Angehörige der Mittelschicht gelten in der politischen Debatte oft als bedrohte Spezies. Pessimisten unterschiedlicher Couleur verweisen auf die wachsende soziale Kluft, demografische Strapazen oder ein zu enges staatliches Korsett, die den Wohlstand der Mitte auffressen oder zumindest anknabbern. Aber wer ist mit der Mittelschicht überhaupt gemeint? Vielen Österreichern ist gar nicht bewusst, wie sie finanziell im Vergleich zu ihren Mitbürgern dastehen.

Um herauszufinden, ob Sie Teil der (unteren oder oberen) Mittelschicht sind und welcher Anteil der Bevölkerung mehr oder weniger Einkommen hat, folgen Sie einfach der Anleitung in unserem "Schicht-Rechner". Es werden keine Daten gespeichert oder ausgewertet. Wenn Sie mehr über die Berechnung und über die jüngste Einkommensverteilung in Österreich erfahren wollen, lesen Sie unten weiter.

Rechenbeispiel: Familie Schmidt
Mutter Andrea verdiente 2018 als Volksschullehrerin im 25 Kilometer entfernten Ort 25.000 Euro netto, inklusive Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Das kleine Pendlerpauschale bringt ihr rund 300 Euro. Ihr Ehemann Bert arbeitet unregelmäßig als selbstständiger Grafikdesigner. Nach seiner Steuererklärung blieben ihm im Vorjahr 12.000 Euro netto. Für ihre elfjährige Tochter Christina bezog das Paar staatliche Familienunterstützung in Höhe von 2.400 Euro. Christina hat zum Geburtstag 300 Euro von der Oma bekommen. Der dreiköpfige Haushalt kam 2018 also auf 40.000 Euro. Damit hatte die Familie Schmidt ein aufgeschlüsseltes Haushaltseinkommen von gut 22.000 Euro. Die Schmidts zählten damit knapp zur unteren Mittelschicht.

Wer ist gut situiert?

Die meisten Ökonomen versuchen die Mittelschicht nach dem Haushaltseinkommen abzugrenzen. Dabei werden alle Einnahmen der Haushaltsmitglieder über das ganze Jahr zusammengerechnet. Steuern und Abgaben werden abgezogen. Es geht um Nettoeinkommen, also die Summe, die tatsächlich auf dem Konto und im Börserl landet.

Wer sein typisches Monatsgehalt im Hinterkopf hat, unterschätzt gerne das tatsächliche Einkommen. Wer niemanden zu Hause versorgen muss, schätzt womöglich falsch ein, was das für den Lebensstandard bedeutet. Allzu oft hinken Einkommensvergleiche auch daran, dass manche 15 Gehälter und Jahresboni beziehen, andere auf Sozialtransfers angewiesen sind, die nur zwölfmal im Jahr ausgezahlt werden. Statistiker haben eine Methode, um sinnvolle Vergleiche möglich zu machen.

Single oder Family Guy?

Um Haushalte unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung zu vergleichen, verwenden Statistiker einen bestimmten Schlüssel, der das typische Konsumverhalten der Haushalte berücksichtigt. Der Terminus technicus lautet "äquivalisiertes Nettohaushaltseinkommen". Wenn beispielsweise zwei Haushalte über jeweils 50.000 Euro im Jahr verfügen, kann dieses pro Person aufgeschlüsselte Maß für den Lebensstandard sehr unterschiedlich ausfallen: Bei einem Single wird nichts abgezogen, er oder sie wäre Teil der obersten zehn Prozent im Land. Bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 hingegen hätte der Haushalt ein Einkommen von 24.000 Euro, genau in der Mitte der Österreicher.

Wie das Beispiel zeigt, sollten Angaben über das aufgeschlüsselte Haushaltseinkommen nicht den Eindruck erwecken, dass diese Summen eins zu eins die flüssigen Mittel der Österreicher widerspiegeln. Die Zahlen dienen dem Vergleich des Lebensstandards.

Wo liegt die Mitte?

Wer zur Mittelschicht gehört, hängt von der Definition ab. Selbst die OECD hat im Laufe der Zeit unterschiedliche Methoden verwendet. Im STANDARD-Rechner wird in Einkommenszehntel unterteilt. Jedes umfasst zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung, das waren im Vorjahr jeweils rund 865.200 Personen. Genau in der Mitte liegt das Medianeinkommen: Die Hälfte der Österreicher erhält mehr, die andere weniger.

Insgesamt umfasst die Mittelschicht nach dieser Methode die mittleren sechs Einkommenszehntel, also knapp 5,2 Millionen Österreicher. Oft wird umgangssprachlich eine obere Mittelschicht unterschieden. Das wären dann die drei Einkommenszehntel über dem Medianwert. Außerhalb der Mittelschicht liegen noch die obersten zwanzig Prozent, unterhalb die ärmsten zwanzig Prozent, jeweils rund 1,7 Millionen Personen.

Wer rutscht in die Armut?

Die starre Einteilung nach gleich großen Segmenten der Bevölkerung hat einen Nachteil: Man kann nicht sagen, dass die Mitte breiter oder dünner, die Zahl der Ärmsten relativ mehr oder weniger wurde.

Um die Entwicklung der Armut zu erfassen, verwenden Ökonomen das gleiche Maß, aber einen anderen Blickwinkel: die Armutsgefährdungsschwelle. Diese ist mit 60 Prozent des medianen Haushaltseinkommens festgelegt. 2018 betrug sie 15.105 Euro für einen Einpersonenhaushalt, das sind 1.259 Euro pro Monat. Wiederum gilt: Wer zwar etwas mehr verdient, aber in einem größeren Haushalt lebt, rutscht eher unter diese Schwelle.

Seit der Wirtschaftskrise 2008 hat sich der Anteil der Armutsgefährdeten in Österreich reduziert. Nach dem Jahr der Flüchtlingskrise 2015 ist der Anteil wieder leicht gestiegen. Ein erweitertes Maß für Armut, das auch berücksichtigt, wie gut eine Person in der Gesellschaft integriert ist, hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast konstant verbessert.

Was fehlt?

Ein Rechner kann dabei helfen, Einkommen zu vergleichen. Zum materiellen Lebensstandard zählen aber letztlich weitere wichtige Faktoren. Einerseits das Vermögen, das womöglich geerbt wurde, nun dahinschmilzt oder sich, gut angelegt, quasi eigenständig vermehrt. Andererseits können zwei Personen, die das gleiche Haushaltseinkommen und Vermögen haben, mit sehr unterschiedlichen Kosten konfrontiert sein. Um das Geld für eine private Pflege könnte man leicht einen Sportwagen leasen. Doch auch all diese Faktoren lassen sich besser in Verhältnis setzten, wenn man die Mittelschicht nach Einkommen abgrenzt. Probieren Sie es selbst mit unserem Rechner. (Leopold Stefan, 13.9.2019)