Schon zu Weihnachten konnten nur wenige christliche Familien aus Gaza so wie hier am Übergang Erez, Israel betreten.

Foto: Reuters / Ibraheem Abu Mustafa

Eigentlich wollte George Antone das Osterfest mit seiner Familie in Jerusalem verbringen: an dem Ort, an dem Jesus laut der Bibel gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Und eigentlich wäre es für die katholische Familie nur ein Katzensprung: Sie wohnt in Gaza-Stadt, nur rund 80 Kilometer von Jerusalem entfernt. Doch mit der Reise wird es dieses Jahr nichts: George Antone, seine Frau und seine drei kleinen Töchter haben keine Genehmigung erhalten. Die Antones müssen Ostern zu Hause, im weitgehend abgeriegelten Gazastreifen, bleiben – wie wohl die meisten der mehr als 1000 anderen Christen dort auch.

Die Einreise von Gaza nach Israel ist seit Jahren stark eingeschränkt. Das hat auch Sicherheitsgründe: Der Gazastreifen wird von der Terrororganisation Hamas beherrscht, und Israel musste in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Anschläge erleben. Doch zu Ostern und Weihnachten nach Jerusalem und ins Westjordanland zu reisen, war für einen Teil der Christen bisher möglich. Diese Ostern ist es anders: Cogat, die israelische Koordinierungsstelle für Aktivitäten in den Palästinensergebieten, erlaubt nur 200 Christen, die älter als 55 Jahre alt sind, Gaza zu verlassen – und zwar nur, um nach Jordanien zu gelangen.

Verwirrende Angaben

Eine Anfrage des STANDARD, welche Gründe hinter dieser Entscheidung stecken, beantwortete Cogat nicht. Stattdessen hieß es aus Regierungskreisen am Karfreitag plötzlich, "hunderte Christen aus Gaza" dürften zu Ostern doch Jerusalem und die Westbank besuchen. Doch auf der Webseite von Cogat gab es dazu zunächst keinerlei Updates, zudem ist bis Sonntag der Grenzübergang zwischen Gaza und Israel nur für humanitäre Zwecke geöffnet.

Auch die israelische Non-Profit-Organisation Gisha, die sich für die Bewegungsfreiheit der Palästinenser einsetzt, hatte bis Freitagfrüh nichts von einer Änderung gehört. Sie weiß auch von keinen Christen, die schon eine der Genehmigungen erhalten hätten. Miriam Marmur, die internationale Medienkoordinatorin für Gisha, erläutert, dass selbst die 200 auf der Webseite gemeldeten Genehmigungen für Reisen nach Jordanien noch nicht verteilt wurden. Es handle sich bei der Zahl lediglich um eine Angabe, wie viele Genehmigungen potenziell erteilt würden, so Marmur.

Frustrierende Ungewissheit

Nach Angaben von Gisha ist es das erste Mal, dass Israel den Christen von Gaza den Zugang zu Jerusalem und zum Westjordanland komplett verweigert. "Solch eine umfassende Einschränkung der Reisefreiheit einer gesamten christlichen Gemeinde kann nicht mit Sicherheitsargumenten gerechtfertigt werden", sagt Marmur. "Israel schränkt die Mobilität zwischen Gaza und dem Westjordanland mehr und mehr ein, um die Teilung zwischen den Palästinensern zu verstärken und so die Annexion des Westjordanlands voranzutreiben und zu legitimieren." Weihnachten und Ostern 2017 erteilte Cogat laut Gisha noch je rund 700 Genehmigungen, und auch Ostern 2018 waren es noch 500 für die über 55-Jährigen.

Wer reisen darf und wer nicht, war aber auch in den Jahren zuvor nicht immer ganz klar: So konnte George Antone mit seiner Familie beispielsweise zu Weihnachten nach Bethlehem reisen. Ostern 2018 wiederum gab es für die Familie keine Erlaubnis. "Diese Ungewissheit ist frustrierend. Auch weil wir nicht wissen, warum wir manchmal reisen dürfen und dann wieder nicht", erklärt er.

Für die Menschen in Gaza wäre es allerdings dringend nötig, tatsächlich rauszukommen, erklärt Antone: "Abgesehen von den Feierlichkeiten brauchen sie Urlaub, um aufzutanken. Auch psychologisch ist das wichtig, bei allem, was sie in Gaza mitmachen." Die Lebensbedingungen im verarmten Küstenstreifen sind miserabel: Es mangelt an sauberem Wasser und Strom. Über eine Million Menschen sind auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Die Arbeitslosigkeit bei den Jungen liegt bei mehr als 70 Prozent.

Von Österreicher gegründet

Rund 1,9 Millionen Menschen leben im Gazastreifen. Nur rund 180 bis 200 der gut tausend Christen gehören der katholischen Kirche an, sagt Markus Bugnyar, Rektor des österreichischen Hospizes in Jerusalems Altstadt. Die meisten seien griechisch-orthodox.

Bugnyar erklärt, dass die katholische Kirche in Gaza-Stadt auf die Bemühungen eines Österreichers zurückzuführen ist: "Georg Gatt war einer meiner Vorgänger hier in Jerusalem. Im Jahr 1879 hat er in Gaza eine Dependance für Kaufleute und Händler gegründet." Daraus entstand die heutige Gemeinde zur Heiligen Familie mit ihrer eigenen Kirche. In ihr werden die meisten der katholischen Christen dieses Osterfest feiern. Die knapp 80 Kilometer entfernte Grabeskirche und die Via Dolorosa in der Jerusalemer Altstadt bleiben für sie in diesem Jahr unerreichbar. (Lissy Kaufmann aus Jerusalem, 19.4.2019)