzen, die das Bauhaus als Teil einer brüchigen Moderne besitzt, bleiben ausgespart. Kein Versuch, den ausgeboteten Frauen des Bauhauses hier mehr Sichtbarkeit zu geben. Kein Hinweis auf die zweifelhafte "Rassenheilkunde" Ittens. Kein Hinweis auf Ertl, der später für Auschwitz Baracken und Krematorien entwarf. Es gibt allerdings ein "Buchenwald-Fenster" im Haus. Nicht offiziell, aber hausintern wird es so genannt. In der schmalen Nische im obersten Stockwerk stehend wirkt der Ettersberg mit dem Buchenwald-Mahnmal zum Greifen nah (zum Vergleich: der Wiener Kahlenberg ist im Vergleich dem Stadtzentrum ferner). Dem Umstand, dass 18 Bauhäusler in Konzentrationslagern ermordet wurden, wird an dieser Stelle nicht erinnert. Der Schritt zum Fenster mit dem Blick auf die schlimmsten Auswüchse des modernen Zeitalters bringt einen vielmehr zu einer Tür. Sie führt zu den WC-Anlagen.

Es gibt auch keinen Versuch, die noch jüngere Geschichte zu thematisieren – etwa den Boykott der Bauhaus-Ideen in der DDR. Die tragische Figur des Architekturwissenschafters Bernd Grönwald hätte sich angeboten. Der Parteifunktionär und spätere Vizepräsident der Bauakademie war auch Idealist und als solcher um das Bauhaus-Erbe bemüht, was eine gewisse Schizophrenie birgt. Er lebte einige Jahre mit seiner Familie in der ersten gebauten Architektur des Bauhauses in Weimar, dem Musterhaus Haus am Horn. Nach der Wende hat er sich umgebracht – im Keller ebendiesen Hauses. Im Haus am Horn ist die Tür zum Keller jedoch fest verschlossen.

All das sollte ein Bauhaus-Museum im Jahr 2019 nicht ausblenden – egal wie wenig Platz zur Verfügung steht. (Anne Katrin Feßler aus Weimar, 8.4.2019)

Trailer zum neuen Bauhaus-Museum in Weimar
>>>Mehr Videos zum Bauhaus-Museum auf dem Youtube-Kanal der Klassik Stiftung Weimar
Klassik Stiftung Weimar