Viele Dörfer im Landesinneren Portugals klingen lieblich: singende Vögel, bellende Hunde, Nachbarn, die ein Schwätzchen halten, Kirchturmglocken, plätschernde Bäche. Campo Benfeito etwa, auf halbem Weg zwischen der Atlantikküste und der spanischen Grenze, knapp zwei Autostunden südöstlich von Porto. Das Dorf liegt auf tausend Meter Höhe im Montemuro-Gebirge, südlich des Flusses Duoro. 48 Einwohner, kaum Autos, der Bäcker und der Fischhändler kommen regelmäßig. Die Landschaft ist hügelig, weitläufig. Ein gottverlassenes Nest oder die perfekte Idylle. Für die Bewohner ist es "a minha terra", das Stück Erde, an dem ihr Herz hängt und das sie auf keinen Fall verlassen wollen.

Südlich des Duoro-Tals beginnt im Zentrum Portugals das Niemandsland – allerdings ein bildhübsches mit wiedererstarktem Dorfleben.
Foto: Getty Images / Luis Portugal

Als Graeme Pulleyn vor fast 30 Jahren in der Gegend ankam, wollte er eigentlich nur ein Jahr bleiben: Der Brite hatte gerade sein Studium der Theaterwissenschaften abgeschlossen und arbeitete mit einer NGO im Hinterland von Portugal. Soziales Theater schwebte ihm vor, und tatsächlich gab es eine Laienspielgruppe in Campo Benfeito. "Als ich sie spielen sah, wusste ich sofort: Da ist was." So beschreibt der heute 55-Jährige seinen ersten Eindruck. Mittlerweile weiß er, was ihn damals angezogen hat: "Die Leute spielen mit derselben Leidenschaft, mit der sie ihr Recht einfordern, in dem Dorf leben zu können, in dem sie geboren wurden."

Das Teatro do Montemuro ist in Portugal mittlerweile ein Begriff.
Foto: Brigitte Kramer

Nach einigen Monaten Arbeit entstanden erste Stücke, Pulleyn organisierte Workshops mit Theaterleuten aus Großbritannien und Belgien. Doch ein Teil der Truppe gab auf. Sie brauchten einen Lebensunterhalt, zogen weg, nach Lissabon oder Porto, um in Fabriken oder auf Baustellen zu arbeiten. Keiner der Amateurschauspieler hatte eine höhere Schule besucht, denn es gab in Campo Benfeito nur eine Grundschule – die mittlerweile geschlossen ist. Ein Auto hatte damals kaum jemand. Und die Landwirtschaft gab nicht genug her für alle. Blieb nur eines: in die Stadt ziehen. "Das typische Schicksal vieler junger Leute im Hinterland", erzählt Pulleyn. "So sterben die Dörfer aus."

In Campo Bonfeito leben aktuell 48 Menschen.

Einer blieb: Eduardo Correira. Er studierte mit Pulleyn ein zweisprachiges Zwei-Mann-Stück ein, das den Durchbruch brachte. Es ging um Wölfe. Das war 1995. Die anderen kamen zurück. Seitdem ist das Teatro do Montemuro in Portugal ein Begriff. Nicht nur, weil es anspruchsvolles Theater macht und dies in den Dörfern, in den Städten und im Ausland zeigt. Das Teatro do Montemuro ist auch ein Beispiel dafür, wie man mit Kultur sogenannte strukturarme Gegenden beleben kann. 16 Menschen leben heute in Campo Benfeito vom Theater, davon sieben Kinder. "Das Durchschnittsalter ist drastisch gesunken", erzählt Pulleyn, "das Dorf hat sich total verändert."

Theatermenschen und Kunsthandwerker

Etwa zeitgleich taten sich in dem Dorf vier junge Frauen zusammen, um eine Weberei zu gründen. Bis heute verarbeiten sie an alten Webstühlen und an Strickmaschinen Schafwolle aus der Region. Daraus entstehen Jacken, Mäntel, Überwürfe, Schals, Mützen. Die Wolle hat Naturtöne oder wird mit Brennnesseln oder Brombeeren gefärbt. Dank der Kooperative Capuchinhas konnten Ofélia, Henriqueta, Ester und Engrácia in ihrem Dorf bleiben. Sie und ihre Familien bilden mehr oder weniger die andere Hälfte der Bewohner. Campo Benfeito: das Dorf der Theatermenschen und Kunsthandwerker.

In der Kooperative Capuchinha werden wieder traditionelle Jacken, Mäntel oder Schals hergestellt.

Graeme Pulleyn lebt immer noch im Landesinneren von Portugal, wenn auch mittlerweile in der Kleinstadt Viseu. Sein Sohn wollte Fußball spielen, aber im Dorf gab es nur drei Kinder, die dazu taugten. Er arbeitet heute als freier Regisseur in ganz Portugal, manchmal auch mit den sieben Leuten des Teatro do Montemuro. "Aber sie brauchen mich nicht mehr", sagt er, "sie wissen genau, was sie ausdrücken wollen."

Quelle für Geschichten

Es geht um den Alltag in abgelegen Regionen, um Wölfe oder um Weinbau, um das Leben der Frauen, um den Fortschritt, der sich in den vergangenen 20 Jahren besonders drastisch in den Dörfern vollzogen hat: vom Selbstversorgerdasein, wie es seit Generationen gelebt wurde, ins digitale Zeitalter. "Das Dorf ist für uns eine schier unerschöpfliche Quelle", sagt Paulo Duarte, Gründungsmitglied der Kompagnie "uns sind die Geschichten noch nie ausgegangen." Und Graeme Pulleyn fügt an: "Im Theater geht es ja immer um Konflikte, um große Fragen wie Herkunft und Identität, davon gibt es hier eine Menge."

Die Kulisse rund um Campo Bonfeito ist herrlich: für Theaterstücke oder Hochzeiten.

Die Truppe erzählt ihrem Publikum, was die Menschen dort fühlen und erleben, wo viele erst mal denken, es sei nichts los. Und wo andere ihre Kindheit verbracht haben, an die sie oft mit Sehnsucht zurückdenken. Viele Dorfbewohner im dünn besiedelten Zentrum von Portugal versuchen, die Landflucht mit diversen Initiativen zu stoppen. So sind in der Gegend auch einige wunderschöne Landhäuser für Urlauber restauriert worden – Tourismus ist immer ein Hoffnungsträger. Andere haben aufgegeben und besuchen den Ort ihrer Herkunft nur noch am Wochenende oder in den Ferien.

Das Leben in Dörfern wie Campo Benfeito ist vor allem für die Älteren nicht einfach. Es gibt oft kein Geschäft, der nächste größere Ort ist weit weg.
Foto: Getty Images / Igor Alecsander

Der Alltag in Campo Benfeito ist mühsam. Es gibt kein Geschäft, der nächste größere Ort ist 17 Kilometer weg, das Handy hat keinen Empfang, das Internet ist langsam. Für Eduardo Correira, der heute die Truppe künstlerisch leitet, sind das keine Probleme. "Wir sind sowieso ständig unterwegs", sagt er lachend. Bei 48 Einwohnern kann man sich ausrechnen, wie oft man ein Stück in Campo Benfeito aufführen kann. (Brigitte Kramer, 26.2.2020)