Südsudans Präsident besuchte auf dem Weg in den Vatikan aus Italiens Premier Giuseppe Conte.

Foto: AP / Alessandra Tarantino

Vatikanstadt – Wer sich früh genug um ein Ticket bemüht, sich lange anstellt oder sich sonst irgendwie einen Weg an den Touristenmassen vorbei in die vatikanischen Museen bahnt, den empfängt in der Sixtinischen Kapelle höchste Pracht – aber auch Drohungen im katholischsten aller Sinne. "Das jüngste Gericht" heißt das Fresko, mit dem Renaissance-Künstler Michelangelo den Altar verziert hat. Zu sehen sind unter anderem jene, die wegen ihrer Taten auf Erden ewige Verdammnis erfahren.

Ob Papst Franziskus Südsudans Präsident Salva Kiir und dessen Widersacher Riek Machar dorthin geführt hat, um ihnen mögliche Folgen ihrer Taten zu demonstrieren, ist nicht bekannt. Klar ist aber: Der Chef der katholischen Kirche hat beide zu einem "geistlichen Rückzugsgespräch" in den Vatikan eingeladen, zu dem sie am Mittwoch eingetroffen sind. Es wäre naheliegend, die diplomatisch-kirchliche Initiative für ein Ende des seit 2013 währenden Bürgerkriegs auch mit der Furcht vor Gott zu unterstreichen.

Auch ethnischer Konflikt

Denn bisher sind viele Vermittlungsversuche fehlgeschlagen. Zwar haben sich die beiden Dauerrivalen auf Vermittlung des nahen Auslandes – insbesondere Äthiopiens – immer wieder zu kurzfristigen Waffenstillständen durchgerungen. Doch noch immer flammen häufig Kämpfe im jüngsten unabhängigen Staat der Welt auf. Hintergrund der Zusammenstöße sind mittlerweile auch ethnische Unterschiede: Kiir gehört der Gruppe der Dinka an, Machar jener der Nuer. Beide sind damit Vertreter der zwei größten Volksgruppen in ihrem Land.

Der Hass hat sich zudem verschärft: Kämpfer beider Seiten haben im sechsjährigen Krieg übelste Gräueltaten begangen. Zugrunde liegt dem allen aber vor allem persönliche Animosität. Beide hatten nach der Unabhängigkeit 2011 einst gemeinsam regiert, Kiir als Präsident, Machar als sein Vize. Im Winter 2013 brachen Kämpfe aus, als sich beide des gegenseitigen Absetzungswunsches bezichtigten und Kiir Machar am Ende tatsächlich aus dem Amt entfernte.

Eher Bosch als Michelangelo

Seither herrschen im Südsudan Zustände, die weniger Michelangelos "Jüngstem Gericht" ähneln als den Gemälden Hieronymus Boschs, der die höllischen Qualen wesentlich plastischer darstellt: Die Kämpfe haben rund vier Millionen Menschen zur Flucht innerhalb des Landes und in die Nachbarstaaten gezwungen. Man geht von mehreren hunderttausend Toten aus, die höchste Zahl in einem Konflikt seit dem Genozid in Ruanda 1994. Jene, die noch am Leben und im Land sind, leiden als Folge der Kämpfe oft unter extremem Hunger. Machar steht seit fast zwei Jahren unter Hausarrest in Südafrika, den er für die Rom-Reise allerdings unterbrechen durfte.

Ein Ende von Not und Morden liegt auch daher nicht mehr nur am Willen Kiirs und Machars: Führer einzelner Kampfgruppen haben sich mittlerweile losgesagt und stehen nicht mehr unter Kontrolle der beiden Chefs. Sie sind zu Warlords geworden, die auch finanziell von der Fortsetzung der Kämpfe profitieren, etwa indem sie Bodenschätze an sich reißen oder "Steuergelder" erpressen.

"Gewinnbringende Gelegenheit" und Exerzitien

Dennoch: Mehr Druck Kiirs und Machars auf ein Ende der Kämpfe würde wohl zur Beruhigung beitragen. Der anglikanische Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, hatte daher die Idee zum spirituellen Treffen. Der Vatikan bezeichnete die Zusammenkunft in einer Aussendung als "gewinnbringende Gelegenheit zur Reflexion und zum Gebet, sowie dazu, zusammenzufinden". Es solle "um diplomatische und ökumenische Fragen" gehen, heißt es weiter. Und das meint man offenbar ernst: Kiir und Machar bekamen nach ihrer Landung in Rom eine Bibel überreicht, später sollten sie ihre Differenzen in Gegenwart von Geistlichen erläutern. Den Abschluss des Treffens sollen gemeinsame Exerzitien und ein Treffen mit dem Papst bilden.

Das soll dabei helfen, dass der jüngste, kürzlich ausgehandelte Deal der beiden tatsächlich für mehr Frieden sorgt. Ab 12. Mai soll eine Übergangsregierung eingesetzt werden, fünf vorwiegend von Kiir ausgesuchte Warlords sollen Posten als Vizepräsidenten erhalten. (Manuel Escher, 11.4.2019)