Zukunftshoffnung Charles Leclerc (li) sieht sich an der Seite der aktuellen F1-Heroen Sebastian Vettel und Lewis Hamilton beim Vorbeifahren im Ferrari zu. Im Hintergrund erinnern James Hunt (li.) und Emerson Fittipaldi an aufregendere Zeiten.

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Shanghai – Ein 200 Meter langer roter Teppich ist ausgerollt, ein riesiger Schriftzug mit der Zahl "1000" prangt kamerafreundlich auf dem Betonboden des Fahrerlagers von Shanghai. Doch die Party zum großen Jubiläum der Formel 1 kommt nicht so recht auf Touren. Ein paar allem Anschein nach willkürlich ausgewählte Motorsport-Reliquien zierten am Freitag das Paddock, Helden von früher machen sich rar – und für die Stars von heute scheinen die Feierlichkeiten ohnehin keine Rolle zu spielen.

Max Verstappen interessiert das Jubiläum nicht im geringsten.
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"Ich bin keiner für Geburtstage, Jubiläen oder sonstige besondere Tage", sagte Weltmeister Lewis Hamilton vor dem Großen Preis von China (Sonntag, 8.10 Uhr MESZ/RTL und Sky). "Ob es das 1000., 2000. oder das 10.000. Rennen ist, das ist irrelevant für mich", führte der Mercedes-Pilot aus England aus. In dieselbe Kerbe schlug Red-Bull-Star Max Verstappen, dem die Geschichte der Königsklasse ohnehin am Sitzfleisch vorbei geht. "Es ist das 1000. Rennen, das letzte war das 999. Rennen. Für mich ändert das nichts", erklärte der Niederländer gewohnt lakonisch.

Ferrari-Star Sebastian Vettel, von dem ein Lenkrad aus Red-Bull-Zeiten in einem Glaskasten im Fahrerlager ausgestellt ist, rühmte immerhin die "große Geschichte der Formel 1", doch auch der schlecht in die Saison gestartete Ex-Weltmeister hat auf dem Shanghai International Circuit andere Dinge im Kopf: "Ich bin hier, um meinen Job zu machen."

Prost, Hill, Villeneuve, Rosberg

Das Programm ist allerdings auch spärlich, wenn man bedenkt, dass die Formel 1 das 1000. Rennen seit Wochen offensiv bewirbt und die gesamte Saison unter das Jubiläumsmotto gestellt hat. Neben den drei noch aktiven Weltmeistern Vettel, Hamilton und Kimi Räikkönen haben lediglich vier weitere Champions von einst ihr Kommen angesagt: Alain Prost, Damon Hill, Jacques Villeneuve und Nico Rosberg. Das Quartett wäre allerdings ohnehin vor Ort, der Franzose Prost (vier WM-Titel) ist Renault-Repräsentant, die anderen drei berichten als TV-Experten über die Formel 1. Hill immerhin drehte am Freitag eine Demorunde im Lotus 49, dem Weltmeisterauto seines Vaters Graham aus der Saison 1968.

Ecclestone auf seiner Farm

Die meisten Heroen aus vergangenen Zeiten treten die beschwerliche Reise nach China aber gar nicht erst an, und "Mister Formel 1" fehlt ebenfalls: Bernie Ecclestone, der im Jänner 2017 geschasste Direktor der unter ihm zum echten Zirkus gewordenen Königsklasse, ließ wissen, dass er heute auf die Formel E setzen würde. Die beginnt am Samstag in Rom (16, ORF 1) ihre Europatournee unter der Patenschaft der Voestalpine. Ecclestone ist nicht dabei – in Schanghai ist der 88-Jährige allerdings auch nicht, er bleibt lieber auf seiner Farm in Brasilien.

Auch die Stimmung auf den Zuschauerrängen entlang der 5,451 km langen Strecke im Nordwesten der Mega-Metropole Shanghai ließ zum Auftakt zu wünschen übrig. Obwohl laut Veranstalter das Rennwochenende ausverkauft ist, verloren sich zu den Freitagstrainings nur wenige Tausend Zuschauer auf den Rängen.

Anders hätte das gewiss in Silverstone ausgesehen, wo am 13. Mai 1950 das allererste Rennen stattfand – doch der Formel-1-Führung war das Risiko einer Regenschlacht in den englischen Midlands zu groß. Nun also China, das Formel-1-Boss Chase Carey am Freitag PR-trächtig als "einen der aufregendsten Orte für die Zukunft in der Formel 1" bezeichnete.

972. oder 1000. Grand Prix?

Zu den unrund anlaufenden Jubiläumsfeierlichkeiten passt, dass es nach Ansicht von Motorsport-Puristen an diesem Wochenende in Shanghai nicht einmal einen Grund zum Feiern gibt. Ihrer Rechnung nach findet am Sonntag nämlich erst der 972. Grand Prix statt.

Elfmal, von 1950 bis 1960, wurde im Rahmen der Formel-1-WM bei den 500 Meilen von Indianapolis gefahren, obwohl kaum ein Königsklassenpilot den Weg nach Übersee machte – und kein Indy-Sieger an den weiteren WM-Läufen teilnahm. Zudem wurde 1952 und 1953 aus Mangel an geeigneten Fahrzeugen nach Formel-2-Reglement gefahren, auch diese 17 Läufe zählen eiserne Statistiker nicht mit. (sid, red, 12.4.2019)