Der Brand der Notre-Dame ist bedauerlich, die Hysterie jedoch künstlich erzeugt, erklärt Jérôme Segal. Einige Milliardäre inszenieren sich als große Wohltäter, für die Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche gebe es dagegen keine Spendenaufrufe, kritisiert der Historiker im Gastkommentar.

Die Franzosen wurden "ins Herz" getroffen – das waren die ersten Worte der Ansprache des französischen Präsidenten Emmanuel Macron über den Brand der Kathedrale von Notre-Dame. Dabei hofft er wohl, endlich einen Anlass gefunden zu haben, um von den Protesten der Gelbwesten ablenken zu können. Die Spendenankündigungen der Milliardäre überschlugen sich, als die Löscharbeiten noch im Gange waren. Bereits eine Milliarde Euro wurde für den Wiederaufbau der Kathedrale versprochen.

Das Dach brannte aus, jedoch wurden alle Kunstwerke gerettet, und viel wichtiger: Niemand ist gestorben. Ein Vergleich: Der Stephansdom wurde im April 1945 weitaus stärker beschädigt, und dennoch ragt er nach wie vor in seiner vollen Pracht in den Wiener Himmel. Die Kathedrale von Reims wurde im Ersten Weltkrieg fast zur Gänze zerstört und wieder aufgebaut, samt neuen, wunderschönen Kirchenfenstern von Marc Chagall. Man denke nur an das Paradoxon vom Schiff des Theseus. Werden nach und nach alle Teile des Schiffes ausgetauscht – die Sitzreihen, die alten Planken des Rumpfs, das Ruder und so weiter -, handelt es sich dann zuletzt noch um dasselbe Schiff?

Original oder Kopie? Einer der Wasserspeier von Notre-Dame blickt nach dem Brand auf die Stadt hinunter.
Foto: AP / Thibault Camus

Künstliche Hysterie

Der Einbau neuer Elemente ist auch bei historischen Artefakten und Gebäuden Teil natürlicher Veränderungsprozesse. Der Brand des Dachs von Notre-Dame ist bedauerlich, die Hysterie jedoch künstlich erzeugt. Als die Taliban 2001 die Buddhas von Bamiyan aus dem 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung zerstörten oder der "Islamische Staat" die Oasenstadt Palmyra in Syrien wegsprengte, war der Aufschrei überschaubar, die Zerstörung aber viel bedeutender.

In fünf Jahren wird in Paris wieder alles picobello sein. Der imposante Dachreiter aus den 1850er-Jahren wird nach der Wiederherstellung vielleicht anders aussehen, er wurde aber auch nachträglich und nicht während der ursprünglichen Entstehungszeit (12. bis 14. Jahrhundert) auf dem Giebel angebracht. Woher kommt plötzlich der weitverbreitete Konservatismus? Haben wir keine Lehren aus der Kontroverse um die Glaspyramide im Innenhof des Louvre gezogen?

Macron in einer Fernsehansprache Dienstagabend.
Foto: AP/Yoan Valat

Große Wohltäter

Macron startete indes einen Spendenaufruf, als ob er für ein Start-up Kapital beschaffen müsste. Das Kalkül hinter der Kampagne ist leicht durchschaubar: Ziel ist es, die allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung in ein nationales Einheitsgefühl umzumünzen. So hat die Regierung bereits angekündigt, im Rahmen der Kampagne "Chantiers de France" ("Baustellen Frankreichs") die Jugend in den Wiederaufbau der Kathedrale einbinden zu wollen. Während der Zeit des Vichy-Regimes existierte übrigens eine paramilitärische Einheit mit dem sehr ähnlichen Namen "Chantiers de la jeunesse française", das Philippe Pétain zur regimegetreuen Beschäftigung der Jugend nutzte, etwa im Wald oder bei Aufräumungsarbeiten.

In den sozialen Netzwerken kommt schnell die Anschuldigung, Frankreich nicht zu lieben, wenn man nach dem Brand nicht tief berührt ist. Es geschehen seltsame Dinge im laizistischen Frankreich. Einige Milliardäre wie Bernard Arnault oder François-Henri Pinault nutzten die Gelegenheit, um sich als große Wohltäter zu inszenieren, und sicherten einen Bruchteil ihres durch Steuerflucht ersparten Geldes zu. Dabei sind 60 Prozent der Summen steuerlich absetzbar (der Finanzberater von Pinault schlug nun sogar vor, die Absetzbarkeit auf 90 Prozent zu erhöhen!). Für die Opfer von sexuellem Missbrauch durch katholische Geistliche gibt es hingegen keine Spendenaufrufe. Erst vor einem Monat wurde der französische Kardinal Philippe Barbarin in erster Instanz der Nichtanzeige sexuellen Missbrauchs für schuldig befunden. Der Australier George Pell, Finanzchef und Nummer drei im Vatikan, wurde wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Seit Jahren steht die Doppelmoral der Kirche im Kreuzfeuer der Kritik.

Macron will die Kathedrale innerhalb von fünf Jahren wiederaufbauen.
Foto: APA/AFP/LIONEL BONAVENTURE

Signalwirkung für die Jugend

Und welche Signalwirkung hat das für die Jugend? Für ein Dach lukriert man sofort eine Milliarde an Spenden, weil die Holzbalken sehr alt waren, aber wenn täglich im Amazonas zweitausend Fußballfelder Bäume abgeholzt werden, scheint das niemanden zu stören. Junge Leute demonstrieren in der ganzen Welt für den Klimaschutz, ohne dass es die Milliardäre tangiert.

Vergangenen Dienstag sprach die 16-jährige Greta Thunberg vor dem Europäischen Parlament und brachte es auf den Punkt: Ja, "manche Gebäude sind mehr als nur Gebäude, aber Notre-Dame wird wieder aufgebaut werden". Für die junge Aktivistin ist unsere Zivilisation in Gefahr, und die hat vermutlich keine so starken Fundamente wie die Kathedrale. Ohne einschneidende Maßnahmen wird die Auslöschung der Menschheit um das Jahr 2030 seinen Lauf nehmen, fügte sie noch hinzu.

Gebet am Seine-Ufer mit Blick auf die Notre-Dame.
Foto: AP/Francisco Seco

Macrons Kreuzzug

In den Straßen Frankreichs versammelten sich Menschen, um für die Kathedrale zu beten. Und der österreichische Botschafter in Paris ging mit gutem Beispiel voran und sang mit seiner Frau Ave Maria! Man wähnt sich im Mittelalter und nicht im aufgeklärten Frankreich. Zeitgleich sprechen Journalisten des ORF davon, dass unter den Reliquien die Dornenkrone Jesu Christi aus der Notre-Dame gerettet werden konnte – sie schreiben damit die Märchenstunde der katholischen Kirche fort. Wenn man alle angeblichen Dornen, die sich in den verschiedensten Kirchen der Welt befinden, zusammentragen würde, ergäbe sich daraus ein riesiger Dornröschenwald. Ähnlich absurd muten die vierzehn "heiligen Vorhäute" des Herrn an, die im Laufe des Mittelalters über ganz Europa verteilt wurden.

Der Kreuzzug der französischen Regierung geht weiter: Am Pariser Rathaus wurde ein Kondolenzbuch aufgestellt, um Unterstützungsbotschaften zu sammeln. Der landesweite Nachrichtensender BFM erklärt, wie in Schulen über den "Brand des Jahrhunderts" gesprochen werden soll. Versinkt das laizistische Frankreich im Nationalkatholizismus – ganz à la Kaczynski oder Orbán? (Jérôme Segal, 20.4.2019)