DER STANDARD war bei einer Gipsabdruck-Session, einem Beckenbodentraining und einem Vulva-Seifen-Workshop dabei.
DER STANDARD

Noch immer kursiert die Rede von der "Vagina" oder der "Scheide", wenn eigentlich alles gemeint ist: äußere und innere Schamlippen, Venushügel, Klitoris. Kurz: wenn die Vulva gemeint ist. Das ist eine gängige Verkürzung, die auch zu einem eingeschränkten Wissen über das weibliche Begehren führt. Die Vulva ist neben einem differenzierten Begriff für die äußeren Geschlechtsorgane inzwischen auch ein feministischer Begriff geworden.

Inzwischen wollen viele Frauen diese Wissenslücke schließen und holen in Kursen nach, was im Aufklärungsunterricht versäumt wurde.

Vulva auch literarisch entdeckt

Dass die Vulva im Kommen ist, hat auch damit zu tun, dass die Literatur sie entdeckt hat. In den vergangenen zehn Jahren haben Autorinnen das primäre weibliche Geschlechtsorgan zum Thema gemacht, Tabus aufgebrochen und offenbar zur Auseinandersetzung angeregt. Die Autorin Mithu Sanyal hat sie in ihrer Kulturgeschichte des weiblichen Geschlechts 2009 noch als das "unsichtbare Geschlecht" bezeichnet. Doch inzwischen wurde einiges gegen diese Unsichtbarkeit unternommen: Die Medizinerinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl veröffentlichen 2018 mit "Viva La Vagina!" ein umfassendes Buch über die Vulva, die es allerdings auch nur als Vagina auf den Titel schaffte.

Die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömquist thematisierte mit "Der Ursprung der Welt" witzig und kritisch den verkniffenen Umgang mit dem weiblichen Geschlechtsorgan, das nicht einmal einen "ordentlichen Namen" habe. Mit dem Thema Lust hat sich im letzten Jahr auch die Filmdoku "Female Pleasure" intensiv befasst.

Beckenbodentraining

Ein Dutzend junger Frauen sitzt mit Yoga-Leggins und Wollsocken in einem Sesselkreis und schließt die Augen. Die Frauen gehen in ihrer Vorstellung über eine Wiese. Jede bleibt über einem Gänseblümchen stehen, um es zu pflücken. Doch sie strecken nicht die Hand danach aus, sondern spitzen ihre Schamlippen und spannen den vorderen Teil mit einem Ruck an. Als Nächstes steigen die Frauen in einen imaginären Aufzug und bleiben bei drei Stockwerken stehen.

Sexualpädagogin Cornelia Lindner leitet sie dabei an: "Nicht vergessen, ihr müsst noch Spannung für die letzte Etage aufbehalten." Lindner gibt den jungen Frauen Tipps, um im Alltag unbemerkt ihre Beckenbodenmuskulatur trainieren zu können, etwa an der Ampel oder im Büro. Sie rät ihnen, nicht erst auf die Geburt des ersten Kindes damit zu warten, "um Inkontinenz vorzubeugen, aber auch, weil ihr mehr Spaß haben werdet". Ein trainierter Beckenboden sei nämlich besser durchblutet, und man spürt dadurch beim Sex mehr, erklärt Lindner und reicht ein Modell eines weiblichen Unterleibs durch den Sesselkreis.

Sex darf nicht wehtun

Lust ist für Lindner ein wichtiger Aspekt, der ihrer Ansicht nach im Aufklärungsunterricht oder Rückbildungskursen nach der Schwangerschaft vernachlässigt wird. "Natürlich könnten Frauen immer Sex haben, aber es tut dann halt weh!"

Mit dem Mythos, dass Sex immer und ausschließlich beim ersten Mal wehtut, räumt Alica Läuger in einem Aufklärungscomic ziemlich bald auf. Ihr Titel "Da unten" spielt auf die vielen verklemmten Umschreibungen für das weibliche Geschlechtsorgan an. Mit "da unten" kann man Sexualpartner schlecht dirigieren. Für sie ist der Begriff "Scheide" aber nicht besser, "denn sie ist so viel mehr als ein Schlitz, in den ritterliche Helden irgendwas reinstecken". Tatsächlich stammt das Wort Scheide vom Behälter für das Schwert ab.

Der Blick in den Handspiegel

"Viele Menschen mit Vulvina (Kofferwort, das einige Feministinnen benutzen, Anm.) haben ihr Geschlechtsorgan noch nie angeschaut. Also nimm einen Spiegel und schau dir an, was du 'da unten' eigentlich hast", schreibt Läuger. Der nächste Schritt ist der Vergleich mit anderen, "echten" Vulven.

Gut zu wissen: Die Klitoris ist nicht nur bis zu 10 Zentimeter groß, sie hat mit 8.000 auch doppelt so viele Nervenenden wie der Penis.

Jeder Gipsabdruck ein Vulven-Unikat

Inzwischen tragen junge Frauen sogar mit Vulven bedruckte Leiberln oder Klitoris-Ohrringe, backen Vulva-Cupcakes oder Sticken Gebärmütter auf Tischtücher. Die Österreicherin Gloria Dimmel hat sogar mithilfe von Crowdfunding ein Memory-Spiel aus Vulven entworfen, das zum genauen Hinschauen führt. Dafür hat sie Gipsabdrücke von rund 160 Frauen angefertigt und mithilfe von Crowdfunding über 12.000 Euro gesammelt. Bei einer ihrer Sessions im Wohnzimmer klingelt es an der Tür. Teresa ist gekommen, um ihr Exemplar abzuholen.

Sie steht mit leuchtenden Augen im Vorzimmer: "Das ist wie Weihnachten", scherzt sie und befreit einen handtellergroßen Gipstaler aus einer Stoffservierte. "Wow, das ist so cool!", ruft sie der Künstlerin Gloria Dimmel zu. Teresa sagt von sich selbst, dass es eine lange Reise war, das Aussehen ihrer Vulva zu akzeptieren. "Weil es diese Norm gibt, dass man ganz feine, innere Schamlippen hat. Und das ist jetzt der Höhepunkt der Reise", sagt sie über den Anblick ihrer Gipsvulva.

Immer mehr chirurgische Schamlippenkorrekturen

Viele Frauen genieren sich für ihre Schamlippen, das zeigt auch der Negativtrend zu immer mehr chirurgischen Schamlippenkorrekturen. 2017 waren es weltweit 138.765.

Großer Zuwachs bei Genitalverjüngungen. Bei der vaginalen Verjüngung werden meist die Schamlippen gestrafft, sodass nur ein "Schlitz" zu sehen ist.
Quelle: International Society of Aesthetic Plastic Surgery

Von allen ästhetisch-chirurgischen Eingriffen wies die "Genitalverjüngung" an der Vulva mit 23 Prozent den größten Zuwachs auf. Dimmel hofft, dass Frauen von der sichtbar gemachten Formenvielfalt profitieren und sich beispielsweise für größere innere Schamlippen nicht mehr genieren.

Sophie hat auf einem mit Plastik ausgelegten Sessel in Dimmels Wohnzimmer Platz genommen. Sie spreizt die Beine und streicht sich mit Modellmasse ein, ohne sich vor den anderen Teilnehmerinnen zu schämen. Sie hat sich zum Mitmachen entschlossen, damit nicht nur Vulven aus Pornos das Bild von jungen Frauen prägen. Nach wenigen Minuten kann Dimmel die Masse abziehen. Sie rührt Gips an und gießt das Negativ damit aus. Für das Memory werden die Abdrücke abfotografiert.

"Muschi-Erkundungs-Workshop unsexy"

Für den Philosophen Slavoj Žižek ist das alles zu viel geworden. Er warnte kürzlich in der "NZZ" vor einer Entzauberung des weiblichen Körpers, wenn Feministinnen ihn zurückerobern, etwa durch "Muschi-Erkundungs-Workshops", wie er sie abwertend nannte.

Beckenbodentraining im Sesselkreis. Inzwischen kann Wien ein großes Angebot an Kursen und sogar eine Vulva-Ausstellung vorweisen.

Noch immer zu wenige Vulven fanden die Künstlerinnen des "Kollektivs Kimäre", besonders in der Kunst. "Jedes Kind kann einen Penis zeichnen, aber wie man eine Vulva zeichnet, das wissen sogar Künstlerinnen nicht", sagt Lea Stiller. Ihre Bilder widmen sich Themen, die sonst eher selten in Öl auf Leinwand festgehalten werden: Menstruation, Masturbation und weniger normschöne Schamlippen. Außerdem bieten sie immer wieder Workshops an, in denen Vulven aus Seife gegossen oder Vulva-Mandalas ausgemalt werden können. Im Sommer werden einige Werke im Wien-Museum zu sehen sein. (Maria von Usslar, 29.4.2019)